Gastautor: Von mir kann es nichts geben
Ach, ihr Lieben. Ich bin der Typ, der früher mal „Mitleid“ mit „Hilfsbereitschaft“ verwechselt hat. Heute weiß ich: Es ist dasselbe. Nur dass es teurer geworden ist, grüner und irgendwie immer mit einer Frau zu tun hat, die sich ein Elektroauto zusammengespart hat, als wäre es ein neuer Handtaschen-Trend bei Zalando – und dann feststellt, dass der Strom zum Laden mehr kostet als früher der Sprit für ihren alten Golf Diesel.
Lasst mich das erklären, bevor ihr mich für einen dieser „Nice Guys“ haltet, die eigentlich nur auf eine andere Art von „Ladung“ aus sind. Nein, nein. Hier geht’s wirklich um Kilowattstunden. Um die echte, die teure, die an der Ionity-Säule. Die Ladung, die eine Frau sich nicht leisten kann, obwohl sie drei Monate lang jeden Abend nur Avocadotoast und Matcha-Latte verzichtet hat, um sich den schicken neuen Stromschlitten zu gönnen. Und ich? Ich verpasse ihr hin und wieder eine. Aus Mitleid. Weil ich ein guter Mensch bin. Oder ein Idiot. Die Grenze ist fließend, je nachdem, wie hoch die Stromrechnung gerade ist.
Es fing ganz harmlos an. Ich stand an einer Schnelllader-Säule in der Nähe von München, mein guter alter Plug-in-Hybrid (ja, ich bin auch ein Heuchler, aber wenigstens ein ehrlicher) war schon fast voll, als sie vorfuhr. Klein, zierlich, mit diesem „Ich-bin-eine-starke-unabhängige-Frau-die-trotzdem-Hilfe-braucht“-Blick. Ihr neuer ID.4 oder was auch immer das war – ich merk’ mir die Modelle nicht mehr, die sehen alle aus wie ein iPhone auf Rädern – blinkte rot. Akkustand 8 Prozent. Reichweite: „Vielleicht bis zum nächsten Baum, wenn du Glück hast.“
Sie stieg aus, tippte verzweifelt auf ihrem Handy herum und murmelte etwas von „die App spinnt wieder“ und „mein Gehalt kommt erst übermorgen“. Ich, der Ritter in der glänzenden Cargohose, sagte den klassischen Satz: „Möchten sie, das ich ihnen eine Ladung verpasse?“
Sie starrte mich an, als hätte ich ihr gerade ein unmoralisches Angebot gemacht. Was ich technisch gesehen auch hatte. Nur nicht die Art, die ihr zuerst in den Kopf schoss. Ich meinte natürlich die Säule. 50 kWh. Auf meine Kosten. Sie lachte erleichtert, ein bisschen zu laut, und sagte: „Oh mein Gott, das wäre echt super nett!“
Nett. Das Zauberwort. Nett ist der neue „Ich hab kein Geld mehr auf dem Konto, aber dafür ein tolles Bewusstsein für Nachhaltigkeit“.
Also steckte ich meine Karte rein. 42 Euro für 80 Prozent. Für sie war das wie Weihnachten und Ostern gleichzeitig – nur ohne Geschenke, dafür mit Strom. Sie umarmte mich sogar kurz. Ich roch ihr Parfüm (irgendwas mit Vanille und schlechtem Gewissen) und dachte: „Herzlichen Glückwunsch, du bist jetzt offiziell der letzte Depp, der noch für die Glimaspinnerin zahlt, die sich den eigenen Glimawahn nicht leisten kann.“
Seitdem ist es ein Running Gag in meinem Leben. Nicht mit ihr – mit der Gattung. Denn es gibt sie häufiger, als man denkt. Die bedürftige Frau mit dem bedürftigen Akku. Diejenige, die auf Instagram #ZeroEmission postet, aber beim Laden immer „vergessen“ hat, dass Strom in Deutschland teurer ist als ein guter Rotwein. Und plötzlich steht da so ein Kerl wie ich, der einfach nur laden wollte und stattdessen einer kleinen, hilflose, umweltbewusste Prinzessin, mitten auf einem öffentlichen Parkplatz, eine Ladung verpasst (80%).
