Gastautor: Quotenfeminist

Ich heiße Manfred, 48 Jahre alt, geschieden, kinderlos und stolz darauf. Früher hieß ich „der Gute“, „der Zuverlässige“, „der Typ, der immer einspringt“. Heute heiße ich nur noch MESA. Macht euren Scheiß alleine. Und das ist die beste Entscheidung meines Lebens.

Es hat lange gedauert, bis ich da war. Vierzig Jahre lang war ich der wandelnde Sozialdienst. Meine Mutter hat gesagt: „Manfred, du hast so ein gutes Herz.“ Mein Vater hat gesagt: „Manfred, du bist ein Trottel.“ Beide hatten recht, nur dass mein Vater früher damit war.

Fangen wir mit der Ex an. Sandra. Die Frau, die mich gelehrt hat, dass Liebe nur eine andere Bezeichnung für „du machst jetzt meinen Kram“. Wir waren drei Jahre zusammen. Drei Jahre, in denen ich ihr Auto repariert habe (obwohl ich Elektriker bin und kein Mechaniker), ihre Steuererklärung gemacht habe (obwohl ich Steuererklärung hasse wie der Teufel das Weihwasser) und ihre Mutter zum Flughafen gefahren habe (obwohl die Alte mich „den Langweiler“ nannte).

Als ich dann mal selbst eine Woche krank war – grippaler Infekt, nichts Dramatisches –, hat sie gesagt: „Manfred, du bist so negativ. Ich brauch’ mal positive Energie.“ Dann ist sie mit ihrem Yogalehrer nach Bali geflogen. Auf meine Kreditkarte. Als ich sie zur Rede gestellt habe, hat sie geweint und gesagt: „Du verstehst mich einfach nicht.“ Ich habe verstanden. Ich habe nur zu lange gebraucht.

Dann kamen die Kumpels. Ach, die Jungs. „Manne, nur schnell umziehen helfen, ich hab nur drei Kartons.“ Drei Kartons? Der Typ hatte eine 120-Quadratmeter-Altbauwohnung und eine Sammlung von 1980er-Jahre-Pornos in Originalverpackung. Ich hab geschleppt, bis meine Bandscheiben „MESA“ geflüstert haben. Am Ende hat er mir 20 Euro für Sprit gegeben und gesagt: „Du bist halt der Starke von uns.“ Stark? Ich war der Depp mit dem Transporter.

Im Job war es nicht besser. Ich bin in einer kleinen Werbeagentur. Früher hieß es „Manfred, du bist der Einzige, der das hinkriegt“. Heute sage ich: „MESA.“ Als die Praktikantin letztes Jahr ihre Präsentation verbockt hat – weil sie statt PowerPoint TikTok gemacht hat –, hat der Chef mich angeschaut wie ein Welpe. „Manfred, du bist doch der Kreative.“ Ich hab gelächelt, das erste Mal seit Monaten echt gelächelt, und gesagt: „Macht euren Scheiß alleine.“ Der Chef hat gelacht. Dachte, es wäre Witz. War es nicht. Die Praktikantin hat geheult. Ich hab mir einen Kaffee geholt und mir gedacht: Endlich Frieden.

Der Wendepunkt war der 14. Juli letzten Jahres. Mein 48. Geburtstag. Ich saß alleine in meiner Wohnung, hatte mir eine Tiefkühlpizza in den Ofen geschoben und schaute auf mein Handy. 47 ungelesene Nachrichten. Alle mit dem Wort „kurz“. „Manfred, kurz mal…“, „Manne, nur ganz kurz…“, „Alter, du bist meine letzte Rettung…“. Ich hab die Pizza gegessen, die Nachrichten gelöscht und beschlossen: Ab heute bin ich MESA. Kein „kurz“ mehr. Kein „nur schnell“.

Kein „du bist doch der Einzige“. Nur noch ich, meine Couch und das schöne Gefühl, endlich nicht mehr der Deppenmagnet der Nation zu sein. Und wisst ihr was? Es funktioniert.

Letzte Woche kam mein Nachbar, der Herr Müller, der Typ mit dem Rasenmäher, der klingt wie ein startender Düsenjet. „Manfred, mein Mäher ist kaputt, könntest du…“ Ich hab ihn nicht ausreden lassen. „MESA.“ Er hat mich angestarrt, als hätte ich ihm gesagt, dass die Erde flach ist. „Aber… du hast doch früher immer…“ „Früher war früher“, hab ich gesagt und die Tür zugemacht. Am nächsten Tag hat er sich einen neuen Mäher gekauft. Für 800 Euro. Und plötzlich mäht er selbst. Wunder der Technik.

