Gastautor: Icecube

Neulich saß ich in einem Café und beobachtete einen Mann, der mit wichtiger Miene in sein MacBook tippte. Auf seinem Bildschirm: Eine PowerPoint-Präsentation mit dem Titel "Digitale Transformation 4.0 – Agile Strategien für nachhaltiges Change Management". Ich musste an Daniela denken, die sich tatsächlich "Agile Coach" nennt. Die größte berufliche Leistung der werten Holden besteht darin, bunte Zettelchen an Glaswände zu kleben und Menschen, die eigentlich arbeiten wollen, in zweistündige "Daily Stand-ups" zu zwingen. Täglich. Stand-up. Zwei Stunden. Die Ironie ist bereits tot, aber sie trampelt fröhlich auf ihrem Grab herum. Schrecklich, einfach schrecklich, denn ich war einmal “testweise“ dabei.

Deutschland hat ein Talent entwickelt, das seinesgleichen sucht: Wir erschaffen Berufe, die so überflüssig sind wie ein Sandkasten in der Sahara, und umgeben sie mit einem Heiligenschein aus Wichtigkeit, der selbst den Papst neidisch machen würde. Es ist eine Art perverse Kunstform. Während andere Nationen Dinge produzieren oder Dienstleistungen erbringen, haben wir uns darauf spezialisiert, Leute zu beschäftigen, deren Hauptaufgabe darin besteht, andere Leute davon abzuhalten, ihre Arbeit zu machen.

Nimm den Datenschutzbeauftragten. Bitte, nimm ihn weit weg. Dieser selbsternannte Ritter der DSGVO verbringt seine Tage damit, zu erklären, warum die Lehrerin die E-Mail-Adressen der Eltern nicht in einem gemeinsamen Verteiler speichern darf, weil das ja theoretisch ein Datenleck sein könnte. Stattdessen sollen handgeschriebene Zettel in Briefumschlägen verteilt werden. Im Jahr 2025 !! Der Mann fühlt sich dabei wie Edward Snowden, sieht aber eher aus wie jemand, der bei der Volkszählung in den Achtzigern Flugblätter verteilt hat. Seine Existenz führt dazu, dass Schulen, Vereine und kleine Unternehmen lieber gar nichts digitalisieren, weil die Angst vor dem Datenschutzbeauftragten größer ist als die vor dem Finanzamt. Und das will was heißen.

Aber er ist nicht allein in seinem Reich der Wichtigtuerei. Da gibt es noch die Unternehmensberater, diese wandelnden Buzzword-Generatoren in ihren Anzügen, die aussehen, als hätten sie noch nie eine U-Bahn von innen gesehen. Sie schwärmen in mittelständische Unternehmen aus wie Heuschrecken, nur dass Heuschrecken wenigstens ehrlich sind bezüglich ihrer Absichten. "Wir müssen Ihre Prozesse optimieren", sagen sie mit ernster Miene. "Synergieeffekte nutzen. Die Cloud-Strategie überdenken. Künstliche Intelligenz implementieren." Was sie wirklich meinen: "Wir werden Ihnen 300.000 Euro für ein paar Workshops in Rechnung stellen, bei denen wir Ihre eigenen Mitarbeiter fragen, was schiefläuft, das Ganze in eine schicke Präsentation packen und Ihnen dann verkaufen." Der Geschäftsführer nickt begeistert, denn er hat die gleichen Buzzwords in einem LinkedIn-Post gelesen und will nicht als rückständig gelten.

Apropos LinkedIn: Hast du schon mal in diesen digitalen Kreiswichs reingeschaut? Dort tummeln sich die selbsternannten "Thought Leader" und "Personal Branding Experten", die dir für 1.997 Euro (niemals runde Summen, das wirkt unseriös!) beibringen, wie du auch so wichtig werden kannst wie sie. Ihr Content besteht zu 80 Prozent aus motivierenden Geschichten, die nie passiert sind, und zu 20 Prozent aus dem Verkauf ihrer Kurse. "Heute habe ich einen Obdachlosen getroffen, der mir die wichtigste Business-Lektion meines Lebens beigebracht hat", liest man da, gefolgt von einem philosophischen Geschwurbel über Resilienz und Wachstum. Der Obdachlose existiert nicht, die Lektion ist gestohlen, aber 4.327 Menschen haben auf "Gratuliere" geklickt. Diese Leute nennen sich Unternehmer, haben aber noch nie etwas anderes verkauft als die Illusion, dass man durch positives Denken und eine "optimierte Personal Brand" erfolgreich wird. Es ist Tupperware-Party fürs digitale Zeitalter.

