• 26.09.2020

Das Männermagazin

Leutnant Dino kommentiert

Die Bücherkiste

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» Artikel vom

Welche Bücher sollten Männer gelesen haben? Diesmal gibt‘s ein paar ganz persönliche Anregungen für den Sommer in Form einer Auswahl großer Bandbreite aus meiner Bücherkiste nebst Kurzrezension, damit man erahnen kann, was den Leser erwartet.

Das Decamerone

(von Boccaccio, um 1350)

Ein Werk des Mittelalters, das wohl so wie kein anderes in ganz Europa weiterverarbeitet und als Inspiration genommen wurde. Es hat die europäische Literatur mitgeprägt. Inhaltlich sind es herrlich unterhaltsame, manchmal tiefgründige, leicht lesbare Geschichtchen mit Gerüchten, Schwatz und Schwänken aus dem Europa des 14. Jahrhunderts. Erstaunlich ist, wie gut und eingängig das bis heute zu lesen ist. Man bekommt den Eindruck, Europa habe sich die letzten 800 Jahre gar nicht verändert, auch der geistige Kontext wäre gleich geblieben. Liest man historische Werke anderer Gegenden mit Schriftkultur (beispielsweise China, Arabien), merkt man, wie groß der Abstand dazu ist und wie schwer man sich tut, dort hineinzufinden. Das sind zum Beispiel die chinesischen „vier wundersamen Bücher“, wo schon die Übersetzung ein Stück Schwerstarbeit war, die ein Jahrzehnt dauerte.

Im Decamerone werden unter anderem die allumfassende menschliche Bigotterie, die Tricks und gleichzeitig die Dummheit der herrschenden Klasse und nicht zuletzt die lüsterne Falschheit von Frauen gezeigt und auf die Schippe genommen. Das Werk hat Humor, europäischen Humor. Männer können darüber sehr viel über Frauen und das Verhältnis zu ihnen lernen. Zu lachen gibt es in jeder Geschichte etwas. Es ist ein wahres Buch des Lebens mit freizügigen sexuellen Anspielungen und wurde deshalb oft zensiert, noch öfter prachtvoll illustriert. Selbst Botticelli malte hundert Jahre später Szenen daraus auf großen Bildern.

Oft zitiert wurde die Vorrede des Decamerone, die auch eine Rahmenhandlung bildet, in der Boccaccio auf eine nahe, unmittelbar eindringliche Weise über eine Pestepidemie spricht, die das Land verwüstete. Boccaccio hat eine der größten Pestepidemien in Italien erlebt, die von 1347 bis 1353 ein Massensterben in Europa verursachte. Seine Schilderung darüber ist überaus packend. Schriftsteller wie er zeigen, dass das Mittelalter durchaus keine Zeit voller Aberglaube und Düsternis war, Erkenntnisfindung war auch in diesen Zeiten präsent in Europa. Hier sind unsere geistigen Wurzeln. Damit wird das Buch auch zum historischen Dokument jenseits fiktionaler Prosa.

Die Kunst des Krieges

Schon oft genannt, in Asien nach wie vor Standardlektüre. Ein zeitloses Werk, einem Sun Tsu oder Sunzi zugeschrieben. Zeitlos deshalb, weil es sich allein um Logik, Strategie und Psyche dreht - nicht nur im Krieg, sondern auch in der Vorbereitung, dem zivilen Leben. Seine Grundsätzlichkeit macht es kulturell transportabel. Es stammt aus jenem magischen Jahrhundert vor etwa 2.500 Jahren, in dem der historische Buddha lebte, der Taoismus in China starken Einfluss hatte - auch auf „Die Kunst des Krieges“. In Europa lehrte gerade Sokrates und die römische Republik mit ihren Regeln in den Zwölftafelgesetzen begann, deren Einfluss uns bis heute prägt.

