• 30.11.2020

Das Männermagazin

Leutnant Dino kommentiert

Die Äpfelchen

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» Artikel vom

Das beliebteste Obst in Mitteleuropa ist der Apfel. Das einzige heimische Obst Deutschlands, das es wirklich ganzjährig zu kaufen gibt, ist der Apfel. Das Kernobst mit der höchsten Selbstversorgerquote in Deutschland ist der Apfel. Das Obst, das am meisten Sorten kennt, ist der Apfel. Das in Kilo am meisten gegessene Obst in Deutschland ist der Apfel. Der Apfel ist der König.

Äpfel sind die Obstgewinner in Europa seit der Keltenzeit. Schon bei ihnen war es das beliebteste Obst. Sie nannten die schönste Gegend der Anderwelt, das paradiesische Avalon, die Insel der Apfelbäume. Über 70% der weltweiten Obsternte sind Äpfel. Der Apfel regiert uns, und das nicht nur in Form des Reichsapfels oder der Firma mit den beliebten Smartphones oder den als Milchdrüsen getarnten Äpfelchen von Weibchen im halbwegs brauchbaren Alter.

Wie alle Lebensmittel, die stark kommerzialisiert wurden, sind auch Äpfel quantitativ ins Plus, qualitativ ins Minus gerauscht und die Vielfalt der Apfelwelt wurde ebenfalls zerstört. Bei jeder Gelegenheit labert man heute über segensreiche Diversität, gleichzeitig merzt man 99% der Apfelsorten aus und ersetzt sie durch eine Einfalt, durch Züchtungen, die immer dieselben wenigen Elternsorten haben und sich von Generation zu Generation noch weniger unterscheiden. Riesige Sortengruppen sind fast völlig verschwunden, weil der Handel meint, der Kunde wolle sie nicht oder weil sie weniger Gewinn versprechen. Oft waren es optische Gründe, so sind zum Beispiel graue, berostete Äpfel ausgemerzt worden. Damit wurden alle berosteten Renetten, früher als Spitzensorten gesucht, innerhalb von 30 Jahren komplett hinausgeworfen.

Die kommerziellen Sorten haben als Haupteigenschaft Ertragsstärke. Das ist so überdreht worden, dass moderne Sorten sogar künstlich ausgedünnt werden müssen, sonst bleiben die Früchte zu klein und selbst für den Handel zu mies, was etwas heißen will. Maximalerträge bei möglichst identischem Aussehen und Fruchtgröße sind gefragt sowie die gerade modische Schalenoptik. Bei der inneren Fruchtqualität kommt es vor allem auf die Lagerfähigkeiten in temperatur- und atmosphärekontrollierten Großlagern an sowie auf die Eignung für eine Methylcyclopropen-Behandlung, ein chemischer Trick um Altware länger frisch erscheinen zu lassen, obwohl die wertgebenden Inhaltsstoffe abgebaut sind. Auch im Supermarktregal müssen sie möglichst lange frisch aussehen. Ihr Wuchs muss in Zwergform funktionieren. Keine Rolle spielt die Krankheitsanfälligkeit, im Intensivanbau wird sowieso 10-20 Mal pro Saison behandelt mit Fungiziden, Insektiziden, Herbiziden. Es gab auch Versuche, das zu verringern. Einer der Nebeneffekte des Sozialismus in der DDR war, dass dort bei der Schorfresistenzzüchtung bahnbrechende Arbeit geleistet wurde und robuste Sorten entstanden, mit denen Züchter bis heute weltweit weiterarbeiten. Der Grund: Die Schorfbehandlungen erfordern Fungizide und die konnte die chemische Industrie der DDR nur unter Mühen liefern. Also legte man großen Wert auf schorfresistente Sorten und gab den Züchtern in Dresden-Pillnitz entsprechende Aufträge, ließ ihnen alle nötigen Freiheiten und Voraussetzungen dafür. Sie züchteten, kreuzten mehrstufig andere Arten ein und lieferten. Die besten Sorten kamen gerade recht, um das Ende des Sozialismus zu sehen und sogar Jahre nach dem DDR-Untergang kamen immer noch Sorten aus der Pipeline, die bereits lange vorher betankt wurde. Auch im Westen versuchte man ein bisschen etwas, aber es kam vergleichsweise wenig Verwertbares dabei heraus, eher Sorten, die zu früh vermarktet wurden und denen eine weitere Züchtungsgeneration gutgetan hätte.

Die Vielfalt der Äpfel gibt es noch, wenn auch geschrumpft. Sie lebt bei einigen Liebhabern, die sich an den schönen Bäumen erfreuen und mehr genießen wollen als das, was das Supermarktsortiment bietet. Bei mir lebt sie auf Obstwiesen, auf denen ich viele Sorten neu gepflanzt habe, teilweise selbst veredelt, auch andere Obstarten. Auf den Wiesen standen vom Vorbewirtschafter gepflanzt etwa 70% Sorten, die auch mal im Supermarkt waren. Davon habe ich einige behalten, den Rest ersetzt, vor allem auch weil die klimatischen Voraussetzungen für gesunden Wuchs bei mehreren Sorten nicht vorhanden waren. Jetzt fruchten dort viele der folgenden Sorten:

Frühapfelkönige

Ab Mitte Juli, und zwar nicht nur der langweilige und nur ein paar Tage haltbare Klarapfel. Frühäpfel waren früher eine wichtige und große Gruppe, heute sind sie aus den Supermärkten (dort liegen zu dieser Zeit Äpfel aus Neuseeland, Chile) verschwunden und nur noch auf Wochenmärkten zu haben. Georg Caves, Piros, Pfirsichroter Sommerapfel, Schöner von Bath. Der Apfelsommer ist herrlich.

