Gastautor: Stubenrein
Tja, und plötzlich ist Mann 63 und dank eines gnädigen Geschicks hat man es geschafft, sich so früh wie möglich in die Rente zu verpissen. Zwar mit dem Maximum an Abzügen, aber scheixxegal, jedes Jahr zählt und ein paar Rücklagen sind ja auch noch da. Mit ziemlich genau dem Durchschnitt der bundesdeutschen Rente kann ich als Single ein entspanntes Rentnerdasein führen: Weder muss ich jeden Euro "zweimal umdrehen", noch kann ich das Geld "zum Fenster rauswerfen". Die Lebensführung ist also bescheiden, aber völlig entspannt. Bei höherem Geldbedarf werden halt die Ersparnisse angeknabbert ... Aber das nur am Rande.
Und jetzt ist sie endlich da: die höchste Stufe, die ein Deutscher im Leben erreichen kann: das Rentnerdasein! Plötzlich hat man Zeit. Viel Zeit. Jeder Tag ist ein Sonntag! Und das verhasste "piep piep piep ... piep piep piep ... piep piep piep ..." des Weckers muss man nie wieder hören. Herrlich! Allein das ist es wert, sich so früh wie möglich in den Ruhestand zu verabschieden.
Jeden Tag kann man sich ausschlafen, entspannt frühstücken, Zeitung lesen, im Internet surfen, böse Kommentare im Männer-Magazin abdrücken, Mittagsschlaf, Nachmittagskaffee und Abends kann man es dann krachen lassen. Oder besser "plöppen" lassen. Wenn der Korken mit einem saftigen "Plöpp" aus der Weinflasche flutscht, und Primitvo oder Chianti oder Bordeaux sich mit einem Berg von Pasta, Olivenöl, Knoblauch und geriebenem Parmesan verbinden, dann steht dem Glück nichts mehr im Weg! Das Ganze wird stilvoll angerichtet und im Hintergrund sorgt die Musik von Piero Piccioni für jene flirrende Leichtigkeit, für stilvolle Gelassenheit des dolce fa niente, wie sie die High Society in den 1950er und 1960er Jahren an ihren Urlaubsorten in Italien oder an der Côte d’Azur erlebt haben mag. Unerträgliche Leichtigkeit des Seins!
Und es stört einen nichts und niemand.
(Einen Moment. Habe ich da gerade das Wort "Ehrenamt" gehört? Ernsthaft? Deutschland versenkt 102 Milliarden Euro in der Ukraine und ich soll mich ehrenamtlich engagieren, damit der Sozialstaat nicht zusammenklappt? Drauf geschissen!)
Einwände wie früher im Arbeitsleben "Nein, vielen Dank. Keinen Wein mehr. Ich muss morgen früh raus." gibt es nicht mehr. Also wird eine geöffnete Flasche auch platt gemacht. Wo kommen wir denn da hin? Rotwein verkorken und zurück in den Kühlschrank? Eine Sünde! "Lieber den Magen verrenken, als dem Wirt was schenken!", "Leber duck dich!", "Einer geht noch!", "Hoch die Tassen! In Afrika ist Muttertag!" ... Irgendeine Begründung, die Pulle leerzusaufen, findet sich immer. Man kann ja am nächsten Tag ausschlafen. Und so säuselt man sich sanft und selig durch den Abend und sinkt zufrieden ins Bett. So kann's weitergehn!
Wirklich?
Der nächste Morgen beginnt ohne Beschwerden. Mann ist diese Abende ja längst gewöhnt. Der schwere Rotwein ist in den Zeiten von Pest & Cholera und Merkel & Merz ein stetiger und lieber Begleiter geworden. Körper und Geist und Rotwein sind eine Symbiose eingegangen und zu einem eingespielten Team geworden. Der Fachmann würde sagen: "Alkoholgewöhnung liegt vor, wenn der Körper durch regelmäßigen Konsum eine höhere Menge Alkohol benötigt, um die gleiche Wirkung zu erzielen." Äh, hallo? Hat hier irgendwer gerade "Alkoholiker" gesagt? Ich glaube, es geht los! Ich hab mich doch voll im Griff!
Wirklich?
Die Leber sieht das etwas anders. Neiiiiin. Nicht wegen der tödlichen Leberzirrhose, die gleich um die Ecke kommt. So argumentieren nur verbitterte und vertrocknete Gesundheitsminister, die einem Fressen, Rauchen, Saufen und Sex verbieten wollen, bis man nur noch ein kerngesunder Steuer- und Arbeitssklave für den Staat geworden ist. Die Leber sieht das anders und setzt halt ihre eigenen Prioritäten. Und Priorität für die Leber ist der Alkoholabbau. Es hilft alles nichts und man kann sich insbesondere den Wein schönreden wie man will: Alkohol ist vom ersten Schluck an ein schweres Zell- und Nervengift. Auf der Liste der krebserregenden Stoffe, die die WHO herausgegeben hat, ist Alkohol ganz vorne mit dabei. Also wirft die Leber erst einmal den Alkohol raus und hat für alle anderen Aufgaben keine Zeit mehr. Hauptsächlich der Fettabbau fällt erst einmal völlig flach.
