Gastautor: Quotenfeminist
Es gibt Mythen, die einfach unverwüstlich sind. Atlantis. Nessie. Deutsche Pünktlichkeit. Und natürlich: regelmäßiger Sex in der Ehe.
Wer diesen Mythos in Umlauf brachte, hatte entweder noch nie geheiratet oder war gerade auf der dritten Flasche Rotwein. Denn jeder, der schon mal ernsthaft „Ja“ gesagt hat, weiß: Ab dem Moment, in dem die Ringe glänzen, tut es die Leidenschaft nicht mehr. Aus dem romantischen Vulkan wird über Nacht eine dampfende Wärmflasche.
Gemütlich, ja. Aber nicht unbedingt sexy.
Trotzdem geben viele die Hoffnung nicht auf. Schließlich ist die Ehe ein Abenteuer – zumindest laut Traurednern, die dafür bezahlt werden, das zu behaupten. In Wahrheit erinnert das Abenteuer eher an einen Campingausflug, bei dem das Zelt einen Reißverschluss klemmen hat und einer ständig ruft: „Kannst du bitte mal dein Handtuch wegräumen?“
Noch bevor man’s merkt, verwandelt sich das große Versprechen ewiger Leidenschaft in den verhaltenen Versuch, wenigstens denselben Netflix-Algorithmus zu behalten. Statistik und Realität – zwei Welten, ein Bett.
Forscher behaupten, verheiratete Paare hätten im Schnitt 58-mal im Jahr Sex. Das klingt zunächst beeindruckend, bis man den Taschenrechner zückt. 58 Mal. Das sind knapp fünfmal im Monat.
Wenn man Geburtstagssex, Urlaubslaune, „Wir waren betrunken“-Ausreißer und die legendäre „Heute ist Valentinstag, also komm schon“-Episode abzieht, landen wir bei – na ja – einem unentschlossenen Versuch alle drei Wochen.
Paare mit Kindern gehören ohnehin in eine eigene Liga. Deren Wecker klingelt um 6:00 Uhr nicht für Frühsex, sondern weil die Kleinste um 6:03 Uhr „Pipi!“ ruft.
Es gibt sie, die Ausnahmen: Paare, die nach Jahrzehnten noch wild übereinander herfallen. Aber die gibt’s auch beim Marathonlauf mit 90 – beeindruckend, aber nichts, woran man den Durchschnitt misst.
Für den Rest gilt: Die Kunst der Ausrede ist eine olympische Disziplin.
Die Klassiker kennt jeder:
"Ich hab Kopfschmerzen."
"Die Kinder können jederzeit wach werden."
"Mein Rücken – bestimmt vom Staubsaugen."
"Ich hab zu viel gegessen, ich bin praktisch unbeweglich."
Doch wahre Eheprofis schaffen es, ohne Worte zu kommunizieren. Ein Seufzer beim nächtlichen Gang ins Bad, ein müdes Nicken nach dem Wetterbericht – das reicht schon. „Heute nicht, oder?“ – „Nee.“ – „Gut.“ Kein Drama, kein Streit, kein Blutdruckproblem. Nur stille Eintracht zwischen zwei Menschen, die sich lieben, aber auch ihre Ruhe lieben.
Natürlich bemühen sich Paare, das Feuer wieder zu entfachen. Sie kaufen Dessous, buchen romantische Wochenenden oder wagen sich in das Territorium der Rollenspiele. Das Problem: Theorie klingt aufregend, Praxis scheitert schon an der Realität. Wenn man die Anleitung für Massageöl liest („Vor Gebrauch schütteln“) und sich denkt: „Wenn jetzt noch was geschüttelt wird, dann höchstens mein Nervenkostüm“, weiß man – Leidenschaft braucht kein Öl, sondern Urlaub.
Tatsächlich ist der Todfeind der ehelichen Erotik nicht Routine, sondern Erschöpfung. Acht Stunden Job, zwei Stunden Haushalt, eine Stunde Kinderlogistik und fünfzehn unbeantwortete WhatsApp-Nachrichten lassen keinen Raum für Flirtfantasien. Das Gehirn denkt bei Steuerbescheiden, nicht an Striptease. Eheliche Erotik stirbt selten an Desinteresse. Sie verdurstet einfach an Zeitmangel. Man will ja, ehrlich! Aber dann ist da dieser Moment, wo man sich aufs Bett legt – und merkt, dass die schönste Berührung des Tages die der Bettdecke ist.
Lange Beziehungen leben nicht von ständigen Höhepunkten, sondern von stillen Kompromissen. Zum Beispiel: Einer kocht, der andere lobt. Einer schläft zuerst, der andere schaltet das WLAN aus. Das ist Zärtlichkeit 2.0 – unspektakulär, aber alltagstauglich.
