Gastautor: Quotenfeminist
Herzlichen Glückwunsch, mein Freund. Wenn du das hier liest, stehst du vermutlich kurz davor, Sex mit deiner Ex zu haben – oder, realistischer gesagt, du startest gerade einen seelischen Auffahrunfall in Zeitlupe. Und natürlich erzählst du dir die gleiche alte Lüge: „Das ist keine Rückkehr, das ist einfach… Vertrautheit. Mit Extras.“
Es fängt ja immer völlig harmlos an. Eine Nachricht ploppt auf:
„Hey, wie geht’s dir?“
Übersetzung: „Ich hab mich an deinen Geruch erinnert. Mal sehen, ob wir emotional noch kompatibel sind, oder nur noch blöd.“
Ich starre auf den Bildschirm, und mein Gehirn, dieses hochprofessionelle Lügenorgan, schmeißt sofort die Archivabteilung an. Streit? Gelöscht. Tränen? Überschrieben. Beleidigungen auf Lautstärke 200? Korrigiert zu „leidenschaftliche Diskussionen“. Was bleibt, sind Sonnenuntergänge, ihre Lache und dieser eine Sonntagmorgen, an dem alles irgendwie perfekt war – bis es das nicht mehr war.
Ich erinnere mich an ihre Küsse. Nicht an die drei Tage Funkstille danach. Ich seh uns am Strand, aber nicht mich, wie ich damals gegoogelt hab: „Wie beendet man eine Beziehung, ohne der eigenen Wohnung verwiesen zu werden?“
Kurz gesagt: Mein Kopf wird zur PR-Abteilung meiner Libido.
„Wir sind ja jetzt erwachsen, wir können das trennen“, rede ich mir ein.
Na klar, Bruder. So wie man auch „nur ein Bier“ trinkt oder „nur mal kurz bei Instagram guckt“.
Ich schwöre, ich war noch nie so überzeugt, etwas im Griff zu haben – und gleichzeitig so offensichtlich auf dem Weg ins Verderben. Zwei angeblich „reife Erwachsene“, die sich genau kennen. Im Prinzip weiß ich genau, worauf das hinausläuft.
Und trotzdem: Kaum steht sie vor mir, fängt mein Körper an, biochemische Silvesterfeuerwerke zu zünden. Oxytocin, Dopamin, Adrenalin – alles auf Anschlag. Mein Gehirn flüstert noch schwach: „Das ist keine Liebe, das ist Chemie!“ Aber mein Körper hört nur: „Sie riecht immer noch wie Zuhause.“
Wir sitzen also im Café. Ich versuche locker zu wirken, casual, als wär ich emotional längst am Strand von Bali angekommen. Mein Lächeln trainiert, meine Körperhaltung: „Mir geht’s super.“
Sie redet über ihren Job, ich nicke – aber in meinem Kopf laufen alte Szenen wie schlechte Homevideos: ihr Lachen im Auto, der Streit in der Küche, die letzte Umarmung an der Tür.
Und dann kommt’s: Sie lacht. Und mein blödes Herz macht diesen Satzsprung, den es seit Monaten vergessen hatte.
Ich hätte’s wissen müssen. Immer, wenn du denkst, du bist immun, kommt sie und erinnert dich daran, dass du emotional immer noch Windows Vista bist: langsam, unsicher und absturzgefährdet.
Es ist fast Mitternacht, ich begleite sie noch nach Hause – aus „reiner Höflichkeit“.
Drinnen sagt sie: „Magst du noch ‘n Wein?“
Und mein inneres Ich: „Klar, und danach ein Neuanfang, Scheidung, gemeinsames Netflix-Profil – alles!“
Wir trinken. Reden. Lachen. Und plötzlich hängt da dieser Blick in der Luft.
Keine Vorwarnung, keine Bremse – einfach zack: Kuss. Nach fünf Sekunden weiß ich, wie’s endet. Und trotzdem halte ich nicht an.
Ab da übernimmt der Körper. Sie schmeckt wie Erinnerung, riecht wie früher, bewegt sich wie ein Déjà-vu mit Brausepulver. Ich denk mir: „Vielleicht war’s Schicksal.“
Nein, Bruder. Es war dein Hirn auf Urlaub und deine Libido als Urlaubsvertretung.