Letzte Woche war es wieder so weit. Selbe Frau, selbe Säule, selber verzweifelter Blick. Diesmal hatte sie sogar ein Schild im Fenster: „Bitte nicht abschleppen, Akku leer, komme gleich mit Geld!“ Ich hab gelacht wie ein Hyäne. „Wieder vergessen zu sparen, oder?“
Sie wurde rot. „Der Winter war teuer. Und die Heizung … und die Miete … und irgendwie ist der Akku immer leer, wenn ich einkaufen war.“
Ich hab ihr wieder uneigennützig eine Ladung verpasst. Diesmal für 55 Euro. Und während die Säule summte wie ein zufriedener Liebhaber, philosophierte ich innerlich über die moderne Frau. Früher haben sie gesagt: „Sei ein Mann und bezahl das Essen.“ Heute heißt es: „Sei ein Mann und bezahl den Strom, damit sie weiterhin die Welt retten kann, die du mit deinem alten Verbrenner angeblich kaputt gemacht hast.“
Der Sarkasmus-Level in meinem Kopf war auf Maximum. Ich hab mir vorgestellt, wie sie zu Hause ihren Freundinnen schreibt: „Der Typ von der Ladestation hat mir schon wieder geholfen 😍 So ein Schatz! Endlich mal ein richtiger Mann, der versteht, wie hart es für uns Single-Frauen mit E-Auto ist!“ Und ich? Ich hab danach zu Hause meine eigene Rechnung bezahlt und mir überlegt, ob ich mir ein T-Shirt drucken lassen soll: „Ich rette nicht die Welt. Ich rette nur den Akku einer Frau, die sich die Weltrettung nicht leisten kann.“
Natürlich ist es nicht nur Mitleid. Es ist auch ein bisschen Genugtuung. Schaut euch das an, ihr starken unabhängigen Frauen: Ihr habt euch das teure Spielzeug gekauft, um allen zu zeigen, wie moralisch überlegen ihr seid – und jetzt braucht ihr den bösen, alten, patriarchalischen Stromzahler, damit das Ding überhaupt fährt. Ironie des Schicksals, verpackt in 400 Volt.
Einmal hab ich sie gefragt, warum sie sich überhaupt so ein Auto geleistet hat. Ihre Antwort war Gold wert: „Na ja, wegen der Umwelt. Und weil es so zukunftsfähig ist. Und weil alle meine Kolleginnen auch eins haben.“ Zukunftsfähig. Das Wort, das man sagt, wenn man eigentlich „Ich hab mich von der Werbung verarschen lassen“ meint.
Ich hab genickt und gedacht: Zukunftsfähig wäre es, wenn du dir ein Auto kaufst, dessen Betrieb du dir auch leisten kannst. Aber das sagt man nicht. Stattdessen sagt man: „Kein Problem, ich verpass’ dir gerne hin und wieder eine Ladung.“ Und dann steht man da, zahlt 60 Euro und fühlt sich wie der letzte Gentleman aus einer Zeit, in der Männer noch Türen aufgehalten haben – nur dass die Tür heute eine Ladesäule ist und die Frau danach einfach wegfährt, ohne sich je zu revanchieren.
Manchmal frage ich mich, ob sie je darüber nachdenkt. Ob sie merkt, dass ich nicht ihr „Charging Buddy“ bin, weil ich so ein toller Typ bin, sondern weil ich einfach nicht zuschauen kann, wie jemand mit 70.000-Euro-Auto am Straßenrand steht wie ein Hund ohne Napf. Vielleicht denkt sie auch: „Der ist eh verknallt, der macht das schon weiter.“
Letztens hab ich ihr mal den ultimativen Tipp gegeben: „Weißt du, was echt zukunftsfähig wäre? Ein kleiner Benziner als Zweitwagen. Oder einfach mal das Licht ausmachen, wenn du aus dem Zimmer gehst. Dann reicht der Akku vielleicht bis zum nächsten Monat.“
Sie hat gelacht und gesagt: „Du bist so süß, wenn du sarkastisch bist.“
Süß. Das war’s. Ich hab ihr wieder eine Ladung verpasst. 68 Euro diesmal. Der Winter ist hart. Aber irgendwie finde ich es im ersten Moment befriedigend. Allerdings, kaum ein paar Sekunden danach, frage ich mich, ob das wirklich nötig gewesen ist.
Und wisst ihr was? Ich mach’s weiter. Nicht, weil ich muss. Sondern weil die Welt ein bisschen lustiger wird, wenn starke, unabhängige Frauen feststellen, dass ihre starke Unabhängigkeit ab 22 Cent pro Kilowattstunde endet. Und weil ich dann da stehe, die Karte zücke und mit einem Lächeln sage: „Kein Ding, Süße. Ich verpass’ dir gerne hin und wieder eine Ladung.“ Aus Mitleid. Aus reiner, purer, männlicher Hilfsbereitschaft.
[Hinweis der Redaktion: Der gewünschte Artikeltitel „Einer bedürftigen Frau uneigennützig eine Ladung verpassen" war leider zu lang und wurde deswegen geändert. Bitte haltet die Artikeltitel kurz.]
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