• 16.09.2020

Das Männermagazin

Leutnant Dino kommentiert

Das Einhorn

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» Artikel vom

Ein nettes Spiel im Internet ist die Klassifikation von Menschen nach den Myers-Briggs-Typenindikatoren (MBTI). Sie gehen zurück auf den schweizerischen Psychologen Carl Gustav Jung, der wie so viele vor ihm und nach ihm versuchte, Menschen in psychologische Typkategorien einzuteilen. In der heutigen Psychologie sind diese und andere Einteilungen jedoch aus mehreren Gründen nicht anerkannt.

MBTI eignet sich aber gut für die Vermarktung und hat deshalb in den USA viel größere Popularität als in Europa erreicht. Das Personalwesen fast aller großer Firmen setzt stark darauf und allerlei Berater bis hin zur Eheberatung. Die Firma CPP („The Myers-Briggs Company“) mitten im Herz des Silicon Valley in Sunnyvale nahe Apple, Texas Instruments und Northrop Grumman lebt seit 1956 davon, bietet Tests und Werkzeuge basierend auf MBTI an, nennt sich „Business Psychology Provider“, jüngere Firmen wie Hogan Assessment Systems machen es ihr nach.

Aber nicht in Europa. Hier stößt man seltener darauf. Vor einigen Jahren bin ich trotzdem zufällig über die MBTI-Typbeschreibungen gestolpert und hatte damit ein überraschendes Erlebnis. Es gab tatsächlich eine ausführliche Beschreibung unter den 16 Typen, die mich wie die Faust aufs Auge perfekt charakterisierte. Das hatte ich in anderen Systemen noch nie so krass erlebt. Dafür war auch nicht der Barnum-Effekt verantwortlich, der in Horoskopen ständig angewendet wird. Dort beinhalten die Beschreibungen eine absichtliche Elastizität, sodass sie konkret wirken, aber in Wirklichkeit auf viele Menschen zutreffen. Die Beschreibung aller 15 anderen Typen passte nämlich ebenso eindeutig nicht auf mich, wie die eine Kategorie zutraf. Auch der Test bestätigte das.

Überschätzen sollte man MBTI deshalb trotzdem nicht und es in der Kategorie Unterhaltung und Selbsterkennung belassen. Einige Leute werden damit auch gar nichts anfangen können. Mir hat es auch nicht wirklich etwas gebracht. Ich konnte damit einiges am Verlauf meines Lebensweges besser erklären, aber aus meiner Haut kann ich trotzdem nicht heraus. Das ganze System der Kategorisierungen sehe ich dynamischer, als ein Kontinuum von Eigenschaften und nicht diese „Ja oder Nein“ Einteilungen von MBTI. Trotzdem - bei mir passte auf allen Hauptachsen meiner Kategorie ein „Ja“. Die Erfolge der MBTI in der Vor-Eheberatung sind wahrscheinlich darauf zurückzuführen, dass sich die Delinquenten überhaupt einmal intensiv mit der Selbstsicht, Fremdsicht und der Frage beschäftigen, wie kompatibel sie sind.

Ein Kennzeichen meiner Kategorie war, dass sie leider klein ist und noch viel weniger Frauen darin zu finden sind - weitaus die Meisten sollen angeblich Männer sein, was angesichts der typischen Kategorieeigenschaften plausibel klingt. Es ist also eine etwas einsame Kategorie und eine Männerkategorie. Tatsächlich kenne auch ich kaum eine Frau, bei der ich mir vorstellen kann, dass sie drin wäre. Die Frau, die dem am nächsten kommt, ist meine Ehefrau. Offenbar hat sie etwas von dem Einhorn, in dem in einem früheren Beitrag zum Rollentausch in der Familie die Rede war, mit denen das gelingen kann. So wie bei den Frauen, deren Lebensweg sie offener für solche Lebensweisen macht. Meine Frau hat von beidem etwas, prägende Erfahrungen des Lebensweges und Kernelemente meiner Kategorie, „INTJ“.

Über Männer in dieser Kategorie steht viel geschrieben, aber wie ist ein weibliches INTJ-Einhorn denn nun spezifisch weiblich zu beschreiben, woran erkennt man es? In der Kindheit fängt es an. Sie macht typische Mädchenaktivitäten ungern mit, ist nicht recht daran interessiert, kann aber mitmachen, wenn sie mit Geschwistern konkurrieren muss oder wenn ihre Eltern es erwarten. Sie hat nicht viele Freunde, fühlt sich oft inkompatibel mit der großen Hühnerherde. Wird sie so langsam erwachsen, kleidet sie sich wenig weiblich, wenig Interesse an Schminke und anderen Tricks. Sie findet Beziehungen zu Männern schwierig, weil gemeinsame Interessen fehlen - von der Umwelt wird sie als wenig empathisch fehlinterpretiert. Ist sie selbstbewusst genug, macht sie aber ihren Weg und das sehr erfolgreich. Um weiterzukommen, sucht sie in sich und nicht in der Beurteilung und Bestätigung von außen, sie braucht keine Validierung. Das Medium des INTJ Einhorns ist das Buch, sowohl zur Unterhaltung als auch zum Lernen. Sie liest sehr viel, sie kann lernen, Muster erkennen, Muster formen. Nie in ihrem Bücherregal zu finden sind Lebenshilfebücher, Diät- und Schminktipps.

