• 16.09.2020

Das Männermagazin

Leutnant Dino kommentiert

Gackern

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Hühner sind ein lustiges Völkchen. Ihre Wildform ist das Bankivahuhn in Südasien. Es wurde vor etwa 4.000 Jahren domestiziert und über die Kontinente verbreitet, wahrscheinlich weil die Tiere opportunistische Allesfresser sind, eine hohe Reproduktionsrate haben und sich wegen ihrer schlechten Flugleistungen leichter gefangen halten ließen.

Es sind relativ wehrlose Tiere mit vielen Feinden. Sie scharren hauptsächlich im Gebüsch am Boden und fressen alles, was sie bekommen können. Nur tagsüber, denn bereits in der Dämmerung lassen ihre Sehleistungen stark nach - sie sind nachtblind. Abends flattern sie auf Baumäste eines Schlafbaums hoch, um dort zu übernachten. Dieser Schlafbaum liegt in der Mitte ihres Reviers. Auch domestizierte Hühner gehen abends sehr konsequent in den Stall, setzen sich dort gerne auf Stangen und schlafen. Dabei können sie träumen, sie zeigen dasselbe Bild wie träumende Menschen, Laute und schnelle Augenbewegungen.

Hühner sind Herdentiere, kommunizieren miteinander recht detailreich und haben ein ausgeprägtes Sozialverhalten mit einer Hackordnung. Bei uns im Gehege patrouillieren sie höchstens ein Drittel des Tages herum, mindestens so lang zeigen sie vielfältiges und ausgiebiges Komfortverhalten. Ein Huhn, das etwas auf sich hält, badet mindestens einmal täglich sehr ausgiebig in Sand. Es scharrt, wälzt sich sichtlich wohlig darin herum, staubt sich mit den Flügeln feinen Sand ins Gefieder und schüttelt sich anschließend kräftig aus. Ein anderer Zeitvertreib besteht darin, vor allem nach dem Essen das Gefieder mit dem Schnabel und manchmal den Krallen stundenlang zu pflegen. Man geht jede erreichbare Körperstelle konsequent durch, schüttelt, zittert, kratzt. Vorwiegend abends bei tiefer stehender Sonne legen sie sich außerdem in direkter Sonne flach auf die Seite und sehen dann aus wie erschossen. Manchmal wird ein Flügel gehoben, die Sonne soll bis auf Haut und Untergefieder scheinen, das hilft gegen Parasiten und Hautläsionen. Die Hühnchen schließen dabei ihre Nickhaut am Auge und hecheln, das sieht aus wie wenn sie gerade wohlig verenden.

In Wirklichkeit ist es Gesundheitspflege. Beim Menschen wurde Gesundheit irgendwann als Schönheit transformiert, erst in der allerjüngsten Vergangenheit wird Schönheit zu irgendwelchem abgehobenen Mist verbogen in dem Versuch, jedem Geschwabbel und jeder Grimasse Schönheit anzudichten. Die Hühnchen folgen nur der Biologie, der Mensch folgt mittlerweile innerlich zerrissenen und kranken anderen Menschen, die sich weit von ihren eigenen Wurzeln entfernt haben. Dieser Selbsthass ist der gesamten übrigen Welt fremd, wenn Lebewesen so etwas praktizieren, wäre das ein evolutionärer Nachteil. Also gibt es dieses Verhalten nicht und wenn es das gibt, dann befindet sich die Art in einer Sackgasse.