Meine Schwester hat angerufen. „Manfred, die Kinder haben Ferien, und mein Mann ist auf Geschäftsreise, könntest du nicht…“ Ich hab sie unterbrochen: „MESA.“ Sie hat geschrien: „Du bist so egoistisch geworden! Du hast dich so verändert“ Ich hab gelacht. „Egoistisch? Ich hab 25 Jahre eure Scheiße mitgemacht. Dein Ex-Mann hat mir noch Geld für den Umzug geschuldet. Deine Kinder nennen mich ‚Onkel Geldautomat‘. Jetzt macht euren Scheiß alleine.“ Sie hat aufgelegt. Seitdem herrscht himmlische Ruhe. Ich vermisse sie nicht.

Sogar meine Mutter hat es versucht. „Manfred, der Computer macht so komische Geräusche…“ „Mutter“, hab ich gesagt, „ich hab dir vor zwei Jahren schon gesagt, dass du keinen Windows 95 mehr brauchst. Jetzt ruf den Enkel an. Der hat Zeit.“ Sie hat gesagt: „Du bist nicht mehr mein Sohn.“ Ich hab geantwortet: „Doch, ich bin nur endlich erwachsen geworden.“ Dann hab ich mir ein Bier aufgemacht und den Tatort geguckt. Ohne Untertitel, weil keiner da war, der „zu laut“ fand.

Die Ironie? Früher haben alle gesagt, ich wäre „zu nett“. Jetzt sagen sie, ich wäre „arrogant“. Arrogant? Ich bin nur konsequent. Ich rette keine Beziehungen mehr, die eh im Eimer sind. Ich repariere keine Autos mehr, die eh nur noch Schrott sind. Ich schleppe keine Kartons mehr, die eh nur voller nutzlosem Kram sind. Und wisst ihr, was das Schönste ist?

Die Leute kommen trotzdem wieder. Weil sie denken, ich mach’ nur eine Phase durch. Aber ich mach’ keine Phase. Ich mach’ MESA. Und es fühlt sich an wie der erste Urlaub meines Lebens.

Gestern war ich im Supermarkt. Die Kassiererin – nette Frau, Mitte 30 – hat mich angelächelt und gesagt: „Könnten Sie mir vielleicht kurz helfen, die schweren Tüten in den Wagen zu heben? Mein Rücken…“ Ich hab sie angeschaut, tief in die Augen, und gesagt: „Macht euren Scheiß alleine.“ Sie hat gelacht. Echt gelacht. „Endlich mal einer, der nicht sofort springt.“ Dann hat sie selbst die Tüten genommen. Und ich hab gedacht: Vielleicht ist das der Anfang einer schönen Freundschaft. Oder auch nicht. Mir egal. MESA.

Manchmal sitze ich abends auf dem Balkon, Bier in der Hand, und schaue in den Himmel. Früher hab ich gedacht, ich müsste die Welt retten. Jetzt weiß ich: Die Welt kommt prima ohne mich klar. Und ich komme prima ohne die Welt klar. Die Leute jammern, dass niemand mehr hilft. Aber wisst ihr, was? Wenn alle mal fünf Minuten MESA machen würden, würde vielleicht endlich jeder seinen eigenen Scheiß regeln. Und plötzlich wären wir alle freier.

Ich bin nicht bitter. Ich bin erleuchtet. Erleuchtet durch vierzig Jahre Volldeppsein. Und das Schönste: Es hat keinen Cent gekostet. Nur ein paar Bandscheiben, ein paar graue Haare und eine Menge unnötiger WhatsApp-Nachrichten. Dafür hab ich jetzt Zeit. Zeit für mich. Zeit, endlich mal das Buch zu lesen, das ich vor zehn Jahren gekauft habe. Zeit, den Garten umzugraben – meinen eigenen. Zeit, einfach nur da zu sein und zu lachen, wenn wieder jemand anruft und sagt: „Manfred, nur ganz kurz…“

Dann lege ich auf. Und lächle.
MESA, ihr Lieben. Macht euren Scheiß alleine.
(Und falls ihr jetzt denkt: „Der arme Manfred, der hat’s aber nötig“ – dann habt ihr’s immer noch nicht kapiert. Aber das ist okay. Macht euren Scheiß alleine. Ich hab meinen schon gemacht.)



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