Gastautor: Quotenfeminist
Ich heiße Horst. Horst Müller, 53 Jahre, verheiratet, zwei Kinder, ein Reihenhaus in einem Vorort, in dem man noch weiß, was Anstand ist. Und ich sage euch: Es gibt Dinge, die sind heilig. Ostern und Weihnachten zum Beispiel. Nicht der ganze Kram mit Lametta und Klimaschutz-Weihnachtsbaum, nein. Die Süßigkeiten. Die gehören zu den Festen wie der Gottesdienst zur Kirche – nur dass man die Schokolade hinterher essen darf, ohne Buße.
Zu Ostern schenkt man den Kindern Schokohasen, bunte Eier und diese widerlichen Zuckermäuse, die nach nichts schmecken, aber Tradition haben. Zu Weihnachten gibt’s Spekulatius, Dominosteine, Lebkuchen und vor allem: Weihnachtsmänner aus Schokolade. Nicht irgendwelche. Die mit dem roten Mantel und dem freundlichen Gesicht, das nach zwei Bissen schon traurig aussieht, weil die Nase fehlt. Das ist Sitte. Das ist deutsch. Das ist richtig.
Was hingegen eine bodenlose Unsitte ist, das sind die Regale der Supermärkte.
Schon im September – SEPTEMBER! – stehen da plötzlich diese verräterischen roten und goldenen Packungen. „Weihnachts-Edition“ steht drauf, als wäre der Advent schon in vollem Gange. Neben den Schokoweihnachtsmännern liegen bereits Lebkuchenherzen, die noch nicht mal richtig ausgehärtet sind und schmecken wie Pappe mit Zimtduftspray.
Ich stehe dann da, mit meinem Einkaufswagen, und spüre, wie sich meine linke Augenbraue selbstständig nach oben bewegt. „Das kann doch nicht wahr sein“, murmele ich leise. Die Frau neben mir, die gerade eine Packung „Winterzauber“-Marshmallows in den Wagen legt, schaut mich an, als wäre ich der Weihnachtsmann-Verweigerer persönlich.
Ich frage sie freundlich: „Entschuldigung, aber haben Sie bemerkt, dass wir noch nicht mal Oktober haben?“
Sie lächelt milde: „Ja, ist doch schön, schon in Stimmung zu kommen.“
Schön? Schön ist, wenn man am 24. Dezember um 17 Uhr noch einen anständigen Schokoweihnachtsmann bekommt und nicht nur traurige Restposten mit abgelaufenem Haltbarkeitsdatum.
Denn genau das passiert. Ab Mitte Dezember – also wenn man die Dinger wirklich braucht – sind die Regale plötzlich leer. Wie leer gefegt. Als hätte eine Horde hungriger Elfen nachts alles weggeräumt. Nur noch diese komischen „veganen“ Weihnachtsmänner aus Reispops und Enttäuschung stehen da.
Oder diese überteuerten „Premium“-Varianten mit 72 % Kakao, die schmecken, als hätte man einen alten Lederschuh geschmolzen. Die normalen, anständigen, kindgerechten Schokoweihnachtsmänner? Weg. Ausverkauft. „Tut uns leid, die waren schon seit November sehr gefragt.“
Gefragt? Von wem? Von Leuten, die im September schon Weihnachtslieder hören und ihre Tanne im November aufstellen? Von diesen Vorfreude-Terroristen, die den Zauber kaputtmachen, indem sie ihn vier Monate zu früh anfangen?
Ich habe eine Theorie: Die Supermärkte wollen uns kaputtmachen. Psychologischer Krieg durch saisonale Verfügbarkeit. Im September locken sie uns mit billigen Weihnachtsartikeln, damit wir zugreifen. Wir kaufen, essen, und bis Dezember haben wir schon wieder vergessen, wie gut ein frischer Schokoweihnachtsmann eigentlich schmeckt. Dann, wenn die Kinder mit leuchtenden Augen vor dem Baum stehen und „Papa, wo ist mein Weihnachtsmann?“ fragen, stehe ich da wie der letzte Depp und muss erklären, warum es nur noch „Wintertraum-Mandel-Nougat-Creme-Schnitten mit Fairtrade-Siegel“ gibt.
Letztes Jahr war es besonders schlimm. Ich hatte mir vorgenommen, diesmal rechtzeitig zu kaufen. Nicht zu früh, nicht zu spät. Der perfekte Moment. Am 10. Dezember bin ich losgezogen. Voller Hoffnung. Die Regale waren bereits halb leer. Nur noch die großen Familienpackungen mit 24 Weihnachtsmännern, die niemand braucht, weil man danach drei Wochen lang nur noch Schokolade isst und sich fühlt wie ein überfütterter Nikolaus. Ich habe einen genommen. Zu Hause haben die Kinder reingeschaut und gesagt: „Papa, die sind alle schon matschig.“ Natürlich waren sie matschig. Weil sie seit September in einem warmen Lager gelegen hatten und nur darauf warteten, dass ein gutgläubiger Vater wie ich sie rettet.