„Die Kunst des Krieges“ sollte man lesen, statt über ihren Inhalt zu sprechen und den erfassten Inhalt immer bei sich im Denken haben. Das Buch ist nicht dick, die Übersetzung von James Clavell ist Standard, eine neuere Übersetzung von Zhong Yingjie wirkt auch nicht schlecht. Das Buch kenne ich seit der Kindheit. Es hat mich geprägt und es erneut zu durchdenken und anzuwenden hat mir nicht nur während der Trennungskrise sehr geholfen.

Bücher von Jack Vance

Das ist nun pure Unterhaltung. Sehr gute Unterhaltung. Geschrieben von einem Science-Fiction-Autor aus San Francisco mit einer bunten Biografie, der in seiner besten Zeit ab 1945 bis in die 1990er Jahre Geschichten mit einer unglaublich reichen Fantasie zu Papier gebracht hat, erfundene Welten mit großem Detailreichtum zeichnete, elegant, intelligent, fraktal. Seine Romane spielen in allen möglichen Szenarien, in denen der Leser total versinken kann. Die Bücher sind bis heute wenig gealtert und nach wie vor gut zu lesen. Gute Einstiegswerke sind (übersetzt) „Die sterbende Erde“, „Die Augen der Überwelt“, „Cugel der Schlaue“, die drei Lyonesse-Bände und viele der Kurzgeschichten. Angesiedelt sind sie häufig in einem Mittelbereich zwischen Science Fiction und Fantasy. Fantasievolle Menschen finden dort eine vielfältige Spielwiese der Unterhaltung. Die Texte wirken auf eine nicht näher bestimmbare Art männlich, die spielerische Art, die durchaus rationalen Grundlagen, Dualismen, Unbeirrbarkeit, philosophische Erkenntnisse... ich kenne viele Männer, die Jack Vance sehr gerne lesen, aber keine Frauen.

Haiku

(von dtv Klassik)

Was sind Haiku? Poesie? Formal sind es Dreizeiler aus Japan. Haiku (oder „hokku“ = Startvers einer Kette) - das ist die kürzeste Literaturform der Welt. „Haiku“ entstammt dem Japanischen und lässt sich in etwa mit „Kurzgedicht“ übersetzen. Inhaltlich ist es Zen-Kunst, so wie viele andere historische Ausdrucksformen in Japan - Gärten, Ikebana, die Teezeremonie, Schwertkampf und endlos mehr. Erkenntnis durch Erleben, ein aufgehen von Körper im Geist, Haiku kreist darum auf sprachlicher Ebene.

Ein Stück weit muss man den Weg wohl gegangen sein, dann klingt etwas nach, wenn man Haikus durch Lesen in sich entstehen lässt. Manche Menschen lesen sie und legen dann das Buch weg, die gelesenen Haiku vergehen wie Wispern im Tageslärm. Das Wasser muss erst still und ruhig sein, erst dann können die Wellen entstehen, wenn der Frosch hineinhüpft.

Im japanischen Original besteht ein Haiku aus drei Zeilen, insgesamt maximal 17 Silben - etwa das Maß eines Atemzuges. Die Silbenaufteilung ist fünf-sieben-fünf. Reime spielen keine Rolle, aber Alliterationen, Assonanzen und ein gewisser Silbenrhythmus. Haiku in anderen Sprachen lassen sich selten in dieses Schema pressen, es bleiben Rhythmus und die Begrenzung auf drei Zeilen. Die japanische Sprache begünstigt die genannten formalen Bedingungen. Japanisch ist eine Sprache, die in Silben organisiert ist. In den japanischen Schriften Hiragana und Katakana beschreibt ein Zeichen immer eine Silbe und keinen Einzellaut wie im Deutschen. Jede Silbe besteht aus einem Konsonanten mit folgendem Vokal. Die Gesamtzahl der Silben ist stark beschränkt (weniger als 100), es gibt nur wenige silbenfreie Laute (Vokale und „n“). Durch die begrenzte Silbenzahl ergeben sich bei kürzeren Worten viele Mehrdeutigkeiten, d.h. ein einziges Wort hat meist viele Bedeutungen, die im jeweiligen Kontext zu ergründen sind. Für um Authentizität bemühte Übersetzer sind japanische Haiku oft harte Nüsse, weil sich Feinheiten und Vieldeutigkeiten nicht einfach in eine neue Sprache mitnehmen lassen. Bildlich gesprochen muss man die Idee eines Haiku in sich entstehen lassen und mit Wörtern der Zielsprache neu beschreiben, um dem Original nahezukommen. Gute Haiku sind nicht auf das Verständnis der japanischen Sprache oder strenge formale Regeln angewiesen. Ihre Wirkung entfalten sie durch das Wesen des Inhalts - unabhängig von der Sprache, die dafür benutzt wird.

