Gastautor: Quotenfeminist

Kein Feierabend-Typ

Es gibt Männer, die ihre Pflicht kennen. Sie gehen Tag für Tag zur Arbeit, schuften, rackern, kämpfen – zumindest nach eigenen Angaben. Und dann gibt es Männer wie Harald Beckmann, 47, aus einem netten Reihenhaus in Brandenburg, der sich auf seiner Arbeit „von den Strapazen des Familienlebens ausruht“. So sagt er es wenigstens selbst – mit ernster Miene, im Tonfall eines Mannes, der gerade ein Opfer für die Menschheit bringt.

„Ich bin kein Feierabend-Typ“, erklärt Harald mit stolzgeschwellter Brust, während er sich seinen zweiten Filterkaffee des Tages einschenkt. „Wenn ich nach Hause käme, müsste ich ja helfen.“ Damit wäre der Mythos vom starken, aufopferungsvollen Familienvater gleich entzaubert – wenigstens für seine Frau Karin, die seit zwanzig Jahren den eigentlichen Überlebenskampf führt: Kinder, Küche, Katzen und eine unerschütterliche Geduld.

Karin ist die Sorte Frau, die „Urlaub“ für ein Synonym von „Wäschewaschen unter Palmen“ hält. Dennoch zwingt sie ihren Gatten einmal, manchmal auch zweimal im Jahr, diese unvorstellbare Tortur namens gemeinsame Freizeit zu erdulden. Sie droht ihm dabei mit dem härtesten Mittel, das eine deutsche Ehefrau hat: Frühbucherrabatten.
Die Ruhe der Arbeit

Haralds Arbeitstag beginnt um 7:00 Uhr – offiziell. Inoffiziell gegen 8:30 Uhr, nach dem dritten Kaffee, wenn er auf seinem ergonomischen Bürostuhl Platz nimmt, die Schultern entspannt und tief durchatmet. „Ah“, sagt er dann, „endlich Ruhe.“

Während andere über Burnout klagen, schwört Harald auf „Office-Balance“. Das Konzept ist simpel: Acht Stunden E-Mail-Weiterleitungsmeditation, zwei Stunden kollektive Meeting-Therapie und viel Achtsamkeit beim Zählen der Minuten bis zum Feierabend.

Sein Chef beschreibt ihn als „verlässlich“ – ein Lob, das Harald gerne zitiert, wenn er sich nach beratungsintensiven Vormittagen kurz ausstrecken muss. Er hat gelernt, sich auf Arbeit zu entspannen, ohne dass jemand merkt, dass er sich entspannt. Die Kunst liegt, wie er sagt, „in der richtigen Haltung der Maus“. Ein kurzer Klick hier, ein zustimmendes Nicken da – schon wirkt man beschäftigt, auch wenn man geistig längst an seinem Lieblingsort ist: der internen Kantine.
Urlaub: Der Feind der inneren Ruhe

Doch jedes Jahr, meist im Mai, zieht ein dunkler Schatten über Haralds friedliches Dasein: Karin beginnt, Reisekataloge zu drucken. Sie redet von Dingen wie „Meer“, „Wandern“, „gemeinsamer Qualitätszeit“ – und Harald hört nur: „Schwitzend Gepäck schleppen.“

Es beginnt harmlos. Sie legt beiläufig ein Prospekt von den Alpen auf den Frühstückstisch. Am nächsten Tag taucht plötzlich ein YouTube-Video über „die schönsten Küsten Italiens“ in seinem Algorithmus auf. Spätestens wenn sie anfängt, Sätze mit „Wir sollten mal wieder…“ zu beginnen, weiß Harald: Die Jagd hat begonnen.

„Ich brauche keine Erholung“, behauptet er dann. „Ich erhole mich doch jeden Tag bei der Arbeit!“ Doch gegen Karins Argumentation hat er keine Chance: „Dann kannst du dich ja im Urlaub davon erholen, dass du dich so viel erholst.“

Die große Flucht vor dem Liegestuhl

Der eigentliche Skandal beginnt, sobald die Koffer gepackt sind. Während Karin voller Vorfreude Listen abhakt, fragt Harald sich, ob man eine längere Geschäftsreise als getarnte Notlösung gelten lassen könnte. Leider kennt Karin diese Tricks. „Ich habe dem Chef schon Bescheid gesagt“, sagt sie trocken. „Er findet, du brauchst mal frische Luft.“ Verrat auf höchster Ebene.

