Gastautor: Pancho

Warum ich nicht in Mizata über Nacht geblieben bin? Vielleicht, weil meine Zeit hier abläuft und ich noch ein paar Dinge erledigen muss.
Seit Tagen feilsche ich mit Avianca, um meinen Rückflug nach BOG auf BC upzugraden. Nicht wegen der besseren Behandlung oder der Lounge (die kriege ich mit Priority Pass auch so), nein, es geht um das Gepäck / das Gewicht. Am Ende kann ich zu einem Preis auf BC upgraden, der deutlich günstiger ist, als Übergewicht zu bezahlen. Das Ganze mache ich aus Kalkül … jetzt, wissend, dass ich 32 kg mitnehmen kann – der Heimflug nach DE ist eh BC, also inkl. 2x 32 kg -, gehts es nach Hause – was echt nicht einfach ist, weil ich nachts nicht mehr so gut sehe, die endlosen Serpentinenstraßen nicht beleuchtet sind und die Scheinwerfer vom kleinen i10 keine Hilfe sind –, steuere einen großen Supermarkt an und kaufe dort ohne Ende ein. Salsa casera (eine typische Soße aus MX – gibt’s rot oder grün -), Flan, Cacahuates japoneses, Soßen, Gewürze und etliches mehr landen im Einkaufswagen. Platz habe ich, nachdem ein Teil der COL-Geschenke schon verteilt wurden und die anderen in den Rucksack wandern, da ich noch ein Date in BOG habe. Übrigens: Auch hier kann man mit Bitcoin im Supermarkt bezahlen.

Tag 14

Früh aufgestanden und Frühstück gemacht. Im Kühlschrank sind noch Sachen, die werde ich Victor schenken, falls er sie haben möchte. Ansonsten steht in erster Linie packen und bereit für die Heimreise machen an. Ein letztes Mal geht es nachmittags in das Dorf nebenan, die letzten Flautas bei meinem Lieblings-Mexikaner essen und auch dort Abschied nehmen. Große Umarmungen, ich muss versprechen, dass ich wiederkomme und meine Tacos gehen heute aufs Haus. Sie bestehen darauf. Gegenüber ist der Mirador (Aussichtsplattform) und daneben ein Stand der Touri-Nippes verkauft, an dem ich schon mal war, aber nichts gekauft habe. Die Schnapsgläser mit SV-Motiv habe ich mehrfach so oder ähnlich überall gesehen und wollte die schon die ganze Zeit haben, nur waren mir die aufgerufenen Preise zu heftig. Auch hier sollen sie 5 USD pro Stück kosten, ich will sie aber haben, also kaufe ich sie. Klar, völlig überteuert, die Maus am Stand ist aber eine Süße, hat sicher kein leichtes Leben, daher verbuche ich es unter „ist für einen guten Zweck“. Dabei frage ich mich, warum ich die Maus nicht mal zum Essen eingeladen habe. So nett wie sie ist und so wie sie lächelt, hätte sie vermutlich zugestimmt.

Zurück in der Wohnung Victor gesucht, um den Check-out am nächsten Morgen zu klären. Es ist Wochenende, er ist nicht da. Sein Vertreter verspricht mir, dass jemand früh da sein wird.

Nachdem alles gepackt ist, sagt die Waage 31,5 kg für den Koffer, der Rucksack ist gerade so am erlaubten Limit, was bei BC aber kein Thema ist, weil noch nie jemand sich darum gekümmert hat. Er ist prall gefüllt und geht kaum zu.

Gehe schlafen, lasse die Erlebnisse Revue passieren und stelle fest: Ich habe mich in Land und Leute verliebt. Ich will nicht weg, muss aber, es steht jedoch fest, dass SV meine neue Heimat wird. Vieles mag hier nicht top sein, es ist auch kein Paradies, das ist aber nicht das Entscheidende. Entscheidend ist: hier geht es nach oben, die Stimmung ist hervorragend, es gibt endlos Möglichkeiten und jeder ist willkommen, der beitragen möchte.

