Gastautor: Quotenfeminist
Ich hatte mir geschworen, diesmal würde ich an Ostern alles richtig machen. Kein Chaos, kein Drama, keine merkwürdigen Überraschungen. Einfach ein ruhiges, zivilisiertes Fest mit Frühstück, gefärbten Eiern und bestenfalls einer kleinen Torte, die nicht explodiert. Wie schwer konnte das schon sein?
Meine Mutter hatte natürlich andere Pläne. “Ein richtiger Mann färbt seine Eier selbst”, hatte sie am Telefon gesagt, mit diesem Ton, bei dem man nie sicher ist, ob sie Witze macht oder einfach nur passiv-aggressiv Lebensweisheiten verteilt. Ich hatte gelacht, doch sie meinte es ernst. Also stand ich Karfreitag in der Küche, bewaffnet mit einer Packung Lebensmittelfarbe, einem Dutzend Eier und dem festen Willen, nicht wieder so zu enden wie letztes Jahr, als ich versehentlich die Küche in ein expressionistisches Schlachtfeld verwandelt hatte.
Die ersten Eier gingen erstaunlich gut. Ein sanftes Blau hier ein zartes Grün da – ich fühlte mich wie der Picasso des Osterhandwerks. Dann kam sie herein: Lena, meine Freundin. Mit diesem Blick, der gleichzeitig “Was machst du da?” und “Ich liebe dich, aber du bist unmöglich” sagte.
“Du weißt schon, dass man die Eier vorsichtig behandeln muss, oder?”, fragte sie und grinste süffisant, während sie auf meine bunt befleckten Hände zeigte.
“Natürlich. Ich geh da nur ganz vorsichtig ran.”
“Ja, das habe ich befürchtet.”
Ich ignorierte den Unterton, auch wenn er mich leicht irritierte. Frauen haben eben dieses Talent, Dinge zu sagen, die man erst drei Tage später wirklich versteht – meistens, wenn es zu spät ist.
Ich dippte ein weiteres Ei tief ins gelbe Färbebad, zu tief offenbar, denn die Schale platzte leise. “Siehst du”, meinte Lena, “zu viel Druck, und schon platzt es.”
“Danke für die Lebensweisheit”, murmelte ich, während ich versuchte, das Fiasko zu retten.
Ostersonntag kam schneller als erwartet, wie Feiertage das nun mal tun. Lena und ich versteckten die Eier im Wohnzimmer – ein etwas kindisches Ritual, das aber immerhin dazu führte, dass sie lachte. Und wenn Lena lacht, fühlt sich die Welt kurz richtig an.
Sie fand die meisten Eier schneller, als mir lieb war. Eines allerdings blieb verschwunden. Ich schwor, ich hätte es hinter der Couch versteckt, doch dort war nichts. Wir suchten die ganze Wohnung ab – nichts. Na gut, dachte ich, dann ist das eben das mysteriöse Oster-Ei. Vielleicht taucht es irgendwann wieder auf. (Spoiler: Es tat es. Aber nicht in der Form, die ich erwartet hatte.)
Ein paar Wochen später begann Lena, merkwürdig zu wirken. Nicht unfreundlich-merkwürdig, mehr so... plötzlich-verliebt-in-Salatgurken-und-Vanilleeis-merkwürdig.
“Alles okay?”, fragte ich eines Abends, während sie genüsslich eine absurd zusammengestellte Mahlzeit vertilgte.
“Ja, ja”, sagte sie und grinste. “Mir geht’s blendend. Ich hab nur das Gefühl, irgendetwas entwickelt sich gerade.”
Ich lachte. “Na, hoffentlich nichts, das wieder in der Küche explodiert.”
Sie lachte nicht. Stattdessen legte sie die Gabel hin und sah mich an – dieses Mal mit dem Blick. Ihr wisst schon, dieser Blick, der die Luft im Raum plötzlich dicker macht.
“Du erinnerst dich doch an Ostern?”, begann sie.
“Natürlich. Das war, als ich den Farbtopf über deine Katze geschüttet habe?”
“Nein, das andere Ostern.”
“Das andere Ostern?” Ich runzelte die Stirn. “Wie viele Ostern hatten wir denn?”