Ist sie erwachsen geworden, kann sie Entwicklungen und Hobbys exzessiv verfolgen, was wie viele der anderen INTJ Eigenschaften für die meisten Frauen untypisch ist. Früher oder später wird sie eine Ausbildung machen, die auf Können und Leistung basiert. Deshalb landet sie oft in Berufen, die überdurchschnittliches Einkommen generieren. Sie wird von Berufen angezogen, in denen man wenige Hierarchien hat und in denen man unabhängig sein kann. Das sind vor allem freie Berufe, Dozenten und Lehrer weniger Fachrichtungen ab Gymnasium aufwärts, die nicht brotlose Kunst in Medienberufen (gute Drehbuchautorinnen sind überdurchschnittlich oft INTJs). Berufe mit viel sozialer Interaktion schrecken sie ab. Erzieherinnen oder Polizistinnen sind niemals INTJs, Ärztinnen äußerst selten.

Auf Männer wirkt sie unnahbar, obwohl sie für Beziehungen und Intimität in gleichem Maße wie die Mehrheit der Menschen offen ist. Bestenfalls erscheint sie für die Umwelt als Kumpeltyp. Für Pickup-Experten ist sie ein Härtefall, an der alle Tricks zerschellen. Das beruht auf Gegenseitigkeit, ihr sexueller Marktwert wird von außen als unterdurchschnittlich eingeschätzt. Auf Flirten springt sie nicht an, auf Flirtberührungen auch nicht, sie spielt nicht, sie kann es weder aktiv noch passiv. Um Shit-Tests zu veranstalten ist sie viel zu gradlinig, sie versteht das auch nicht bei anderen Frauen. Sie wird nie die Partnerin oder Gespielin eines Alphas. INTJs finden es von allen Gruppen am schwersten, Partner zu finden. Spürt sie aber echte Akzeptanz und vor allem intellektuelle und emotionale Kompatibilität, baut sie eine tiefe Bindung und Hinwendung auf. Das wird getragen von einem Gefühl von Gleichwertigkeit, Loyalität, von konsequenter gegenseitiger Unterstützung bei Lebenszielen - ebenfalls alles sehr untypisch bei Frauen. Echte körperliche Intimität ist erst die Folge dieser Bindung. Guckt kein Außenstehender zu, lassen sie gewaltig los, „stille Wasser sind tief“. Symbole, Konventionen, vermeintliche Zwänge sind für sie immer zweitrangig. Sie kommt mit einem Rollentausch klar, mit einem nichtbürgerlichen Leben, mit Heirat, Konkubinat oder Alleinsein, mit Kinderlosigkeit ebenso wie mit einer etwas größeren Familie. Falls sie heiratet, dann spät, es ist ihr einfach nicht wichtig, so wie auch andere Symbole, wichtig sind ihr die tatsächlichen Inhalte. Sie ist lebenstüchtig.

Was kennzeichnet sie sonst noch so? Zum Beispiel einige weitere Eigenschaften, die man von Frauen sonst nicht gewohnt ist. Sie hat Humor und zwar von der trockenen und dunklen Sorte. Wortspiele, Ironie, sie versteht so etwas und kann sie auch selbst produzieren. Oder die Tendenz, ihre Emotionen zu verstecken. Sie macht in Gruppen einen gedankenversunkenen Eindruck, statt sich an Smalltalk zu beteiligen, was sie ohnehin nicht gut kann. Einhörner werden gerne übersehen, was sowohl an ihnen selbst, als auch an der Umgebung liegt.

Für die meisten Männer bleiben Einhörner theoretische Erörterungen. Miss INTJ-Einhorn erkennen sie nicht oder treffen sie nicht. Die höhere Einhornkunde kann nur auf wenige erkannte Exemplare zurückgreifen. Es gibt sie aber - auch wenn das oft bestritten wird, weil sie die Zweifler noch nie zu Gesicht bekamen. Eine einzige Leiter reicht aus, um eine lange Mauer zu überwinden.

P.


Weiterführender Link: TrennungsFAQ
Ratsuchende Väter finden im TrennungsFAQ-Forum konkrete Hilfe


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