Gastautor: Fire in the Hole

Prolog: Vom Regen in die Therapie

Ich habe eine abenteuerliche Reise hinter mir – und nein, das war kein Backpacking durch Thailand mit anschließender Erleuchtung unterm Bodhi-Baum. Es war das pralle Leben mit allem Drum und Dran: Beruflicher Stress, der einen langsam aber sicher auffrisst wie Termiten einen Dachstuhl, und Depressionen, die sich einschleichen wie ungebetene Gäste, die dann auch noch die Füße hochlegen und behaupten, sie gehören zur Familie. Irgendwo in diesem Chaos wurde mir der Besuch eines Psychotherapeuten nahegelegt. Nicht vom Hausarzt – nein, der hätte mir vermutlich erstmal Baldrian verschrieben und guten Gewissens "Gute Besserung" gewünscht. Es war eine dieser gut gemeinten Empfehlungen aus dem Freundeskreis, ausgesprochen mit der Selbstverständlichkeit, mit der man sonst einen neuen Friseur empfiehlt.

60 Therapiestunden wurden mir gewährt – eine magische Zahl, die sich anhört wie ein Versprechen auf Heilung, aber auch ein bisschen wie eine Bewährungsstrafe. Nun sitze ich hier und möchte einen Erfahrungsbericht geben, der hoffentlich anderen erspart, was ich durchgemacht habe. Oder zumindest dabei hilft, die richtigen Fragen zu stellen, bevor man sich auf die Couch legt und sein Seelenleben ausbreitet wie einen Flohmarkt-Stand.

Kapitel 1: Das große Therapie-Casting

Es gibt prinzipiell zwei große Therapieformen, die einem die Krankenkasse ohne größere Diskussion bewilligt: Die Verhaltenstherapie und die tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie – oder kurz: Die eine, bei der man lernt, anders zu reagieren, und die andere, bei der man erstmal verstehen soll, warum man überhaupt so reagiert, wie man reagiert.

Die Verhaltenstherapie ist sozusagen der Pragmatiker unter den Therapieformen. Hier wird nicht lange herumphilosophiert, sondern angepackt: "Du hast Angst vor Spinnen? Dann schauen wir uns mal Spinnen an!" Es ist die Methode für Menschen, die gerne To-Do-Listen abarbeiten und konkrete Erfolge sehen wollen. Quasi die IKEA-Variante der Psychotherapie: praktisch, funktional und mit Anleitung.

Die tiefenpsychologische Therapie hingegen ist eher der Antiquitätenhändler: Hier wird in der Vergangenheit gewühlt, bis man das gute Stück findet, das erklärt, warum das Leben heute so aussieht, wie es aussieht. "Aha, du hast also mit fünf Jahren mal einen blauen Luftballon verloren – das erklärt deine heutige Bindungsangst!" Etwas überspitzt formuliert, aber du verstehst das Prinzip.

Mir wurde die Psychotherapie ans Herz gelegt, vermutlich weil jemand dachte, ich sei ein komplizierter Fall, der eine tiefere Analyse verdient. Schmeichelnd, auf eine masochistische Art und Weise. Aber so etwas zu bekommen ist eine Kunst für sich! Die Wartelisten sind länger als die für eine Organtransplantation, und die Therapeuten scheinen sich ihre Patienten auszusuchen wie Michelin-Tester ihre Restaurants. Ich habe dann ein Institut gefunden, wo junge Hüpfer nach ihrer Ausbildung praktizieren dürfen – quasi das Autohaus, wo die frischen Gesellen erst mal an den älteren Modellen üben, bevor sie an die neuen BMWs dürfen.

Kapitel 2: Generation Z auf der Therapeutencouch

Meine Therapeutin war so Generation Z, dass ich fast erwartet hätte, sie würde das Gespräch mit einem TikTok-Dance beginnen. Eine Zoomer-Frau, wahrscheinlich gerade mal Ende zwanzig, die aussah wie eine Ökotante auf dem Weg zum Klimaprotest – aber auf eine sympathische Art. Haare zu einem nachlässigen Dutt zusammengebunden, Brille mit dem leicht intellektuellen Touch, und ein Outfit, das schrie: "Ich kaufe nur fair gehandelte Kleidung und mein Müsli kommt aus dem Unverpackt-Laden."