Da Hühner überwiegend Herdentiere sind, auch in ihren Herkunftsformen, benötigen sie eine Sozialstruktur und Kommunikation. Eine Herde ist nur dann erfolgreicher, wenn sie den Hühnern Vorteile verschafft, auch den Rangniederen. Auch sie müssen von der Herde profitieren, sonst wären sie als Einzelgänger besser dran und würden sich verabschieden. Da Hühner über Jahrtausende sehr wichtige Nutztiere für breiteste Schichten der Bevölkerung waren, ist einiges davon schon sehr lange in den allgemeinen Sprachgebrauch übergegangen. Man spricht zum Beispiel von „Hackordnung“, vom „Gockel“ für einen eitel posierenden Mann, von „wie die Hühner“ bei durcheinander gackernden Frauen. Männer sind für Frauen gerne „Hennen, die goldene Eier legen“. Parieren sie nicht, haben sie „ein Hühnchen mit ihnen zu rupfen“. Sinkt der Mann erschöpft in einen frühen Schlaf, geht er „mit den Hühnern zu Bett“. Wird er von einer Ex ausgenommen, „kräht kein Hahn mehr danach“. Für Frauen gibt es immer Hoffnung, denn „auch ein blindes Huhn findet manchmal ein Korn“.

Tatsächlich sind die Beziehungen der Hühner untereinander recht vielfältig. So gibt es nicht nur einen Chef, wenn Hähne da sind, oder eine Chefin in der weiblichen Herde, sondern auch ein Wächterhuhn und eine Entdeckerin. Die Chefin ist das nie in Personalunion, sondern andere Hühner. Die Jobs werden verteilt. Eine Herde kann auch mehrere Hähne haben, die dann untereinander eine ähnliche soziale Schichtung praktizieren. Hähne schützen nicht nur „ihre“ Herde, sondern vertreten vor allem Eigeninteressen. Die bestehen natürlich vor allem in der eigenen Fortpflanzung. Der Weg dazu ist, wie bei Menschen, das Locken mit Werten, mit Futter. Der Hahn findet eine Leckerei und lockt dann mit entsprechender Lautäußerung die schicke braune Henne mit den weißen Federspitzen herbei, auf die er so steht. Er lockt sie mit Futter in seine Nähe und nutzt die Gelegenheit für eine kurze Hochzeit. Das Vergnügen dauert bei Hühnern nicht lange, dafür kommt auch keine langjährige Reue in Form von Unterhaltszahlungen. Das Hühnchen lässt dabei manchmal Federn, denn der Hahn hüpft auf seinen Rücken und hält sich an ihm fest. In Rassen mit schweren Hähnen werden die Hennen im Laufe des Jahres regelrecht abgewetzt. Wir haben Wyandotten, eine Rasse mit außergewöhnlich kleinen Hähnen im Vergleich zu den Hennen, da bleiben die Hühner bis zur Mauser Schönheiten.

Die Hähne benehmen sich dabei aber oft wie Blender: Sie gackern sich ein Hühnchen herbei, obwohl sie gar kein Futter gefunden haben. Treiben sie das zu oft, glauben die Hühner dem Hahn nichts mehr und kommen nicht mehr. „Lass den Schwätzer gackern, der hat sowieso nichts“. Dieses System pendelt sich deshalb in einem Gleichgewicht ein. Mal Blender sein, aber nicht zu oft, mal Leckereien haben, aber nicht immer. Rangniedrige Hähne gackern nicht wenn sie locken, um den höheren Hahn nicht auf sich aufmerksam zu machen. Sonst verpasst der ihnen eine Abreibung, klaut das Futter und besteigt selbst die Henne. Sie versuchen es stattdessen ohne Lautäußerung mit typischen Kopf- und Flügelbewegungen, also eine Tanzshow vor den Weibern statt verbaler Prahlerei. Rangniedrige Tiere pflanzen sich ebenfalls fort, nur eben weniger. Auch hier wäre Ausschließlichkeit ein Nachteil, zu hoher Aufwand für den ranghöchsten Hahn. Im Gegensatz zu den Hennen verlassen rangniedrige Hähne die Herde leichter, wenn sie dort nichts zu gewinnen haben. Sie leben auch häufiger als Einzelgänger. Es gibt unter den wildlebenden Arten auch Hähne, die mit nur einem Huhn zusammenleben.