Auch Gehirn, Mundhöhle, Speiseröhre, Herz, Magen, Darm, Gelenke finden Alkohol nicht so geil. Nur ein Körperteil fühlt sich mit diesem Lebensstil so richtig wohl: das viszerale Bauchfett. Das ist bei Männern jenes beliebte Fett, das sich im Körperinneren und besonders um die Körpermitte und um die Organe ablagert und dort ständige Entzündungsimpulse in den Körper abfeuert. Ebenso unangenehm ist, dass sich durch die Sauferei bei Wampenträgern auch noch zusätzlich der Testosteronspiegel verabschiedet. Da geht auch der kleine Freund zwischen den Beinen in den Ruhestand und ist eigentlich nur noch zum Pullern, aber nicht mehr zum Pimpern da. Stahlharte Erektionen? Och nö. Muss nich. Schenk' dir lieber noch ein Glas ein.
Wege, die man früher im flotten Marschierschritt erledigt hatte, werden plötzlich anstrengend. Auch im FitnessCenter läuft der Körper nur noch auf Sparflamme. Klimmzüge, Bankdrücken oder Kniebeugen mit etwas höherem Gewicht? Hahahaaaa! Ach vergiss es! Guck dich doch mal an. Bei der Wampe! Die Pumpe hämmert, die Lunge pfeift aus dem letzten Loch, und auch die Gelenke zwicken hier und da. Mal sind's die Knie, mal die Schultern, dann der Ellenbogen ... "Naja, das ist halt das Alter! Was erwartest Du? Da kann man halt nichts machen ..."
Wirklich?
Der Umschwung kam dann einige Monate später nach einem Abend in einer Weinstube. Weinstube, das klingt so urig und gemütlich. Eigentlich war es ein trübes Loch mit funzeliger Beleuchtung. Verrostete Musikinstrumente an den Wänden und vergilbte Stadtbilder täuschten Gemütlichkeit und Originalität vor. In den ungeputzten Lampenschirmen sammelten sich die Fliegenleichen und an der Theke hingen die bekannten Gestalten. Und es ist, wie in jeder Kneipe, wenn man nur oft genug hingeht: Irgendwann kennt man sich halt. Oder glaubt sich zu kennen. Und da saßen sie dann. Hermann, Heinrich, Peter, Paul. Die üblichen Kneipenhänger. Alles Rentner und "gestandene" Weintrinker mit Knollennase und Weinwampe. Stadtbekannte Säufer. Und ich selbst hatte es offensichtlich endlich auch dorthin geschafft und war jetzt Mitglied im Kreis dieser illustren Gesellschaft. Endlich arriviert. Endlich angekommen! Der Wein lief und man laberte über Gott und die Welt. Und noch ein Glas und noch ein Glas und noch ein Glas. Und die Gespräche wurden lauter, das Gelächter schriller, die Köpfe schwerer. Der Nebel des seligen Besoffenseins senkte sich. Wortfetzen, Lallen, Rülpsen, Rechnung zahlen. Schwankend nach Hause und dann "Das Grauen, das Grauen ..." Colonel Kurtz wusste Bescheid. Endstation Kneipe. Und das regelmäßig. Immer wieder. Woche um Woche, Monat um Monat. Jahr um Jahr. Wer Glück hat, bemerkt es noch rechtzeitig.
Am nächsten Morgen brach ich mit allem, was mir bis dahin lieb und heilig war. Wein und Cognac versenkte ich im Klo. Weingläser und Cognac-Schwenker landeten im Glasmüll. Und die Ernährung wurde radikal umgestellt und zwar sofort. Zwei Mahlzeiten am Tag. Intervallfasten. Totaler Verzicht auf Alkohol, Pasta, Reis, Brot, Zuckerzeug. Stattdessen Fleisch, Fisch, Eier, Nüsse, Gemüse, etwas Obst, Kaffee, Wasser. Jeden zweiten Tag ins Gym. Ich hatte ja Zeit. Und dabei blieb es. Monate lang. Und dann geschah das Wunder. Langsam aber sicher kehrte ich wieder zurück in die Welt der Lebenden. Nach sechs Monaten hatte ich fast 20 Pfund abgenommen und eine versoffene Wein-Leiche verwandelte sich in einen strahlenden Athleten, der heute aussieht wie eine Marmorskulptur aus Athen. Naja, fast. Aber die Resultate sind schon verblüffend. Siehe Bild oben. Es funktioniert wirklich. Auch wenn man die 60 überschritten hat.
Aber man muss sich schon entscheiden.
Saufen oder Sixpack?
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