Sie seufzte, als würde sie einen besonders schwerfälligen Schüler unterrichten. “Das mit den Eiern, Schatz.”
Oh. Das Ostern.
Ich fühlte, wie mein Gehirn versuchte, eine Verbindung zwischen Ostern und ihrem aktuellen Verhalten herzustellen, aber irgendwo auf halber Strecke kapitulierte.
“Was ist denn mit den Eiern? Sind doch alle gefunden worden – naja, bis auf eins.”
Lena hob eine Augenbraue. “Genau. Eins blieb… verschwunden.”
Ich schwieg. Für etwa drei volle Sekunden hielt mein Gehirn inne, so als müsse es aus Fairnessgründen die Pointe für mich ankündigen. Dann traf mich die Erkenntnis mit der Gewalt eines herabfallenden Schokohasen.
“Moment mal…”
Sie nickte. “Genau.”
Ich setzte mich. “Also… du meinst… unser verschwundenes Ei hat… äh… Folgen?”
“Folgen, ja. Und zwar pünktlich zu Weihnachten.”
Ich war so still, dass man eine Eierschale hätte knacken hören können. Weihnachten, dachte ich. Ausgerechnet Weihnachten. Wenn alle anderen Geschenke hübsch verpackt unter dem Baum liegen, und unseres schreit vermutlich aus voller Kehle. Ich hatte mich noch nie so gleichzeitig erschrocken und stolz gefühlt.
Die folgenden Monate verliefen, sagen wir, abwechslungsreich. Ich lernte Dinge, die kein Mann wissen will – zum Beispiel, dass man nie “Das sieht gar nicht so schlimm aus” sagen sollte, wenn sie gerade versucht, ihre neuen Schwangerschaftsklamotten anzuprobieren. Und dass “Du strahlst richtig” kein Kompliment ist, wenn sie sich gerade wegen geschwollener Füße über den Boden flucht.
Ich versuchte, locker zu bleiben. Schließlich war das Ganze meine Schuld. Also, unsere, aber Lena bestand darauf, dass ich den größeren Anteil hatte. Wortwörtlich. Im Sommer begann sie damit, Namen zu sammeln.
„Was hältst du von Benjamin?“ fragte sie, während ich versuchte, die Gartenmöbel aufzubauen. Ich zuckte mit den Schultern. “Solange es kein Name ist, der klingt wie ein Smoothie, bin ich zufrieden.”
Sie grinste. “Dann streich ich Kiwi von der Liste.”
Ob sie das ernst gemeint hat, weiß ich bis heute nicht. Als der Dezember kam, war ich nervös wie ein Osterhase auf Koffein. Weihnachten hatte plötzlich eine ganz neue Bedeutung. Es war nicht mehr das Fest der Stille oder des Friedens – es war das Fest des “Wie halten wir dieses winzige Wesen am Leben, ohne dass es uns psychologisch zerstört?”.
Der Heiligabend war… anders. Statt Glühwein gab es Tee, statt Stille Nacht lautstarke Diskussionen über Hebammen, Windeln und Schlafrhythmen. Und irgendwann, kurz vor Mitternacht, kam Sie – unsere ganz persönliche Bescherung.
Ich kann euch sagen: Wenn man das erste Mal dieses kleine Gesicht sieht, das irgendwo zwischen dir, ihr und einem leicht überforderten Marienkäfer liegt, ist alles vergessen. Alle Sorgen, alle verpatzten Osterwitze, alle Lebensmittelflecken. Nur eins blieb in meinem Kopf hängen – der Gedanke, dass ich beim nächsten Osterfest vielleicht etwas vorsichtiger mit den Eiern umgehen sollte.
Heute, ein Jahr später, finde ich mich wieder am Küchentisch. Lena ist im Nebenzimmer, unsere “Bescherung” schläft endlich, und ich starre in meine Tasse Kaffee. Neben mir liegt eine Schachtel mit frischen Eiern, bunt, glänzend, friedlich. Auf dem Tisch liegt ein Zettel, auf den Lena in schönster Handschrift geschrieben hat:
“Diesmal bitte mit Vorsicht behandeln.”
Ich lächle. Es gibt Weisheiten, die man auf die harte Tour lernen muss. Und manche davon sind eben eiförmig.
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