Ich dachte erst, die ist noch hochmotiviert, frisch aus der Ausbildung, da versuchst du es. Jugendlicher Elan kann manchmal Wunder wirken, und ich wollte keineswegs mit ihr ins Bett – eine wichtige Voraussetzung für eine funktionierende therapeutische Beziehung, wie ich mir einredete. Das Sprechzimmer war so eingerichtet, wie man sich eine Psychotherapiepraxis vorstellt: gedämpfte Farben, ein paar strategisch platzierte Pflanzen (vermutlich pflegeleicht, falls mal ein Patient einen Nervenzusammenbruch hat und gießt), und natürlich DIE Couch. Nicht die klassische Freud'sche Chaiselongue, auf der man liegt und an die Decke starrt, sondern so ein modernes Ding, auf dem man sitzt und seinem Gegenüber in die Augen schauen kann. Augenhöhe ist wichtig, wurde mir erklärt. Macht Sinn – außer man will gerade nicht gesehen werden.

Kapitel 3: Erzähl mal von deinem Leben

Die ersten Stunden sind immer dasselbe Ritual: Du erzählst, was alles passiert ist in deinem Leben, und der Therapeut nickt wissend und macht sich Notizen. Es ist ein bisschen wie Speed-Dating, nur dass am Ende nicht die Telefonnummer ausgetauscht wird, sondern ein Behandlungsplan erstellt wird. Ich plapperte also brav meine Lebensgeschichte herunter: berufliche Höhen und Tiefen, familiäre Eigenarten, die üblichen Pleiten, Pech und Pannen, die ein Menschenleben so mit sich bringt. Sie hörte zu mit der Geduld eines Beichtvaters, nur ohne die Absolution am Ende.

Dann versucht man Ziele zu stecken, wie es danach weitergehen soll. Klingt logisch, ist auch logisch. Nur was dabei herauskommt, ist etwa so konkret wie ein Politiker-Statement zur Steuerreform. Ich dachte so: mal weniger depressiv zu sein (revolutionärer Gedanke!), einen vernünftigen Job zu finden (als ob das so einfach wäre), das Alte hinter mir zu lassen (klingt wie aus einem Selbsthilfe-Buch) und erkennen zu können, was gut für mich ist (ach, das wär schön!).

Die erste Erkenntnis: Alles schön schwammig lassen! Das frustrierte mich maßlos. Wie soll man Ziele erreichen, wenn man sich weigert, sie konkret zu definieren? Es war wie Dart spielen mit verbundenen Augen und ohne Zielscheibe. "Wir schauen mal, wohin die Reise geht", war ihr Mantra. Möglichst alles allgemein lassen, nichts festnageln, schön flexibel bleiben. Ich fühlte mich wie in einem politischen Wahlkampf: viele schöne Worte, aber am Ende weiß keiner, was eigentlich passieren soll.

Kapitel 4: Zurück in die Steinzeit der Seele

Dann kommt unweigerlich diese Phase, wo man aus der Kindheit erzählen soll. Es ist, als würde jemand in deinem Gehirn den Dachboden aufräumen und dabei jede verstaubte Kiste einzeln durchsuchen. "Erzähl von deinen Eltern", forderte sie mich auf, mit dem Enthusiasmus eines Archäologen, der auf eine antike Scherbe gestoßen ist. Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass meinen Eltern zwanghaft irgendeine Schuld in die Schuhe geschoben werden sollte, als wären sie die Wurzel allen Übels. Das klassische Schema: "Deine heutigen Probleme sind das direkte Resultat einer traumatischen Kindheitserfahrung mit deinen Erziehungsberechtigten." Nur blöd, dass meine Eltern nichts falsch gemacht haben. Sie waren ganz normale Menschen mit ganz normalen Macken – nicht mehr und nicht weniger.

