• 22.07.2019

Das Männermagazin

Leutnant Dino kommentiert

Wolf Biermann ist mein persönlicher Held

mauer

» Artikel vom

Vor 25 Jahren hat das deutsche Volk die Grenze der DDR zur BRD geöffnet. Die sogenannte Mauer wurde eingerissen. Altkommunisten bezeichnen diese Mauer noch heute als antifaschistischen Schutzwall. Alle sind sich einig, dass diese Mauer fast unüberwindbar war und zwei deutsche Staaten trennte. Das war Unrecht und widerspricht den Freiheitsgedanken der Menschen.

Der Deutsche Bundestag hat den deutschen Liedermacher Wolf Biermann eingeladen, um dort ein Lied zu trällern. Über die musikalischen Qualitäten des Wolf Biermann läßt sich streiten, doch wer den Sprechgesang mag, wird ein Fan von Biermann sein.

Wolf Biermann hat sich über die parlamentarischen und demokratischen Gepflogenheiten im Bundestag hinweg gesetzt und eine kleine Ansprache gehalten, was er nach dem Protokoll nicht durfte. Allen Bundestagsmitgliedern war vorher klar gewesen, dass Biermann mit den Linken abrechnen würde und das ist sein gutes persönliches Recht. Der Fehler, dass Biermann von sich auf andere schließt und sich anmasste, für alle Deutschen zu sprechen, ist ein kleiner Lapsus. Man möge ihm das verzeihen. Was er sagte, war erfrischend und gut. Ich habe mich prächtig amüsiert.

Nun hat Biermann etwas wirklich Tolles gesagt und er lässt sich nicht den Mund verbieten, wie es in der DDR praktiziert wurde. Das war ein echter Schenkelklopfer, denn die freie Rede ist leider in einigen Bereichen in Deutschland unerwünscht, gar verboten. Kein Bürger der Bundesrepublik Deutschland darf sich ohne Rechtsanwalt vor dem Landgericht bzw. Oberlandesgericht selbst verteidigen. Der Delinquent hat die Fresse zu halten und wird einfach verurteilt. Das nennt man Versäumnisurteil. Der gut ausgebildete Richter urteilt nicht nach Recht und Gesetz, sondern übernimmt die Forderungen der Kläger. Kaum vorstellbar, wenn der Beklagte ohne Anwalt es wagt, auf die Richterin zuzugehen oder gar zu sprechen. Das ist verboten. Demokratie hin oder her. Die Spielregeln, was Demokratie ist, legt die Regierung fest und damit dürfte es einleuchtend sein, dass es so keine absolute Demokratie geben kann.

Zurück zum Fall der Mauer. 1989 war der Beginn einer neuen Ära der DDR-Bürger, denn sie besaßen nun alle Freiheiten. Nicht die Gesellschaft wurde gestärkt, sondern die persönliche Freiheit und die Selbstbestimmung des Einzelnen. Jeder war nun für sich selbst verantwortlich. Das war der Wille des ostdeutschen Volkes. Die nicht unwichtige Nebensächlichkeit, dass der Wohlstand keinesfalls für alle Ossis reichen würde, hat die Masse verdrängt. Wer allerdings etwas Bildung und Hirn hatte, der hat genau diesen Braten gerochen. In der Schule aufzupassen, hat noch niemandem geschadet.

Nun bin ich selbst ein Kind und Bürger der Deutschen Demokratischen Republik gewesen. Als die Mauer eingerissen wurde, schaute ich als 24jähriger ziemlich bedeppert auf den Fernseher. Mir war sofort klar, dass ich als junger Leutnant der Nationalen Volksarmee meinen Beruf vergessen konnte. Ich konnte es mir einfach nicht vorstellen, mal flott die Fronten zu wechseln und als Kommunist zum Nato-Mitglied zu werden. Das ist weniger eine politische Frage, sondern eine Sache des Stolzes. Ehemalige NVA-Offiziere wurden nach der Wiedervereinigung degradiert und durften noch einige Jahre Soldat spielen, um dann entlassen zu werden. Das war keine Perspektive, sondern eine Demütigung. Dieses Verhalten der Sieger über die Besiegten ist verständlich und fand den Jubel fast aller Widerstandskämpfer in der DDR. Nach 1989 gab es sowieso nur Widerstandskämpfer und kaum noch Kommunisten. Das ist mysteriös und zugleich belustigend.

