Gastautor: Quotenfeminist
Man sagt, der Sozialismus scheitere daran, dass die Menschen nun einmal verschieden seien. In Schlandtasia jedoch hat man dieses Problem diskret per Dekret gelöst: Wenn alle Menschen gleich sind, dann bitte auch beim Sex. Schließlich darf niemand hinter dem Gemeinschaftswohl zurückbleiben – auch nicht im Bett.
Die Geburtsstunde der Beischlafschaft begann, wie alle großen Dinge beginnen: mit Empörung im Internet. Eine Diskussionsgruppe namens Eros für alle! veröffentlichte eine Petition mit dem Titel „Schluss mit der erotischen Ungleichheit“. Unterzeichnerinnen klagten, es sei unsozial, dass die Natur einigen Frauen mehr romantische Aufmerksamkeit zuteilwerden lasse als anderen – eine himmelschreiende Ungerechtigkeit, die dringend politisch ausgeglichen werden müsse.
Der Block der willigen sozialistischen Parteien nahm sich sofort begeistert der Sache an, und aus der Petition wurde binnen drei Monaten ein Gesetz: das Gesetz zur Förderung der sexuellen Teilhabe (GFST). Darin heißt es nüchtern: “Jede Bürgerin der Republik Schlandtasia, die aufgrund gesellschaftlicher, physischer oder sonstiger struktureller Benachteiligung keinen angemessenen Zugang zu zwischenmenschlicher Intimität erlangt, hat Anspruch auf staatlich vermittelte Beischlafschaft.”
Kurz darauf öffnete das Amt für sexuellen Nachteilsausgleich (AfsNA) seine Türen. Das Logo – zwei ineinanderknieende Personen – wurde zum Symbol einer neuen Ära.
Bürokratie mit Gefühl
Wer denkt, romantische Anliegen seien zu privat für amtliche Bearbeitung, kennt die Schlandtasiaer Verwaltung schlecht. Der Antragsprozess wurde in klassische Manier effizient und gefühllos gestaltet:
a) Formular AfsNA-12a („Erstantrag auf Beischlafschaft“) umfasst 42 Seiten inklusive einer psychosexuellen Bedürfnis-Selbstauskunft,
b) Nachweis der gesellschaftlichen Benachteiligung erfolgt durch ein Gutachten des Solidaritätskomitees für Erosgleichstellung,
c) Beischlafpartner werden aus dem zentralen Register meritokratischer Liebesdienstleistender (RMLD) vermittelt.
Die Sachbearbeiter und Sachbearbeiterinnen nehmen ihre Aufgabe sehr ernst. Frau Oberinspektorin Thekla Fröhlich erklärt: „Unser Ziel ist gesellschaftliche Wärme – aber mit Stempel und Aktenzeichen.“
Natürlich braucht ein solches System Menschen, die bereit sind, ihren Körper in den Dienst der Gemeinschaft zu stellen. Diese verdienten Staatsbürger nennen sich Beischlafer, Klasse A bis D, nach Intensitäts- und Erfahrungsgrad gestaffelt.
Klasse-A-Beischlafer sind so etwas wie die Astronauten des Sozialismus: körperlich erlesen, ideologisch geschult, und in ergonomischer Liebesführung zertifiziert. Sie verrichten ihren Dienst mit patriotischem Stolz und tragen dabei die offizielle Beischlaferuniform (ein roter Bademantel mit goldenem Staatswappen).
Einer von ihnen, Genosse Heiko, schwärmt: „Früher galt Liebe als privates Gefühl. Heute ist sie endlich Produktivkraft! Ich verdiene Punkte auf dem Solidaritätskonto und tue gleichzeitig Gutes.“
Seit der Einführung des Programms ist viel passiert. Laut Statistikamt sank die „Romantische Unzufriedenheit“ um 73 %. Der Verkauf von importierter Trostschokolade sank um 79,3 % und es gibt auffällig mehr zufriedene Gesichter in der U-Bahn.