Dann hätten wir da noch die Compliance Officer, diese Bürokratie-Fetischisten, die jede menschliche Regung in ein 47-seitiges Formular pressen wollen. Ein Vertriebsmitarbeiter will einen langjährigen Kunden zum Essen einladen? Halt, stopp! Erst muss ein Antrag ausgefüllt werden, in dem detailliert aufgeführt wird, wer, was, wo, warum und zu welchem Zweck isst. Der geschätzte Wert des Essens muss angegeben werden (wobei die Pizza Margherita für 12 Euro selbstverständlich einzeln aufgeführt werden muss). Dann wird das Ganze von drei Instanzen geprüft, bevor nach sechs Wochen die Genehmigung kommt. An Hochschulen ist das übrigens gar nicht erst möglich, ich spreche da aus eigener Erfahrung. Jedenfalls ist der Kunde inzwischen zur Konkurrenz gewechselt, aber hey, wir sind compliant! Der Compliance Officer lehnt sich zufrieden zurück. Er hat das Unternehmen vor einem imaginären Korruptionsskandal bewahrt. Dass er dabei das Geschäft ruiniert hat, ist ein kleiner Kollateralschaden.

Ich erinnere mich an ein Meeting – Gott, ich hasse dieses Wort bereits – in dem eine Feel-Good-Managerin vorgestellt wurde. Ja, richtig gelesen. Die Firma hatte gerade die dritte Entlassungswelle hinter sich, die Gehälter waren seit Jahren eingefroren, und die Führungsebene bestand aus toxischen Narzissten, die ihre Praktikanten zum Weinen brachten. Die Lösung? Eine Feel-Good-Managerin! Diese strahlende Person sollte für "gute Stimmung" sorgen. Ihr erster Vorschlag: Ein Obstkorb in der Küche und ein Tischkicker im Pausenraum. Die Kosten: 15.000 Euro für Anschaffung und Koordination. Das Resultat: Die verbliebenen Mitarbeiter mussten den Tischkicker über ihre verstorbenen Kollegen hinwegtragen, metaphorisch gesprochen, während sie sich fragten, ob das Geld nicht besser in Gehälter investiert worden wäre. Aber die Feel-Good-Managerin postete stolz Fotos vom Obsttag auf Instagram. "We care about our employees!"

Kommen wir zur Politik, diesem Biotop der professionellen Geschäftigkeit ohne Ergebnis. Hier arbeiten Menschen in Arbeitskreisen und runden Tischen, deren Hauptqualifikation darin besteht, Probleme in Unterprobleme zu unterteilen und dann Unterarbeitskreise zu bilden. Man trifft sich. Man diskutiert. Man erstellt Positionspapiere. Man bildet Kommissionen. Währenddessen verfällt die Infrastruktur, aber immerhin haben wir ein 847-seitiges Strategiepapier zur "Zukunft der Mobilität in Deutschland 2050", das niemand lesen wird und das so vage formuliert ist, dass es gleichzeitig alles und nichts aussagt. Diese Leute sehen sich als Gestalter der Zukunft. In Wahrheit sind sie Verwalter des Stillstands. Aber sie haben wichtig klingende Titel und dürfen sich auf Konferenzen gegenseitig anhören, wie wichtig sie sind.

Hast du schon mal eine "Nachhaltigkeitskonferenz" wie neulich die UN-Klimakonferenz besucht? Dort versammeln sich Menschen, um über die Rettung des Planeten zu sprechen, während sie mit dem Flugzeug aus ganz Europa einfliegen, in Hotels übernachten, die mehr Energie verbrauchen als ein Kleinstaat, und sich gegenseitig Visitenkarten aus "recyceltem Papier" überreichen. Der Höhepunkt ist immer die Podiumsdiskussion, bei der alle nicken und sich einig sind, dass "wir mehr tun müssen" und "die Politik in der Verantwortung ist". Konkrete Maßnahmen? Fehlanzeige. Aber es gibt ein tolles Buffet und am Ende ein Gruppen-Selfie, das auf LinkedIn gepostet wird mit dem Hashtag #Sustainability. Die Veranstalter dieser Events sehen sich als Katalysatoren des Wandels. Sie sind in Wahrheit Veranstalter eines teuren Kaffeeklatsches, bei dem CO2 produziert und Buzzwords ausgetauscht werden.

Und dann gibt es noch die Greenwashing-Beauftragten, offiziell "Nachhaltigkeitsmanager" genannt. Diese armen Seelen verbringen ihre Tage damit, kreative Wege zu finden, wie man die Umweltsünden ihres Unternehmens auf dem Papier in Tugenden verwandelt. Der Konzern fährt weiterhin eine Diesel-Flotte? Kein Problem! Wir kaufen ein paar CO2-Zertifikate aus einem Aufforstungsprojekt in Guatemala, von dem niemand weiß, ob es überhaupt existiert, und schon sind wir "klimaneutral". Die Produktion läuft weiter wie gehabt, aber der Nachhaltigkeitsbericht ist ein Meisterwerk der Schönfärberei. Hundert Seiten voller Diagramme, Versprechen und Fotos von lächelnden Menschen vor Windrädern, die dem Unternehmen nicht gehören. Der Nachhaltigkeitsmanager präsentiert das Werk stolz auf der Aktionärsversammlung. Alle klatschen. Die Umwelt stirbt weiter, doch alle sind stolz auf den 100-seitigen Bericht, der selbstverständlich in Papierform an alle über einhundert Mitarbeiter, selbstverständlich einseitig bedruckt, ausgehändigt wird!