Ein Haiku lässt sich schwer beschreiben. Seine ultrakurzen drei Zeilen verhindern ganz von selbst, große und lange Worte darüber zu verfassen. In seiner konkreten Knappheit macht es aufgeblasene Erklärungen lächerlich. Das Haiku führt den Leser über die ersten beiden Zeilen so weit, dass er bereit für die letzte ist - die ihn blitzartig in die Wirklichkeit führt. Es zwingt den Leser, an der Schöpfung des Werks teilzunehmen. Damit erreicht es eine Tiefe, die mit Worten nicht zu erzielen ist. Oft wird gesagt, Haiku müssten Jahreszeiten, Naturerlebnisse, Bewegungen enthalten. Aber nichts von alledem ist Vorschrift oder wirklich notwendig. Umgekehrt: Diese Themen sind beliebt, weil sie es dem Autor leichter machen, sich selbst zurückzunehmen. Ein Haiku drängt nicht nach Größe und Erhabenheit, ist frei von Ehrgeiz oder pädagogischen Zielen, gleich welcher Art. Es drängt sich dem Leser nicht auf, versetzt ihn trotzdem unmittelbar in ein Geschehen, einen Gedanken. Es wirkt nicht auf den Menschen ein, es wirkt im und durch den Menschen selbst als Ereignis. Schlechte Haiku sind schlicht belanglos, gute Haiku brauchen bei aller Kürze nicht als solche erklärt zu werden. Sie wirken von selbst, wenn man sie wirken lässt.

Einem Haiku sollte man nicht Unrecht tun, indem man mit falschen Erwartungen an die drei Zeilen herangeht. Ein Haiku liest man besser nicht wie „Die Glocke“ von Schiller. Der Versuch, das Haiku nicht automatisch zu reflektieren und zu einem „Gegenstand“ zu machen, sondern es zu erleben, ohne es intellektuell zu zerpflücken oder verstehen zu wollen, wird seinen Kern unter Umständen besser erfahrbar machen. Wortwahl, ausgefeilter Rhythmus und andere Stilmittel sind nur eine (mehr oder weniger gute) Annäherung für eine im Grunde nicht beschreibbare immer gleiche absolute Erfahrung. Haiku können nicht wie am Fließband gelesen werden, mehr zu lesen stumpft mehr ab, als sie mehr zu erleben. Explizite Kunst, die alles zu sagen versucht, was sie bedeuten will, bedeutet noch weniger, als sie sagt; sie schließt sich selbst in ihren Grenzen ein. Die Kunst der suggestiven Andeutung dagegen ist grenzenlos - sie ist so weit und tief, wie unser eigener Geist sie macht.

Ein guter Einstieg auf Deutsch ist „Haiku: Japanische Gedichte“ von Dietrich Krusche.