Und so hatte ich als junger Leutnant der NVA meine Kündigung eingereicht. Ich bildete mir ein, dass Klasse und Können sich durchsetzen werden und ich spielend leicht eine neue Arbeitsstelle in der Wirtschaft bekomme. Das habe ich damals sehr blauäugig gesehen, denn auf der Insel Rügen waren Ex-Offiziere nach der Wende verpönt. Eine Arbeitsstelle gab es nicht für mich. Und so setzte ich mich an meine neue Schreibmaschine und verschickte über 80 Bewerbungen mit dem Erfolg, dass ich keine einzige Einladung zu einem Vorstellungsgespräch bekam. Meine damaligen Nachbarn im Ostseebad Binz rieben sich die Hände, dass die dumme Kommunistensau – damit war ich gemeint - keinen Job bekam und wohl bald zum Arbeitsamt gehen muss. Und so kam es auch. Ich ging zum Arbeitsamt und da die Insel Rügen ein kleines Nest war und immer noch ist, erkannten mich einige Mitbürger, die sofort maulten, dass ich kein Recht auf Arbeitslosengeld hätte. Schließlich sei ich am System und am Mauerbau schuldig. Da musste ich schmunzeln, denn wer nicht weiß, dass die Mauer 1961 gebaut und ich erst einige Jahre später geboren wurde, wird sicherlich nicht zur Elite aufsteigen. Schon damals hatte ich mein arrogantes Grinsen drauf und beschmunzelte die Widerstandskämpfer, die nun ihre Karriere wie ich beim Arbeitsamt begannen. Meine Arbeitslosigkeit sollte jedoch nicht länger als 8 Wochen dauern.

Mir wurde klar, dass ich in meiner Heimat, der Insel Rügen, keine Chance auf einen Arbeitsplatz hatte und so bin ich mit meinem Trabbi nach Hamburg gefahren. Ich checkte in ein günstiges Hotel ein und klapperte zu Fuß einige Baufirmen ab. Ich ging in die Firmen und fragte nach einem Job als Bauleiter. Mein Selbstbewusstsein war damals wie heute ausgeprägt. Als Ex-Leutnant braucht man sich schließlich nicht zu verstecken.

Nach zwei Tagen der Akquisition hatte ich eine Anstellung in einer mittelständischen Baufirma in Hamburg gefunden. Mein erstes Gehalt lag bei 3.300,- DM brutto, nach einem halben Jahr hatte ich mehr als das Doppelte und obendrein einen brandneuen Firmenwagen, einen VW Passat mit Autotelefon. Das war 1991 ein echtes Statussymbol und Ausdruck von beruflichem Erfolg. So ein Autotelefon kostete knapp 13.000,- DM.

In Hamburg hatte ich anfangs nur ein kleines Zimmer und pendelte zwischen der Hansestadt und der Insel Rügen. Und schon hatten die Widerstandskämpfer, meine Nachbarn, wieder etwas zu kritisieren. Sie maulten, dass ich als Ex-Offizier und Marxistensau wie ein Fettauge oben schwimme und natürlich wieder die Sahne abbekomme, während sie sich beim Arbeitsamt anstellen müssen. Die Folge war zerkratzter Lack meines Firmenwagens und zerstochene Reifen. Nun wurde es höchste Eisenbahn komplett nach Hamburg zu ziehen.

Da ich in der Schule aufgepasst hatte wusste ich, dass Firmen im Kapitalismus auf Qualität und Können ihrer Mitarbeiter achten und nicht auf ihre politischen Erfolge im Kampf gegen den Sozialismus der DDR. Und so trällere ich noch heute das Lied der Freiheit und Selbstbestimmung. Die Politik ist mir egal und sie lässt sich eh nicht ändern. Auf meine Selbstbestimmung poche ich noch heute. Deswegen ist mir meine Unterhaltspflicht egal. Das wäre in der DDR nicht möglich gewesen, den Unterhalt zu prellen und obendrein noch das große Maul zu haben. Und deswegen bedanke ich mich bei allen Bürgern der DDR, die auf die Straße gegangen sind und die Wende herbeigeführt haben. Mir geht es heute besser als in der DDR, wobei ich damals schon gut dort lebte. Mir ist es egal, ob die DDR ein Unrechtsstaat war oder nicht. Diese politische Einschätzung ist mir wurscht. Wichtig ist nur, dass es mir gut geht und das ist mein persönliches Recht im heutigen System.

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