Allerdings häufen sich auch Kuriositäten. Einige Frauen beantragten bereits mehrere Beischlafschaften gleichzeitig, was laut Gesetz eigentlich unzulässig ist – der Sozialismus kennt schließlich keine Monogamie im Übermaß. Andere wiederum geben an, sie hätten sich in ihren zugewiesenen Partner oder noch schlimmer, ohne bürokratisch geregeltes Verfahren, sich bei ungeplanten Kommunikation unter den in den Wartegemeinschaften des Amtes wartenden, verliebt. Das AfsNA reagierte darauf mit einem Merkblatt: „Emotionale Bindung zu staatlich vermitteltem Geschlechtsverkehr ist unerwünscht, aber menschlich.“
Im Ausland blickt man fasziniert auf das Experiment. Während kapitalistische Länder Dating‑Apps nutzen, begegnen sich die Schlandtasiaer mit Antragsformularen in dreifacher Ausfertigung.
Wie zu erwarten, blieb der neoliberale Rest der Welt nicht still. In kapitalistischen Nachbarländern schüttelt man ungläubig den Kopf. Liberale Ökonomen warnen: „Wenn der Staat beginnt, Libido zu verteilen, ist das Ende der Marktwirtschaft gekommen.“
Doch die sozialistische Vorzeigerepublik Schlandtasia ließ sich nicht beirren. Das Regierungsorgan "Der Gleichmacher" entgegnete spitz: „Wir haben den Kapitalismus entsexualisiert – er war ohnehin überreizt.“
Mittlerweile gibt es das AfsNA in jeder größeren Stadt. Neben Einzelbeischlafschaften bietet das Programm jetzt auch Gruppenformate an – „Kollektivromantik“ und „Genossenschaftliche Zärtlichkeit“.
In den ländlichen Gebieten, wo der Bedarf groß, aber das Personal knapp ist, kommen mobile Einsatzteams zum Zug: der sogenannte Lustbus, ein umgebauter Transporter mit Pastellgardinen und Formblättern an Bord. Nachts tuckert er über die Landstraßen und verbreitet, wie es in der Propaganda heißt, „Zufriedenheit bis in den letzten Winkel der Republik“.
Natürlich läuft nicht alles rund. Manche Sachbearbeiter klagen über Überlastung, andere über falsche Erwartungen. Einmal beschwerte sich eine Antragstellerin darüber, dass ihre vom Amt vermittelter Aktivist „keine hinreichend gefestigte sozialistische Persönlichkeit" gehabt hätte. So konnte dieser, ihr während der Beischlafvollziehung nur 67,2 % der im Dummfunk veröffentlichen Wochenlosungen, ohne zu stocken in ihr Ohr säuseln. Was ihrer Libido leider etwas zusetzte.
Auch das Datenschutzamt hat Bedenken: Die Datenbanken enthalten intime Angaben – vom „präferierten Rhythmus“ bis zu „empfohlenen Flüstertönen“. Doch Ministerpräsidentin Klara Gleich betont: „Datenschutz ist wichtig, aber noch wichtiger ist, dass keine Frau die es nicht möchte, alleine ins Bett muss und leer aus geht.“
In der offiziellen Ideologie des Landes gilt Sexualität als soziales Gut, das gerecht verteilt werden muss – wie Bildung, Brot oder Wohnraum. Persönlichkeit und Chemie, Relikte des Individualismus, werden als „bürgerliche Zufallsprodukte“ abgelehnt.
Die Schulen lehren bereits das Fach „Gesellschaftlich wertvoller Umgang mit Körpernähe“, in dem Kinder lernen, Zuneigung korrekt nach Quote zu vergeben. Der neue Jugendslogan lautet: „Liebe ist schön, aber erst richtig, wenn sie staatlich genehmigt ist!“
Man munkelt, das AfsNA plane eine Ausweitung auf männliche Antragsteller. Der Entwurf des Gesetzes zur gerechten Libidoverteilung (GGL) kursiert bereits im Ministerium. Und dann könnte es heißen: „Jeder Bürger hat das Recht auf eine solidarische Befriedigung.“
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