Tag 15

Die Dame, die sonst das Zimmer putzt, macht den Check-out. Das Ganze geht rasend schnell. Sie schaut kurz alle Zimmer durch, ich frage, ob sie die Sachen im Kühlschrank haben möchte, sie nimmt sie gerne an, meine 100 USD Kaution bekomme ich zurück und trete schweren Herzens die Heimreise an.

Für die Fahrt zu SIXT nehme ich extra einen Umweg in Kauf. Bin zeitig dran und will noch möglichst viele Eindrücke mitnehmen. Es hilft nichts, ich kann es nicht mehr hinauszögern, also Auto vollgetankt und ab zu SIXT. Die Rückgabe verläuft so easy, wie das Abholen. Dass ich ein Tope übersehen habe und der Schlag echt heftig war, hat der kleine i10 gut weggesteckt und keine Schäden hinterlassen. Das Shuttle bringt mich zum Flughafen, alles geht wieder smooth und easy, erstaunlich schnell und ruckzuck bin ich in der Lounge und warte auf den Abflug. Moment? Migration? Gab’s nicht, habe kein Ausreisestempel.

Flug (Avianca) startet pünktlich, der Flug ist angenehm, es gibt Snacks und Getränke – fliege ja BC – und bald sind wir in BOG gelandet. Ich muss durch Migration durch, da ich nicht Transit unterwegs bin. Habe mehrere Check-Migs gemacht, da ich nicht weiß, wie sie es haben wollen. Offiziell reise ich ein, reise aber gleich wieder aus, nur eben erst ein paar Stunden später und da hat die KI geraten sicherheitshalber einen regulären Check-Mig zu machen. Bei Migration ist alles easy, stelle mich unwissend, erkläre die Sache und bin schnell durch. Blöd, für die spätere Heimreise steht wieder das volle Programm an :( Koffer ist schnell da und genauso schnell wieder eingecheckt.

Erstmal raus, gefühlt 100 „Taxi, Taxi, Taxi“-Typen abwehren, eine rauchen und die süße COL Maus anschreiben, wo sie bleibt. Sie wäre unterwegs und gleich da. Ein Typ quatsch mich an, sei hängengeblieben, bräuchte Geld … nö, such’ Dir ’nen anderen Deppen für Deinen Abzockversuch.

Kurze Zeit später steht sie wieder vor mir, wie damals, als ich erstmals in COL war und sie mich vom Flughafen abgeholt hat. Die süße COL Maus sieht einfach nur traumhaft aus. Große Wiedersehensfreude, sammeln, auf in den Flughafen, wo wir uns ein hübsches Restaurant aussuchen und dort gemeinsam essen, Neuigkeiten austauschen und eine wunderschöne Zeit miteinander verbringen. Über die Mitbringsel (u.a. ein Kleid, das sie letztes Mal hier vergessen hat, Süßigkeiten und natürlich Catsticks für Lilly (ihre Katze) freut sie sich wie ein Kind. Himmel ist sie süß.

Schade, ich hatte sie die letzten drei Tage nach SV eingeladen, hätte ihr die Flüge bezahlt und gerne diese Zeit mit ihr dort verbracht. Ging nicht, sie war anderweitig beschäftigt, hatte nicht den Kopf dafür frei, aber immerhin sehen wir uns noch bevor es für mich zurück nach Absurdistan geht. Die Zeit vergeht leider viel zu schnell, am Ende muss ich rennen, stecke über 45 Min. bei Migration in der Warteschlange fest um komme gerade noch rechtzeitig zum Gate, wo das Boarding bereits begonnen hat, an.

Zurück geht es mit Air France, als BC'ler bekomme ich Vorrang, der Empfang ist herzlich und die BC top. Kaum habe ich meine Sachen verstaut, mir die Annehmlichkeiten angesehen, schon habe ich ein Champagner-Glas in der Hand. Die Stewardess fragt die üblichen Dinge ab und kaum später starten wir. Internet full und kostenlos. Das Essen toppt alles, was ich bisher in BCs hatte. Air France kann es. Lufthansa, mit denen ich letztes Mal nach COL geflogen bin, kommt mir dagegen wie ein schlechter Witz vor.