Als das nicht funktionierte, wurde die Zielgruppe erweitert. Die Lehrerschaft kam ins Visier, dann die Nachbarn, schließlich der Bäcker von nebenan. Es wird halt so lange gesucht, bis man irgendetwas findet, was sich als traumatische Erfahrung verkaufen lässt. "Erinnerst du dich an die Situation mit deinem Grundschullehrer, als du in der dritten Klasse...?" Ja, erinnere ich mich. Wurde dann auch nochmal durchlebt, seziert und von allen Seiten betrachtet wie ein seltenes Insekt unter dem Mikroskop. Und dann die große Frage: Was soll ich für eine Erkenntnis daraus gewinnen? Dass Herr Müller, mein Mathelehrer von vor 40 Jahren, der Grund dafür ist, dass ich heute keine Lust auf Tabellen habe? Mir ist das bis heute unklar. Diese ganze Vergangenheitsbewältigung erinnerte mich an Menschen, die ihre Familiengeschichte erforschen und plötzlich feststellen, dass ein Ur-Ur-Großonkel mal einen Apfel geklaut hat, und das erklärt jetzt ihre Neigung zur Kleptomanie. Manchmal ist eine Zigarre eben nur eine Zigarre, und manchmal ist ein vergessenes Pausenbrot einfach nur ein vergessenes Pausenbrot.

Kapitel 5: Alltagskampf und Binsenweisheiten

Natürlich kommen auch Alltagsprobleme auf den Tisch – schließlich findet das Leben hauptsächlich im Hier und Jetzt statt, nicht in der Vergangenheit. Damals war mein Arbeitgeber ziemlich inkompetent und hat alles falsch gemacht, was man in einem Unternehmen falsch machen kann. Eine wahre Meisterleistung in Sachen Missmanagement. Stelle dir vor: Ein Familienbetrieb, in dem der Chef nach und nach die gesamte Verwandtschaft ins kleine Unternehmen geholt hat. Cousin zweiten Grades wurde Vertriebsleiter, die Schwägerin übernahm die Buchhaltung, und der Schwager des Schwagers durfte sich plötzlich Marketingchef nennen. Ich war der einzige Externe und sollte immer die Drecksarbeit machen – klassischer Sündenbock für alles, was schiefging.

Irgendwie hatte ich mir gewünscht, dass meine Therapeutin mir Tipps gibt, wie ich den Alltag überstehen kann, diese Ungerechtigkeiten wegstecke und vielleicht rechtzeitig erkenne, wann man mich so nicht behandeln sollte. Praktische Hilfe eben, konkrete Strategien, ein kleines Überlebenshandbuch für toxische Arbeitsplätze. Stattdessen gab es nur Plattitüden und Binsenweisheiten vom Feinsten: "Du musst lernen, dich abzugrenzen." Ach, wirklich? Darauf wär ich nie gekommen! "Vielleicht solltest du das Gespräch mit deinem Chef suchen." Mit einem Mann reden, der seine eigene Frau als Steuerberaterin eingestellt hat, obwohl sie von Steuern so viel versteht wie ich vom Balletttanzen? Toller Tipp! "Du scheinst sehr perfektionistisch zu sein", war ein weiterer Klassiker. Als würde Perfektionismus erklären, warum der Chef seine Inkompetenz auf mich projiziert. Es ist wie, wenn der Klempner sagt: "Du bist sehr sauber" und damit erklärt, warum das Rohr geplatzt ist.

Kapitel 6: Das Opfer-Täter-Paradigma

In den letzten Stunden der Therapie kam dann der große Vorwurf: Ich soll mich nicht immer als Opfer sehen und die Fehler nicht nur bei anderen suchen. Das klassische Victim-Blaming im therapeutischen Gewand. "Du musst auch deine eigene Verantwortung erkennen", dozierte sie mit der Überzeugung einer Motivationstrainerin. Ich dachte mir: Die junge Hüpferin hat noch nie in einem richtigen Job gearbeitet. Die ist vermutlich direkt von der Uni ins Institut und hat ihre praktischen Erfahrungen mit der Arbeitswelt aus Praktika und Nebenjobs bezogen. Das wundert mich gar nicht, dass sie sich das alles anders vorstellt.