Farbatlas Alte Obstsorten

Sachbücher wirken auf Männer sehr häufig interessanter als Belletristik. Der Farbatlas Alte Obstsorten ist eines, bei dem dies auch meist der Fall sein wird. Der Inhalt besteht nicht nur aus einem Atlas über alte Obstsorten (vor allem Äpfel und Birnen), sondern aus einem Textteil am Anfang über Obst, der ein einmalig gutes Informationskonzentrat darstellt. Auch die Tafeln danach sind ein Informationskonzentrat, aber auch schön durchzublättern. Mittlerweile ist Walter Hartmann der Alleinautor, in der Fachwelt sehr bekannt als Steinobstzüchter an der Universität Hohenheim, seit einigen Jahren emeritiert. Ich kenne ihn und seine Herkunft. Seine Leistung und die seines Teams in dem Buch liegt darin, kein romantisches Geschwurbel von alten Obstsorten abzuliefern und endlos alte Informationsstückchen aus dem goldenen Jahrhundert der Pomologie abzuschreiben, wie es andere tun, sondern Erfahrungen von heute zu machen, zu sammeln und dies in eine unterhaltsame Brauchbarkeit ohne jedes Geschwafel umzusetzen. 90% der sonstigen Bücher über Obst sind das Gegenteil davon, zeigen stilvolle große Bilder ohne Wert („alter Mann dekorativ auf altem Traktor in Baumwiese mit roten Äpfeln“), eingestreute Rezepte, überall sprießen bunte Apfelhäufchen, das sind Geschenkbücher für Frauen. Sie saugen den süßen Schaum des Fixfertigprodukts, während Männer den Spaten in die Hand nehmen, pflanzen, danach hegen und pflegen. Zur Ernte sind dann wie üblich auch die Frauen da und wollen einkassieren.

Wer je einen Baum pflanzen will und nach Sorten sucht, wer sich ein wenig für die Thematik heimisches Baumobst interessiert, kommt an diesem Buch nicht vorbei. Es ist mittlerweile in der fünften Auflage verlegt und wurde schnell zum Basiswerk der gegenwärtigen Pomologie. Natürlich sind auch darin Fehler, die mit steigender Auflagennummer aber weniger geworden sind und man sollte auch keineswegs dem Irrtum verfallen, die Sorten wären eine halbwegs vollständige Übersicht. Das ist bei weitem nicht der Fall. Das Werk stellt aber trotzdem einen gut gewählten und breiten Ausschnitt dar mit einem leichten Schwerpunkt auf Süddeutschland.

Die drei gerechten Kammmacher

(in der Sammlung „Die Leute von Seldwyla“, von Gottfried Keller)

Zum Schluss etwas Witzig-leichtes. Gottfried Keller war ein Zürcher Vertreter des bürgerlichen Realismus im 19. Jahrhundert. Er heiratete nie. In einigen seiner Romane zeichnet er mit scharfem Blick herrliche Charaktere, darunter sehr treffsicher viele Frauenfiguren. Im kürzeren Stück „Die drei gerechten Kammmacher“ ist es die Person der Züs Bünzlin, bei dem ihm das sehr unterhaltsam gelingt, auch ein Stück über Männer und Frauen. Wieder einmal erkennt man schnell Erfahrungen der Gegenwart in dem 150 Jahre alten Werk. In anderen Werken gelingt das oft ebenso, zum Beispiel bei Kätter Ambach in „Die missbrauchten Liebesbriefe“ oder die Hexendiakonisse in „Spiegel, das Kätzchen“. Kellers hintergründiger Humor bringt mich beständig zum Lachen, auch wenn nicht alle seiner Stücke heute noch gut fließen. Man kann mit ihnen träumen.

Lest, lacht, lernt. Bücher sind nicht ohne Grund seit über 500 Jahren das Medium für Wissen und Träume. Lasst das Leben nicht an euch vorbeiziehen, ohne davon immer wieder zu kosten.

P.


Weiterführender Link: TrennungsFAQ
Ratsuchende Väter finden im TrennungsFAQ-Forum konkrete Hilfe


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