Meine Frau sagt immer: „Horst, du übertreibst. Es sind doch nur Süßigkeiten.“
Nur Süßigkeiten? Das sagt die Frau, die im März schon Ostereier kauft, „weil sie dann im Angebot sind“. Im März! Da liegt Ostern noch in weiter Ferne, und sie hortet schon Schokoeier wie ein Eichhörnchen auf Speed. Dann stehen die Dinger monatelang in unserem Keller und werden entweder steinhart oder entwickeln diese weiße Schicht, die aussieht, als hätte sie Schimmel, aber angeblich nur Fett ist. „Blooming“ nennen das die Fachleute. Ich nenne es Verrat.
Dieses Jahr habe ich einen Plan. Einen richtigen Plan. Ich werde nicht mehr mitspielen. Am 1. Advent gehe ich los – nicht früher, nicht später. Ich werde mir einen Einkaufswagen nehmen, zielstrebig in die Süßigkeitenabteilung marschieren und mit lauter, klarer Stimme sagen: „Ich möchte bitte anständige Weihnachtsmänner. Frisch. Nicht die vom September. Nicht die veganen. Nicht die mit 85 % Kakao, die schmecken wie Buße. Normale. Deutsche. Mit Milchschokolade, die auch noch nach Schokolade schmeckt.“
Der Verkäufer wird mich wahrscheinlich anschauen, als hätte ich „Freiheit für Schleswig-Holstein“ gerufen. Dann wird er sagen: „Tut uns leid, die guten sind schon ausverkauft.“ Und ich werde antworten: „Dann machen Sie neue. Und zwar schnell. Denn es ist Sitte, dass die Kinder zu Weihnachten ordentliche Süßigkeiten bekommen und nicht die Reste vom Sommerloch-Weihnachts-Hype.“
Meine Kinder finden mich inzwischen etwas seltsam. Letzte Woche hat der Kleine gefragt: „Papa, warum regst du dich so über Schokolade auf?“ Ich habe ihm erklärt: „Weil es um Prinzipien geht, mein Sohn. Wenn wir schon zulassen, dass Weihnachtsmänner im September verkauft werden, dann dauert es nicht mehr lange, bis es Osterhasen zu Silvester gibt und Glühwein im Juni. Und dann bricht die Zivilisation zusammen.“
Er hat genickt, aber ich glaube, er hat es nicht verstanden. Er ist neun. Für ihn ist Schokolade einfach Schokolade. Für mich ist es ein letztes Bollwerk gegen den Wahnsinn der ewigen Vorverlegung aller schönen Dinge.
Denn genau das ist das Problem: Alles wird vorverlegt. Die Sommerreifen kommen im Februar, die Wintermäntel im August, die Weihnachtsdekoration im September. Und wir wundern uns, warum nichts mehr besonders ist. Warum alles gleich schmeckt. Warum die Vorfreude stirbt, bevor sie überhaupt geboren wurde.
Ich werde weiterkämpfen. Mit eiserner deutscher Gründlichkeit. Ich werde Beschwerdebriefe schreiben. An die Zentrale. An die Verbraucherzentrale. Vielleicht sogar an den Bundespräsidenten. „Sehr geehrter Herr Steinmeier, ist es mit der Würde des Menschen vereinbar, dass man im Dezember keine vernünftigen Weihnachtsmänner mehr bekommt?“
Bis dahin sammle ich Beweise. Fotos von leeren Regalen am 22. Dezember. Screenshots von Angeboten im September. Und wenn meine Frau wieder sagt „Horst, lass gut sein“, dann werde ich sie anschauen und mit tiefer, sarkastischer Stimme antworten:
„Liebling, wenn wir schon zulassen, dass die Supermärkte unsere Feste kaputtmachen, dann können wir auch gleich Osterhasen aus Schokolade an Halloween verteilen und Glühwein zum Vatertag trinken. Aber nicht mit mir. Nicht mit Horst Müller. Ich halte die Linie. Für die Kinder. Für die Tradition. Und für die letzten zwei Wochen im Dezember, in denen es noch echte Weihnachtssüßigkeiten geben sollte.“
Und wenn dann doch wieder nur diese traurigen Restposten da sind, dann kaufe ich sie. Nicht, weil ich sie will. Sondern aus Protest. Ich werde sie mit Würde essen. Und dabei leise fluchen.
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