Es ist leicht, über Eigenverantwortung zu philosophieren, wenn man noch nie erlebt hat, wie es ist, wenn der Chef kurz vor Feierabend anruft und erwartet, dass man am nächsten Morgen ein Konzept vorlegt, das er dann zur Hälfte zerreißt und die andere Hälfte seinem Schwager zuschreibt. Es ist leicht, über Abgrenzung zu sprechen, wenn man in einem geschützten Umfeld arbeitet, wo die Hierarchien klar sind und Mobbing in Sensitivity-Trainings behandelt wird.
Die Realität vieler Arbeitsplätze ist ein Dschungel aus unausgesprochenen Regeln, familiären Seilschaften und wirtschaftlichem Druck. Da hilft kein therapeutisches Geschwurbel über Selbstverantwortung. Da braucht man handfeste Überlebensstrategien und manchmal einfach den Mut zum strategischen Rückzug.

Kapitel 7: Private Eigenarten und Beziehungsberatung für Anfänger

Meine private Situation ist etwas untypisch, das gebe ich zu. Ich wohne mit meinen fast 50 Lenzen mit meinem jüngeren Bruder im Eigenheim zusammen. Klingt für Außenstehende vermutlich wie eine Mischung aus "Und täglich grüßt das Murmeltier" und einem Woody Allen Film. Aber es ist eine perfekte Symbiose: Es ist genug Platz für jeden, jeder hat seine Bereiche, und mein Bruder ist durch eine Erkrankung geistig nicht ganz auf der Höhe, braucht hier und da Unterstützung, gerade bei Formalitäten. Versicherungen, Behördenkram, der ganze Papierkram, der das moderne Leben so verkompliziert – das übernehme ich. Dafür macht er andere Sachen perfekt: den Garten zum Beispiel, und er hält das Haus in Ordnung. Während ich im Chaos versinken würde, hat er ein System für alles.

Unsere Eltern sind nicht mehr da, und es wäre verantwortungslos, ihn alleine zu lassen. Aber das verstand meine Generation-Z-Therapeutin nicht. Für sie klang das nach Vermeidungsverhalten und fehlender Eigenständigkeit. So kam es, dass ich mich noch nicht oft verliebt habe. Nicht weil ich sozial inkompetent bin oder Angst vor Frauen habe, sondern weil Frauen mich schnell langweilen nach dem Sex. Wenn da nichts überraschend Neues kommt, dann mache ich den Hasenfuß. Nicht sehr romantisch, aber fair und ohne Umschweife. Sie riet mir am Ende, mir doch eine eigene Wohnung zu suchen, um selbstständiger zu werden. "Vielleicht lernst du auch so eine neue Frau kennen", fügte sie hinzu, als würde eine Wohnung automatisch mit einer Traumfrau geliefert werden. Binsenweisheit 2.0!

Ich lasse doch nicht meinen Bruder so im Stich! Der müsste ja sonst Unterstützung von außen holen – Betreuer, Sozialarbeiter, das ganze System. Irgendwie erinnerte mich das an die typischen Youngster-Frauen, die schnell mit 18 aus der familiären Wohnung ziehen wollen, weil sie den Eltern nicht helfen und sich nicht anpassen können. Gleichzeitig können sie die eigene Wohnung nicht bezahlen, Papa muss dann ran, und während die Eltern denken, dass sie jetzt auf eigenen Beinen stehen, kommt ein Stecher nach dem anderen vorbei und drückt ihre Beine nach oben. Klappt ja in einer eigenen Wohnung besser, weil das die Familie nicht mitbekommt. Hauptsache, man kann sich einreden, erwachsen zu sein.

