Gastautor: A.M.
Fliegen ist was Unbeschreibliches.
Ich weiß gar nicht mehr genau, wann das angefangen hat. Wahrscheinlich mit diesen kleinen Styroporfliegern, danach kamen Metallflugzeuge, der Flugsimulator am PC und irgendwann reichte mir das alles nicht mehr. Also machte ich selbst den Sportpilotenschein.
Dann kam mein Unfall. Danach war es rum mit selbst fliegen.
Das Fliegen war nicht einfach nur ein Hobby. Das war Freiheit. Raus aus dem ganzen irdischen Geschiss, weg vom Lärm, weg von den Kohlenstoffeinheiten. Oben ist oben. Unten ist unten. Und dazwischen ist erstmal Ruhe.
Heute fliege ich nicht mehr selbst. Aber ganz weg ist das Thema nie gegangen. Ich schaue mir immer noch gern die Giganten der Lüfte an. Am Flughafen stehen, Triebwerke hören, diese riesigen Maschinen sehen und denken: Wie zur Hölle bekommt der Mensch sowas in die Luft? Und weil ich mich für Funktechnik interessiere und außerdem gern bastle, war der nächste Gedanke nicht weit weg: Kann man diese Flugzeuge eigentlich selbst empfangen?
Kann man.
Natürlich nicht einfach alles abhören, was irgendwo durch die Luft fliegt. Rechtlich sollte man schon wissen, was man tut. Aber Transponderdaten, ADS-B, also das, was Flugzeuge automatisch aussenden, kann man mit relativ einfachen Mitteln empfangen. Und mit Raspberry Pi, SDR-Stick und zu vielen Ideen im Kopf ist der Weg vom „könnte man mal machen“ bis „warum liegt hier schon wieder Kupferdraht auf dem Tisch?“ nicht besonders weit.
Also hab ich da mal was gebastelt.
Die Grundzutaten waren überschaubar: ein Raspberry Pi 4, ein Nooelec RTL-SDR-Stick, ein Adapter von SMA auf PL, etwas RG58-Kabel, zwei PL-Stecker und später noch eine Einbau-PL-Buchse. Dazu Kupferdraht, Kabelschuhe, Schrauben, Beilagscheiben, Sprengringe, Muttern und das übliche Zeug aus der Bastelkiste.
Der Raspi zieht ca. 5W dauerhaft, das sind 43,8 kWh/Jahr, also kostet mich der Raspi ca 20 € im Jahr, ein Premiumzugang bei flightradar24.com kostet 60,- €. Den bekommt man nämlich, wenn man seine ADS-B Daten zur Verfügung stellt.
Als Erstes baute ich mir eine ganz simple Antenne. Zwei Drähte, jeweils ungefähr 68 Millimeter lang, direkt an einen PL-Stecker gelötet. Also ein kleiner Dipol für 1090 MHz. Sieht nicht spektakulär aus, funktioniert aber. Genau das mag ich an Funktechnik. Du kannst für viel Geld glänzende Antennen kaufen oder du lötest zwei Stücke Draht an einen Stecker und plötzlich zeigt dir der Rechner Flugzeuge an, die gerade irgendwo über Süddeutschland unterwegs sind. Das hat schon was.
Der erste Aufbau lief einige Wochen. Raspberry Pi dran, SDR-Stick dran, Antenne ans Fenster, Flightradar24-Image draufgespielt, eingerichtet und laufen lassen. Und tatsächlich: Da waren sie. Kleine gelbe Flugzeugsymbole auf der Karte. Aus einem Stück Draht wurde ein kleines Fenster in den Himmel.
Aber wie das halt so ist: Wenn etwas funktioniert, ist das schön. Wenn etwas funktioniert, fragt Mann sich aber auch sofort, ob es nicht noch besser geht.
Also kam Antenne Nummer zwei.
Diesmal eine Groundplane. Wieder Kupferdraht, aber jetzt mit senkrechtem Strahler und vier Radialen. Als Basis diente eine Einbau-PL-Buchse. Die Löcher musste ich etwas aufbohren, weil ich natürlich keine passenden Schrauben hatte. Wer beim Basteln immer das passende Material hat, macht entweder was falsch oder hat einen deutlich besser sortierten Keller als ich. Irgendwann war alles so miteinander verheiratet, bis es elektrisch und mechanisch Sinn ergab.