Am Urlaubsort angekommen, setzt bei Harald die zweite Phase des Widerstands ein: strategische Passivität. Er weigert sich, Ausflüge mitzumachen („Ich hab Rücken“), verheddert sich absichtlich im Sonnenschirm, und wenn Karin Restaurants aussucht, schlägt er grundsätzlich etwas „einheimischeres“ vor – also Pommes im Hotelbuffet.

Für Außenstehende sieht es aus, als sei er ein wenig träge. In Haralds Kopf aber tobt ein heroischer Kampf: Der Kampf gegen die Entspannung unter Zwang. Er hat’s versucht, ehrlich. Doch sobald er auf einer Liege liegt, fängt ihn das schlechte Gewissen ein: „Hätte jetzt schon zwei Mails weitergeleitet.“

Am dritten Tag des Urlaubs plant Karin das Unmögliche: einen romantischen Abend. Sie bucht Tisch mit Blick aufs Meer, zieht ihr Sommerkleid an und hofft, dass ihr Mann wenigstens heute mal den „Büroalltag“ vergisst. Harald kommt in Shorts und Funktionshemd.

„Hätte ich gewusst, dass es draußen so hell ist, wäre ich in der Kantine geblieben“, sagt er und squintet (zu deutsch: blinzeln. Anm. des Lektors) gegen die Sonne. Der Kellner serviert Wein, und Harald nickt anerkennend – nicht wegen des Geschmacks, sondern weil der Mann so effizient Tabletts trägt. „Guter Workflow“, murmelt er.

Karin seufzt. Sie liebt ihn, natürlich. Aber sie fragt sich jedes Mal, wie jemand, der acht Stunden Meetings übersteht, von zwei Stunden Zweisamkeit so überfordert sein kann. Er hingegen denkt: "Sie versteht das einfach nicht. Arbeit ist mein Wellnessbereich."

Am vierten Tag entdeckt Harald schließlich seine Lieblingsbeschäftigung im Urlaub: WLAN testen. Zwischen Strandkorb und Snackbar sitzt er, Laptop auf dem Schoß, und schreibt begeistert E-Mails mit Betreffzeilen wie „Kurze Rückfrage (komme gerade aus Meeting)“. Niemand weiß, dass das Meeting aus einem misslungenen Versuch bestand, den Sonnenschirm zu schließen. Wenn Karin ihn ermahnt, das Gerät wegzulegen – „Du bist nicht bei der Arbeit!“ – reagiert er mit einem Satz, den er in Stein meißeln lassen möchte: „Arbeit bin ich.“

wieder daheim

Er fühlt sich ehrlich stolz, wenn er vom Urlaub wiederkommt und Kollegen ihm sagen: „Du siehst gar nicht erholt aus.“ „Danke“, sagt er dann zufrieden. „Ich hab' durchgehalten.“

Nach jeder Rückkehr folgt der gleiche Dialog. Karin: „War doch schön, oder?“
Harald: „Anstrengend, aber erlebnisreich.“
Dann schiebt er sofort Sätze nach wie: „Ich freu’ mich schon auf Montag.“
Sie seufzt, er strahlt – und plötzlich begreifen beide, dass alles wieder seinen natürlichen Gang geht.

Karin hat ihren Gatten heil aus der Freizeit zurückgebracht, und Harald darf endlich wieder das tun, was ihm am meisten Freude bereitet: so tun, als würde er arbeiten. Einer seiner Kollegen bringt es beim ersten Kaffee nach dem Urlaub auf den Punkt: „Na, wieder fit für den Büroalltag?“
Harald lehnt sich zurück, lächelt selig und sagt:
„Endlich wieder entspannen.“

Harald ist ein Mann, der das System verstanden hat: Wer klagt, gilt als fleißig. Wer lächelt, als verdächtig entspannt. Also klagt er – über Staus, Deadlines, Meetings – während er in Wahrheit das Zen des Großraumbüros gefunden hat. Seine Meditation besteht aus Excel-Formeln, seine Therapie aus PowerPoint-Folien, sein Wellnessbereich ist die Kantine um 11:45 Uhr.

Und wenn Karin ihm wieder mit diesem Blick sagt: „Schatz, wir müssen mal raus“, weiß man: Bald beginnt das große Drama um Koffer, Flugzeiten und Pauschalreisen – die alljährliche Prüfung seiner ehelichen Tapferkeit.

Dann wird er seufzen, pflichtbewusst den Laptop zuklappen und sagen:
„Na gut, ich opfere mich.“ Denn irgendwo tief in seinem Inneren weiß er: Es gibt Schicksale, denen man sich nicht entziehen kann.

Und eines davon heißt – Eheurlaub.



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