Kapitel 8: Emotionale Intelligenz für Dummies

Ein Dauerthema war meine angebliche Emotionslosigkeit. "Du zeigst kaum Emotionen", warf sie mir regelmäßig vor, als wäre das ein Verbrechen. Als würde das Leben ein Reality-TV-Format sein, in dem man ständig heulen und schreien muss, um authentisch zu wirken. Ich habe ihr das mal an einem Beispiel erklärt: Ein Mann rutscht aus, fällt die Treppe hinunter. Was passiert? Ich gebe sofort Erste Hilfe, bin bei dem Mann und helfe unmittelbar, während einige Frauen beim Anblick des Gesichts des Verletzten nur kreischen und die anderen wie gelähmt dastehen, als hätten sie Medusa in die Augen geschaut. Erst später bin ich berührt und denke mir: Ganz schön krasse Situation. Aber in dem Moment, wo gehandelt werden muss, funktioniere ich. Das ist nicht emotionslos – das ist praktische Empathie. Emotionen kommen später, wenn sie angebracht sind und helfen können. Aber das passte nicht in ihr Schema vom "gefühlvollen Mann", der seine Emotionen zeigt und über alles redet. Für sie war ich vermutlich ein wandelndes Klischee toxischer Maskulinität. Dass es vielleicht einfach verschiedene Arten gibt, mit Gefühlen umzugehen, kam ihr nicht in den Sinn. Es ist schon paradox: In einer Notsituation wollen alle den, der einen kühlen Kopf bewahrt. Aber in der Therapie soll derselbe Mensch plötzlich ein emotionales Wrack sein, um als "normal" zu gelten.

Kapitel 9: 60 Stunden ins Nichts

Die Stunden gingen so dahin, und ich hatte immer das Gefühl: Was soll das nützen? Wohin soll mich das führen? Es war wie Autofahren ohne Navi und ohne Ziel – viel Benzin verbraucht, aber am Ende steht man an der gleichen Stelle wie am Anfang. Eigentlich hatte ich gehofft, dass ich irgendwie besser mit meinem Alltagskram umgehen kann. Praktische Methoden wollte ich, wie ich meine Depressionen in den Griff kriege, einen Notfallplan für schlechte Tage, Strategien für den Umgang mit schwierigen Menschen. Konkrete Hilfe eben. Stattdessen kam es mir so vor, als würde sie mir nicht mal helfen, wenn ich die Toilette im Haus gesucht hätte. Sie hätte auch da gesagt: "Den Weg musst du selber finden. Was glaubst du denn, wo die Toilette sein könnte? Was löst diese Frage in dir aus?"

Vielleicht wäre es gut gewesen, wenn sie mir einfach mal die Basics des Lebens nochmal vermittelt hätte: genug Schlaf, gesundes Essen, tägliche Bewegung und regelmäßige soziale Kontakte. Über so etwas sprachen wir nie, obwohl ich das für essenziell halte. Aber das ist vermutlich zu profan für eine Psychotherapie. Da muss schon was mit der Kindheit oder dem Unbewussten oder der Mutter-Beziehung zu tun haben. Stattdessen fing sie an, mir die Verhaltenstherapie schmackhaft zu machen. "Das wäre was für dich", meinte sie mit dem Enthusiasmus einer Verkäuferin, die ihr letztes Produkt loswerden will. Ich sollte es doch damit versuchen. Kam mir aber auch nur wie ein Wegschieben vor, frei nach dem Motto: "Irgendwie kann ich dir nicht helfen, dann reiche ich dich mal weiter."

Kapitel 10: Der Patient wird zum Therapeut

Als ich mal fragte, ob eine Verlängerung möglich wäre, erläuterte ich die Punkte, die mich bedrücken, aber auch da meinte sie, dass sie nicht zuständig wäre. Ich sollte ihr Dinge sagen, die sie therapieren kann. Da fragte ich mich ernsthaft: Wer ist hier eigentlich Patient und wer Therapeut? Es war, als würde ich in ein Restaurant gehen und die Kellnerin würde sagen: "Du musst mir schon sagen, was wir kochen können. Ich bin nur für das zuständig, was auf der Karte steht, und die Karte bestimmst du."