Es zeichnet sich ein deutliches Muster ab… all diese Berufe haben eines gemeinsam: Sie produzieren keine Werte, sie produzieren den Anschein von Werten. Sie lösen keine Probleme, sie verwalten sie. Oder noch schlimmer: Sie erschaffen neue Probleme, um ihre eigene Existenz zu rechtfertigen. Es ist ein selbsttragendes System der Sinnlosigkeit, und Deutschland hat es zur Perfektion getrieben.

Der Förderantrags-Optimierer ist ein besonders raffiniertes Beispiel. Der Staat beschließt, Innovation zu fördern. Gut gemeint. Also werden Fördertöpfe aufgelegt. Aber die Anträge sind so kompliziert gestaltet, dass ein normaler Unternehmer sie nicht ausfüllen kann, ohne einen Nervenzusammenbruch zu erleiden. Enter: Der Förderantrags-Optimierer. Dieser Berater nimmt dein Geld (gerne 20-30 Prozent der Fördersumme), um den Antrag so zu formulieren, dass du das Geld vom Staat bekommst. Geld, das eigentlich für Innovation gedacht war, fließt also erst mal in die Taschen von Leuten, die Formulare ausfüllen können. Es ist Steuergeld, das im Kreis läuft, ohne jemals bei echten Innovationen anzukommen. Aber der Förderantrags-Optimierer fühlt sich als unverzichtbarer Teil des Wirtschaftskreislaufs.

Was mich besonders fasziniert, ist die unerschütterliche Selbstgewissheit, mit der all diese Menschen ihre Tätigkeiten verteidigen. Die holde Daniela mit ihrem stolzen Titel „Agile Coach“ ist zutiefst überzeugt, dass sie die Arbeitswelt revolutioniert, während um ihr herum alle mit den Augen rollen. Der Datenschutzbeauftragte sieht sich als letzten Verteidiger der Freiheit gegen den Überwachungsstaat, während er praktisch jeden digitalen Fortschritt verhindert. Der Compliance Officer ist sich sicher, dass ohne ihn das Unternehmen im Korruptionssumpf versinken würde, obwohl sein Haupteffekt ist, dass niemand mehr Entscheidungen trifft aus Angst vor seinen Formularen.

Es ist fast bewundernswert, diese Fähigkeit zur kognitiven Dissonanz. Sie schauen nicht auf das, was sie tatsächlich bewirken, sondern auf das, was sie sich einreden zu bewirken. Und die Gesellschaft macht mit, weil wir in Deutschland einen tiefen Respekt vor Titeln, Prozessen und Formalitäten haben. "Ist ja ein Experte", denken wir, wenn jemand einen wichtig klingenden Jobtitel hat. Dass dieser Experte in Wirklichkeit Experte fürs Zeitverschwenden ist, fällt uns oft zu spät auf.

Am Ende sitzen wir in einer Wirtschaft, in der ein erschreckend hoher Anteil der Arbeitskräfte damit beschäftigt ist, anderen Arbeitskräften die Arbeit schwerer zu machen. Berater beraten Berater, die andere Berater beraten. Kontrolleure kontrollieren die Kontrolleure. Meetings werden abgehalten, um das nächste Meeting vorzubereiten. Und währenddessen wundern wir uns, warum Deutschland bei der Digitalisierung hinterherhinkt, warum Infrastrukturprojekte Jahrzehnte dauern, warum Innovation so schwerfällt.

Die Antwort ist einfach: Weil wir zu beschäftigt sind mit Bullshit. Mit Prozessen um der Prozesse willen. Mit Kontrolle um der Kontrolle willen. Mit Wichtigtuerei als Selbstzweck. Wir haben eine ganze Industrie geschaffen aus Menschen, deren Hauptfunktion darin besteht, Arbeit in Zeitlupe zu transformieren und sich dabei unersetzlich zu fühlen.

Und das Tragische ist: Diese Menschen sind oft nicht mal böswillig. Sie sind Produkte eines Systems, das Scheinproduktivität belohnt und echte Produktivität bestraft. Sie sind gefangen in Strukturen, die ihnen vorgaukeln, wichtig zu sein, während sie in Wirklichkeit Teil des Problems sind. Wenn du das nächste Mal einen Agile Coach triffst, der dir von "Sprints" und "Retrospektiven" erzählt, oder einen Datenschutzbeauftragten, der dir erklärt, warum du keine Namen auf Geburtstagslisten schreiben darfst, oder einen LinkedIn-Influencer, der seine "persönliche Erfolgsgeschichte" teilt – lächle höflich. Nicke. Und sei dir bewusst, dass du gerade einem lebenden Beweis für die großartige deutsche Fähigkeit gegenüberstehst, aus absolut nichts einen Vollzeitjob zu machen.

Willkommen in Deutschland, wo wir keine Probleme lösen, sondern sie professionell verwalten. Und wo wir das mit einer Gründlichkeit tun, die Ihresgleichen sucht.



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