Lagerkönige

Ohne Speziallager und Chemietricks bis Mai des Folgejahres haltbar. Dazu gehören Sorten wie der rote Bellefleur, der echte Eiserapfel (den man aber sortenecht aufgrund einer langjährigen Verwechslung in Reiserschnittgärten kaum bekommt), die Champagner Renette, Berlepsch, Pilot (auch eine DDR-Züchtung, der „Pillnitzer Stein“, weil er recht fest ist). Auch der Apfelwinter ist herrlich.

Aromakönige

Warten mit Aromen und Stilen auf, die kein kommerziell angebauter Apfel hat. Das sind Sorten wie die Orleans Renette mit einem Mandarinenschalenton, der Rote von Simonffi mit Rosenaroma, der rote Herbstkalvill mit Himbeer- und Erdbeertönen sowie einige weniger knallige Aromatypen wie die Muskatrenette, Gravensteiner. Apfelaromen sind herrlich.

Saftkönige

Daraus kann Apfelsaft gepresst werden, der Lichtjahre über allen käuflichen Säften liegt. Vom Baum gegessen schmecken sie nicht, sie enthalten manchmal einen schmeckbaren Polyphenolanteil (Gerbstoffe), sind oft hart, das Fruchtfleisch ist nicht angenehm. Aber der Saft! Dazu zählt der König der Saftäpfel, der Bittenfelder, aber auch Maunzen, Bohnapfel, verschiedene Weinäpfel, Engelsberger Renette. Flüssigobst ist herrlich.

Kuriositätskönige aller Art

Dazu zählen rotfleischige Sorten, Säulenapfelsorten die als Hecke wachsen, Sorten mit besonderer Form wie der Sternapi oder der Kandil Sinap, Zieräpfel zur Dekoration, für Mus und Saft wie die Arten Malus Pumila, Malus baccata, Malus x zumi. Apfelvielfalt ist herrlich.

Gelagert werden sie bei uns in der mäusesicheren Garage neben meinem Imkerzeug auf Betonboden in Kisten. Etwas Frost halten sie aus, Schäden gab es nie. Das ist zwar nicht optimal, weil im Herbst und Frühjahr oft noch zu warm, aber deutlich besser, als im Hauskeller und gut genug für uns. Erdkeller sind leider nicht mehr zu bekommen und Platz für nachträglichen Bau im Garten hat in den Einfamilienhausgrundstücken auch niemand.

Auch wenn man wenig Platz hat: Ein Apfelbaum lohnt sich immer und passt überall hin. Bäume auf mittelstark wachsender Unterlage benötigen rund 2,5 Meter Radius, sind standfest ohne Pfahl, pflegeleicht. Fürs Ernten und gegebenenfalls einen einfachen Verjüngungsschnitt reicht eine Bockleiter. Selbst ein winziger Vorgarten reicht: Säulenäpfel der dritten Generation kann man im 50 cm - Abstand pflanzen. Witzige und interessante Sorten für so etwas sind Pomfital, Jucunda, Rondo und auch einige teure Lubera - Sorten, der Züchter verwendet übrigens als Resistenzträger gerne die DDR-Sorten. Allerdings verkauft Lubera die Bäume auf schwachen Unterlagen, sie bleiben sehr niedrig, die heutigen Hauptkunden haben eben nur noch Terrassenränder zu bepflanzen und keine Gärten mehr. Setzt man zwei Reihen besser wachsender Säulenäpfel versetzt, bekommt man eine bis Spätherbst optisch dichte Obsthecke.

Die Verwertung ist kein Problem, jeder kennt Apfelprodukte und was zu viel ist, nimmt jeder gerne geschenkt, fast jeder mag Äpfel. Neben Essobst und Verwendung in der Küche kann man getrocknete Apfelringe, Apfelkraut, Apfelleder, Apfelsaft, Apfelmost, Apfelschnaps, Apfelgelee und einiges mehr fertigen.

Viele Sorten haben kaum Probleme. Luftfeuchte Orte wie in Gebäudeecken auf der Wetterseite sind natürlich nie gut, das begünstigt Pilzkrankheiten. Je windoffener und sonniger, desto besser. Ein gewisser Prozentsatz der Früchte wird immer von Wicklern befallen, die sortiert man aus. Die wenigsten Äpfel sind selbstfruchtbar, es wird also eine zweite Sorte benötigt, aber der Abstand kann auch einen halben Kilometer betragen, Bienen übernehmen den Akt der Befruchtung trotzdem. Ohne Sex läuft auch bei Äpfeln nichts. Außerdem ist nicht jede Sorte ein guter Befruchter, das sind nur diploide, aber nicht triploide Sorten. Um diese Feinheiten braucht man sich aber selten Gedanken machen, irgendwo lauert immer ein Befruchter und besorgt es den weiblichen Blütenteilen gründlich.

Praktiziert Vielfalt! Pflanzt Äpfel!

P.


Weiterführender Link: TrennungsFAQ
Ratsuchende Väter finden im TrennungsFAQ-Forum konkrete Hilfe


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