Die Situation wurde kafkaesk. Ich sollte meine Probleme so formulieren, dass sie in ihr therapeutisches Konzept passten. Nicht sie sollte ein Konzept für meine Probleme entwickeln, sondern ich sollte meine Probleme an ihr Konzept anpassen. Das ist, als würde man zum Arzt gehen und der Arzt sagt: "Tut mir leid, du hast das falsche Symptom. Könntest du bitte Fieber bekommen? Fieber kann ich behandeln." Die absurdeste Situation war, als sie mir erklärte, sie könne nur bei klassischen therapeutischen Themen helfen. Depressionen? Ja, schon, aber nur die richtigen. Berufliche Probleme? Nur wenn sie psychische Ursachen haben. Beziehungsprobleme? Nur wenn sie auf Kindheitstraumen basieren. Es war wie ein bürokratisches Labyrinth, nur dass am Ende nicht ein Stempel stand, sondern Heilung.

Fazit: Generation Therapie

Nach 60 Stunden kann ich sagen: Psychotherapie ist wie ein teures Restaurant, in dem man viel bezahlt, lange wartet und am Ende immer noch hungrig nach Hause geht. Man hat zwar eine Erfahrung gemacht und kann mitreden, wenn es um Therapeuten-Anekdoten geht, aber satt wird man davon nicht. Meine Generation-Z-Therapeutin war vermutlich gut ausgebildet, theoretisch versiert und voller guter Absichten. Aber praktische Lebenserfahrung lässt sich eben nicht aus Lehrbüchern lernen. Sie kannte alle Theorien über Depression, aber hatte vermutlich noch nie einen richtig miesen Tag auf der Arbeit gehabt. Sie wusste alles über Beziehungsdynamiken, hatte aber vermutlich noch nie einen Partner durchfüttern müssen.

Das Problem ist nicht, dass junge Therapeuten zwangsläufig schlecht sind. Sie leben halt nur in einer anderen Welt als ihre Patienten. Sie kennen die Realität von toxischen Arbeitsplätzen nur aus Fallstudien, nicht aus eigener Erfahrung. Sie wissen über Familienprobleme nur aus der therapeutischen Literatur, nicht vom eigenen Thanksgiving-Dinner. Es ist ein bisschen wie Schwimmunterricht vom Trockenen: Theoretisch korrekt, aber praktisch begrenzt hilfreich.

Epilog: Kostenrechnung für die Seele

Ich bin hier im Forum unter anderem Namen aktiv und wollte meine Geschichte unabhängig von meinem üblichen Account erzählen. Es ist alles wahr, nur ein paar Details sind etwas geändert, um Rückschlüsse zu vermeiden. Was bleibt, ist der Eindruck: Psychotherapie mit 60 Stunden kostet die Krankenkasse etwa 7.000 Euro. Wahnsinnig viel Geld für das, was dabei herausgekommen ist. Ich glaube, vier Wochen Thailand und komplettes Rausnehmen aus dem Alltag hätten mir mehr gebracht als 60 Stunden Geschwurbel über meine Kindheit.

Aber was sind schon 7.000 Euro, wenn man die ganze Geldverschwendung sieht, die allein im Berliner Regierungsgebäude für die Staatsvertreter und deren Referenten draufgehen? Da sind meine Therapiekosten Peanuts gegen die Kosten für Beraterverträge, die erklären sollen, wie man weniger Geld für Beraterverträge ausgibt. Trotzdem bleibt ein bitterer Nachgeschmack. Nicht weil die Therapie schlecht war, sondern weil sie nicht das war, was ich gebraucht hätte. Es war wie ein Anzug von der Stange, der theoretisch passt, aber überall drückt und zwickt. Am Ende trägt man ihn, weil man ihn gekauft hat, aber wohl fühlt man sich nie darin.

Vielleicht ist das das eigentliche Problem unserer Zeit: Wir haben Lösungen für Probleme entwickelt, die es früher nicht gab, aber keine Lösungen für die Probleme, die es schon immer gab. Früher hätte der Dorfpfarrer zugehört, der Stammtischbruder einen Schnaps spendiert, und die Nachbarin hätte gesagt: "Wird schon wieder." Heute gibt es dafür eine Wissenschaft, ein Studium und 7.000 Euro Behandlungskosten. Fortschritt ist halt relativ.



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