Und wenn es dann doch mal passiert – halleluja! – ist es kein filmreifer Slow Motion Moment, sondern eher ein logistisches Wunder. Ein kurzer Augenblick zwischen Einkaufsliste und Müdigkeitsanfall, in dem zwei Menschen innehalten und denken: „Na komm, jetzt oder nie. Sonst wird es erst wieder was im nächsten Quartal.“
Natürlich entwickeln Paare auch kreative Alternativen. Humor ist das beste Gleitmittel – sagen zumindest die, die keins mehr im Nachttisch haben. Das gemeinsame Streamen ersetzt heutzutage das Vorspiel. Wer gemeinsam acht Folgen Squid Game 5 überlebt, teilt eine tiefere Bindung als jedes Tantra-Retreat. Oder Gartenarbeit: Wenn man beim Unkrautzupfen nebeneinander kniet, kann man kurz vergessen, dass man seit Wochen kein Date hatte – und sich immerhin über die ordentliche Bodenstruktur freuen.
Joggen hilft auch, sagt man. Es schafft zumindest das Gefühl, gemeinsam Leiden zu überwinden. Und wer weiss, beim gemeinsamen Duschen danach kann durchaus einiges passieren. Selbst über Sex zu reden wird oft schon als Zärtlichkeit verbucht. Weniger anstrengend, dafür mit ähnlichem Unterhaltungswert. Es zählt die Geste, nicht der Schweiß. „Regelmäßiger Sex“ ist das Einhorn der Ehemythen – alle reden darüber, keiner hat's gesehen. Aber wer sagt, dass das schlimm ist? Vielleicht ist der Trick gar nicht, mehr Sex zu haben, sondern ihn weniger verbissen zu suchen.
Humor bringt Nähe. Nähe bringt ... naja, vielleicht Sex. Und wenn nicht – wenigstens ein „Wir gegen den Rest der Welt“-Gefühl. Denn nichts ist erotischer, als gemeinsam über dieselben Katastrophen zu lachen. Zum Beispiel, wenn das Kondom auf den Boden fällt, der Nachbar Schlager hört oder das Bett knarzt, als wolle es Rücktritt einreichen.
Ehelicher Sex ist wie Pizza: Selbst wenn er nicht perfekt ist, ist er immer noch ziemlich gut. Und wenn er völlig daneben geht – wenigstens hat man eine Geschichte, die man Freunden beim Wein erzählen kann. Wir leben in einer Zeit, in der alles bewertet wird – auch die Leidenschaft. Instagram zeigt uns perfekte Paare mit Yoga-Posen und Filterglow. Niemand postet: „Heute wieder nebeneinander eingeschlafen, weil das Kind Albträume hatte.“ Dabei wäre das die ehrlichere Liebeserklärung.
Wahre Nähe entsteht nicht vor der Kamera, sondern zwischen Zahnpastatuben, Krümeln im Bett und gemeinsam überstandenen Virusinfekten. Es sind diese kleinen Dinge – der Kuss im Türrahmen, das Mitleid beim Husten, das Teilen der letzten Schokoecke – die Intimität schaffen. Und ja, manchmal, ganz selten, führt das auch wieder zu echtem Sex. Meist dann, wenn keiner damit rechnet. Nach dem Abwasch. Beim Wäscheaufhängen. Oder während einer absurden Diskussion über Versicherungen.
Leidenschaft ist wie WLAN: unsichtbar, unzuverlässig, und man merkt erst, wie sehr man sie vermisst, wenn sie plötzlich wieder funktioniert. Um das Feuer wenigstens auf Sparflamme zu halten, braucht es keine Tantra-Ausbildung, nur eine Prise Humor. Eine Umarmung ohne Hintergedanken kann Wunder wirken – und den Kreislauf schon mal warmlaufen lassen.
Wer gemeinsam über sein Dilemma lacht, hat die Hälfte der Spannung zurück – vielleicht nicht die erotische, aber die emotionale. Der Kuss zum Abschied. Kein Sex, aber gutes Training. Quasi der Pilateskurs der Leidenschaft. Ein kleines Geheimnis. Selbst wenn’s nur das Versteck von Schokolade ist – kann Wunder wirken. Denn wie schon ein gewisser Witz besagt, spielt sich echte Liebe im Kopf ab.
Sie: "Echte Liebe spielt sich im Kopf ab."
Er: "Ok, dann öffne mal schon mal deinen Mund."
Am Ende bleibt die Erkenntnis: Regelmäßiger Sex in der Ehe ist möglich – aber selten planbar. Je mehr man ihn erzwingen will, desto schneller klettert raus aus dem Schlafzimmerfenster. Ironischerweise passiert’s dann, wenn man längst aufgegeben hat. Und das ist irgendwie romantisch – auf diese erschöpft-ehrliche, alltagstaugliche Art. Denn Liebe in der Ehe ist kein Feuerwerk. Sie ist ein Lagerfeuer. Und wenn man’s pflegt, wärmt es – auch ohne ständig in Flammen zu stehen.
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