Hühner sind in der Lage Empathie zu empfinden, das ist ein evolutionärer Vorteil für Herdentiere. Empathie bedeutet Mitempfinden. Gestresste Küken stressen auch die Hennen, sie spüren und empfinden so etwas wie Mitgefühl. Das ermöglicht den Hühnern auf Gefahren zu reagieren, die sie noch gar nicht selbst treffen.

Beobachtet man die Hackordnung der Hühner untereinander, sieht man zunächst viel Ärger und aus menschlicher Sicht regelrechte Boshaftigkeit. Unterlegene Hühnchen werden übel gepickt und vertrieben, ergreifen dann mit Wehgeschrei die Flucht. Das passiert auch ohne Futter und auch wenn sehr viel Futter da ist, mehr als alle fressen können. Es geht aber ums Prinzip. Die Chefin zeigt immer, dass sie die Chefin ist. Von außen sieht das aus wie übles Mobbing. Rangniedere Hühner sind generell schreckhafter, leichter zu stressen und vorsichtiger, auch Menschen gegenüber. Doch die Sozialstruktur hat ihre Feinheiten. So gibt es Freundschaften unter Hühnern, Untergruppen in großen Herden. Hühner sind in der Lage, sich rund hundert andere Hühner und ihre soziale Position zu merken. Sie können ihr Verhältnis zu unbekannten Hühnern sogar schon daran einschätzen, wie das unbekannte Huhn zu einem bekannten Huhn steht.

Das soziale Leben der Hühner verführt leicht dazu, in Anthropomorphismen zu denken, Hühnerverhalten mit menschlichem Verhalten zu vergleichen und Parallelen zu finden. Unterhaltend ist das allemal, aber eben nur das. Evolutionär trennt uns sehr viel von Hühnern, die Nachfahren von Sauriern sind. Interessant bleibt aber, was ihre Sozialstruktur zu ihrem evolutionären Erfolg beiträgt und da kann man durchaus auch etwas über menschliche Sozialstrukturen lernen. Hennen leben immer in der Herde, Hähne nicht immer, für Hennen und Küken hat die Herde immer Vorteile. Rangniedrige Hähne verlassen Herden am leichtesten, für sie gibt es dort am wenigsten zu gewinnen. Schlaue, flexible Hähne müssen nicht ranghoch sein, um Reproduktionserfolg zu haben. Viel Zeit und Energie investieren Hühner nicht in Rangkämpfe, das würde nur Energie verschwenden. Die Rangfolge ist relativ stabil und wird nicht immer wieder neu ausgehandelt. Männer sollten sich auch nicht zu lange in Gruppen aufhalten, die ihnen nichts bringen. Damit helfen wir nur den ranghohen Gruppenmitgliedern. Nutzen wir die Flexibilität, die Männer viel stärker als Frauen haben, sich aus Gruppen zu lösen, das eigene Ding machen, auf Rangfolgen pfeifen, das fällt Männern leichter als Frauen. Nur eins sollten wir immer beachten: Was in der Natur ein Erfolg ist, nämlich Reproduktion, hat die Juristerei ins genaue Gegenteil verkehrt. Wenn Männer sich reproduzieren, tragen sie die Lasten, werden „pflichtig“, sind schuldig für alles und werden am Nasenring durch die Arena gezogen. Der Hahn hat es leichter. Sich mit Hennen zu vergnügen hat keine drastischen Folgen für ihn. Beim Menschen wird der Vater zum Idioten gemacht. Lebenslang bis in den Tod, denn nicht einmal über das Erbe kann man frei bestimmen - der Pflichtteil wird auch für entfremdete Kinder erzwungen, die keinerlei Beziehungen zum Erblasser hatten.

P.


Weiterführender Link: TrennungsFAQ
Ratsuchende Väter finden im TrennungsFAQ-Forum konkrete Hilfe


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