Als Antennenmast musste ein abgesägtes Magnesiumtablettenrohr herhalten.
Ja, richtig gelesen. Magnesiumtablettenrohr.
Man kann lachen, aber genau das ist ja das Schöne. Das Zeug lag herum, war rund, stabil genug und passte in die Halterung. Obendrauf die Groundplane, unten eine Halterung aus Metall, Winkel, Verbinder für Holzbalken und ein Antennenhalter, der eigentlich an eine Platte gehört. Das Ganze wurde dann ins Dachfenster geklemmt. Schön ist anders, aber „schön“ war auch nie die Hauptanforderung. Es musste halten und empfangen.
Und das tat es.
Ursprünglich wollte ich den ganzen Krempel draußen im Fahrradschuppen montieren. Strom wäre über eine 50-Ah-Batterie mit Solarpanels auch da gewesen. Also eigentlich ein schönes kleines autarkes Empfangssystem: Raspberry Pi, SDR, Antenne, Sonne, fertig.
Aber dann passierte etwas Unverschämtes: Es funktionierte schon am Dachfenster ziemlich gut.
Und nun steht man da. Einerseits sagt der Bastler im Kopf: Raus damit, höher, freier, besser, optimieren! Andererseits sagt der bequeme Teil: Junge, es läuft doch. Never touch a running system.
Ich empfange aktuell Daten im Umkreis von grob 300 Kilometern um Nürnberg herum. Beim ersten Dipol waren es eher um die 200 Kilometer. Die Groundplane hat also spürbar was gebracht. Durch das Hausdach ist der Empfang natürlich nicht rundum gleich gut. Richtung Südwesten geht deutlich mehr. Trotzdem ist der Erfassungsbereich ordentlich: München, Allgäu, Stuttgart, Frankfurt am Main, Bamberg, Nürnberg. Für ein abgesägtes Tablettenrohr mit Kupferdrähten am Dachfenster finde ich das nicht schlecht.
Anfang November 2025 habe ich mit der Aufzeichnung angefangen. Seitdem läuft das Ding vor sich hin. Täglich sehe ich zwischen ungefähr 1500 und über 2000 Flugzeuge. Es werden über 500.000 Positionsmeldungen am Tag verarbeitet, dazu über zwei Millionen Hits. Die maximale Entfernung lag bei rund 139 nautischen Meilen, also etwa 257 Kilometern. Da sitzt man daheim, im Dachfenster steckt ein Stück Bastelkunst, und der kleine Rechner sammelt Daten von Flugzeugen, die über Süddeutschland rauschen.
Natürlich gibt es bei Flightradar24 auch ein Ranking. Global lag ich mal irgendwo um Platz 46.800 herum. Das war schon besser. Dann stellte ich fest, dass ich eine schaltbare Steckdose mit programmierten Ein- und Ausschaltzeiten benutzt hatte. Klassiker. Man sucht an Antenne, Software, Netzwerk, Raspberry Pi und am Ende ist es eine Steckdose, die meint, sie hätte jetzt Feierabend. Danke für nichts.
Was mich an den Daten so reizt, ist nicht nur „da fliegt ein Flugzeug“. Das ist ja nur die Oberfläche. Spannend wird es, wenn man tiefer hineinschaut. Man sieht Rufzeichen, zum Beispiel DLH8P, und plötzlich ist da nicht mehr nur ein Symbol, sondern ein Lufthansa A380. Man sieht Start- und Zielflughafen, etwa München nach Boston. Man sieht Flughöhe, barometrisch und GPS, Steigrate oder Sinkrate, Geschwindigkeit über Grund, Richtung, Temperatur und die Geschwindigkeit in Mach.
Und man sieht auch besondere Transpondermeldungen, also ob da oben irgendwas nicht nach Plan läuft. Notfall an Bord, Funkprobleme, sowas in der Richtung. Das ist dann kein Computerspiel mehr. Da oben sitzen echte Menschen in einer echten Maschine in einer echten Situation. Genau dieser Moment holt einen wieder runter. Technik ist geil, aber sie ist nicht abstrakt. Am Ende hängt immer Leben dran.