Ankunft in Paris. Brauche mich um nichts zu kümmern, da mein Gepäck durchgeht. Interessant: Komme aus BOG und bereits am Flieger stehen sechs Grenzpolizisten und kontrollieren Pässe. Denke kurz an die süße COL Maus 2, die in Frankfurt auch an der Tür vom Flieger abgefangen wurde. Von mir wollen sie, nachdem sie meinen Pass gesehen haben, nichts, also durch und zur Lounge, Bier ist nicht zu finden, also halte ich mich an Champagner, der mehr als reichlich zur Verfügung steht. Habe später doch noch Bier gefunden, bin aber bei Schampus geblieben.

Flug nach Hause problemlos. Auch hier eine andere Welt als Lufthansa. Ankunft in [zensiert], wo der beste Kumpel mit einem Schild „Pornhub Dr. Pancho“ auf mich wartet. Nur einer der vielen Gründe, warum ich ihn so mag. Er hat mich mit meinem Auto abgeholt, das ich seit rd. 10 Jahren besitze und es ist das erste Mal, dass ich auf dem Beifahrersitz sitze. Fühlt sich komisch an, bin aber einfach nur froh, dass er sich um alles kümmert. Zuhause angekommen, er hat den Kühlschrank gefüllt und ein hervorragendes Essen vorbereitet. Auch wenn er nicht hier mitliest: Danke Schatz dafür und auch für alles andere. PS: Er hasst es, wenn man ihn jemand so nennt, aber ich darf das :)

Fazit: Abgesehen davon, dass es eine echt schöne Reise war – auch San Andrés war trotz der bipolaren süßen COL Maus 2, die mich zwischendurch echt geärgert hat, aber auch traumhafte Zeiten beschert hat –, habe ich tatsächlich den Ort gefunden, der alles übertrifft, was ich mir vorgestellt habe. El Salvador hat alle meine Erwartungen nicht nur erfüllt, sondern bei Weitem übertroffen. Es ist kein Paradies und es gibt dort noch viel zu tun. Die Sachen, die noch nicht passen, sind aber nicht wichtig und werden behoben werden. Entscheidend ist, dass es ein wunderschönes Land ist, die Menschen offen und hilfsbereit sind, die Stimmung positiv ist und es dort von Tag zu Tag besser wird. Die Richtung stimmt und meine Motivation beizutragen, die hier vollständig verlustig gegangen ist, ist wieder erwacht und das fühlt sich richtig gut an. Machen, erschaffen, genießen, Lachen, Teilen, Miteinander … es ist schwer in Worte zu fassen, was ich dort empfunden habe. Jegliche Zweifel sind ausgeräumt, es übertrifft bei Weitem alle meine Vorstellungen einen Platz zu finden, wo ich meine Restzeit einfach nur in Ruhe und Frieden leben kann.

Es ist keine Flucht, kein Auswandern, es wird für mich eher wie eine Heimkehr. Nicht in das Land, wo ich herkomme, aber in den kulturellen Raum, wo ich herkomme, meine Wurzeln habe, in dem ich ich sein kann und wo ich mich wohlfühle. Es war schon immer der Plan nicht in DE alt zu werden. EL Salvador hat alles, was ich mir so sehr für MX – wo es mich bis heute hinzieht – oder auch COL, das mir inzwischen ans Herz gewachsen ist –, wünsche und leider nicht hat und wohl nicht in absehbarer Zeit haben wird: Eine Regierung, die nicht bis ins Mark korrupt ist und mit den Narcos im Bett liegt, keine nennenswerte Kriminalität hat und – was seit 2015 hinzugekommen ist – ein Land ist, in dem Bückbeter – sofern es sie dort überhaupt gibt – nichts zu melden haben.

PS: Auf Bilder und Links wird weitgehend verzichtet. Die Namen der Orte, Restaurants & Co sind alle so wie angegeben im Internet auffindbar und dort findet man weitergehende Infos dazu. Bilder gibt es dort auch reichlich.



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