Ein A380 mit ungefähr 454 Knoten über Grund, Mach 0.836, draußen minus 42 Grad. Das sind keine trockenen Zahlen mehr, sondern Technik, Physik und Fernweh in einem Datenpaket.
Man kann einzelne Flugzeuge markieren und verfolgen. Das habe ich auch schon bei Militärmaschinen gemacht, als es in der Ölstrasse losging. Dann sitzt man da und verfolgt, wohin so ein Flieger zieht, wo er kreist, wo er verschwindet. Dazu kommt die Flughistorie. Bei manchen Maschinen kann man sehen, wo die in den letzten Monaten unterwegs waren, inklusive GPS-Routen. Da kann ich mich drin verlieren. Man schaut mal kurz rein und plötzlich sind einige Stunden weg. Zack. Universum so: Bitteschön.
Das Ganze passt ziemlich gut zu diesem Funktechnik-Hirn. Man fängt mit einer einfachen Frage an und landet dann in Kabeldämpfung, Antennenlänge, Stehwelle, Steckern, Adaptern, Frequenzen, Protokollen und rechtlichen Grenzen. Man lernt nebenbei, weil man wissen will, warum die Scheiße jetzt nicht geht. Oder warum sie plötzlich besser geht, obwohl man nur irgendwas am Fenster verschoben hat.
Und genau deswegen mag ich dieses Hobby so.
Funk ist nicht nur senden und auf Antwort warten. Funk ist auch hören. Gerade im Amateurfunk ist das Mithören auf den dafür vorgesehenen Bändern ausdrücklich erwünscht. Man muss nicht sofort ein Mikrofon in die Hand nehmen und „CQ“ rufen. Es gibt sogar den eigenen Status als SWL, also Short Wave Listener. Da hört man Funkverkehr mit, dokumentiert Rufzeichen, Zeiten, Frequenzen, Empfangsberichte und wächst erstmal in die Materie rein. Für mich ist das ein schöner Einstieg, weil man nicht gleich die ganze Welt vollquatschen muss, sondern erstmal verstehen darf, was da überhaupt passiert.
Und dann merkt man schnell: Das ist ein riesiges Feld.
Man kann ISS (auf 437.800 MHz) und andere Amateurfunksatelliten abhören. Das geht teilweise schon mit einem popeligen Mini-Baofeng für ca. 25 Euro beim Asiaten meiner Wahl, wenn man eine halbwegs brauchbare Antenne dranschraubt. Natürlich ist das dann noch nicht High-End, aber darum geht es am Anfang gar nicht. Am Anfang geht es darum, dass man plötzlich etwas hört, was nicht aus dem Internet kommt, sondern direkt aus der Luft. Direkt da. Über einem. Unsichtbar, aber real.
Das hat für mich etwas Erdendes. Klingt komisch, weil es ja um Funkwellen, Flugzeuge und Satelliten geht. Aber es ist so. Ich löte Draht an einen Stecker, schraube einen Halter ans Fenster, starte einen Raspberry Pi und sehe echte Signale aus der Welt. Kein Algorithmus, keine Meinungssuppe. Einfach Technik. Ursache, Wirkung, Fehler, Verbesserung.
Und manchmal reicht genau das.
Der kleine ADS-B-Empfänger am Dachfenster ist kein Weltwunder. Es ist ein Raspberry Pi, ein SDR-Stick, ein paar Meter RG58 und eine selbstgebaute Groundplane auf einem Magnesiumtablettenrohr. Aber für mich ist es mehr als das. Es ist ein Stück zurückgeholte Flugsehnsucht. Ich kann nicht mehr selbst fliegen, aber ich kann den Himmel lesen. Nicht vollständig, nicht perfekt, aber genug, um wieder ein bisschen Verbindung zu diesem alten Gefühl zu bekommen.
Und wenn dann auf der Karte ein A380 auftaucht, irgendwo hoch oben, Richtung Westen, dann schaue ich kurz hin und denke mir: Flieg du mal. Ich höre mit.
Bilder:
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