Es ist gut, das ist das Problem. Zu gut. Es fühlt sich echt an, vertraut, falsch, alles gleichzeitig. Du spielst auf Autopilot, weil jede Bewegung vertraut ist. Es ist wie Fahrradfahren – nur bergab, ohne Bremsen und mit einem Schild, auf dem steht: Achtung, emotionale Klippe.
Am nächsten Morgen. Der Geruch von ihrem Shampoo. Sie schläft noch, friedlich – und ich lieg daneben, halb glücklich, halb… na ja, am liebsten kurz tot. Alles fühlt sich warm und vertraut an.
Dann, plötzlich, dieser eine Gedanke: „Oh verdammt. Ich bin wieder hier.“
Ich setz mich auf, such meine Jeans, so leise wie möglich. Sie dreht sich um, lächelt verschlafen.
„Das war schön… aber du weißt schon – bitte nichts Falsches interpretieren.“
Ich lächle und sag: „Klar nicht.“
Innerlich hör ich, wie mein Ego in Zeitlupe implodiert.
Auf dem Heimweg überleg ich: Soll ich schreiben? Nicht schreiben?
Ich würd gern cool bleiben, aber mein Gehirn ist im Panikmodus.
Ich tipp „War schön 😊“ – lösch’s. Tippe „Wie geht’s dir heute?“ – lösch’s wieder.
Am Ende schick ich gar nix. Aber natürlich check ich trotzdem dauernd, ob sie online war.
Und dann: Nachricht.
„Hey, alles gut nach gestern?“
Ich atme auf – und gleichzeitig stirbt ein Rest Selbstachtung in mir.
Sex mit der Ex ist kein Abenteuer. Es ist ‘ne emotionale Ralley durchs Minenfeld mit verbundenen Augen. Du weißt genau, was passiert – nur hoffst du jedes Mal, der Boden bleibt dieses Mal stabil. Tut er nie.
Natürlich erzähl ich’s meinen Kumpels.
Reaktionen?
„Oah nee, echt jetzt?“
„Vielleicht geht da ja was…?“
Oder der Klassiker: „Digger, du hattest halt Bedürfnisse.“ (Übersetzung: Ich hätte’s auch getan.)
Und dann lachen sie, und ich lache mit. Aber innerlich weiß ich: Ich hab mich gerade selbst auf „Shuffle“ gesetzt. Die Playlist heißt „Fehler mit Wiederholungsfaktor“.
Zwei Tage später lieg ich auf meiner Couch. Ohne Shirt. Ohne Stolz. Ich frag mich, ob das Wiedersehen irgendwas verändert hat. Hat’s nicht. Ich wollte herausfinden, ob die Vergangenheit noch lebt. Tut sie. So wie ein Zombie: Sie sieht vertraut aus, frisst aber dein Gehirn.
Ich sag mir, es war ein „Experiment“, ein „Abschluss“. Ehrlich gesagt war’s blanke Dummheit in schöner Beleuchtung. Aber wenigstens hab ich jetzt Stoff für meine nächste Therapie-Stunde.
Sex mit der Ex ist wie ein abgelaufenes Tiramisu aus dem Kühlschrank: Sieht verlockend aus, riecht vertraut – und doch weißt du genau, dass es dich am Ende wieder auf die Toilette schickt.
Trotzdem machst du’s, weil Hoffnung, Nostalgie und Hormone zusammen ein verdammt überzeugendes Trio sind.
Und wenn’s vorbei ist, tröstest du dich mit Sätzen wie:
„Ich musste wissen, ob da noch was ist.“
Und so liegst du da, halb wehmütig, halb stolz, halb dumm – ja, dreimal halb ergibt gar nichts, aber genau das bist du jetzt: emotionaler Rechenfehler in Menschengestalt. Aber solltest du’s tun? Klar. Wenn du Chaos magst, Selbstironie beherrschst und dringend Nachschub für deine nächste Midlife-Krise brauchst – nur zu. Ansonsten, umarme einfach deinen Kühlschrank. Der ist kalt, ehrlich und hält wenigstens, was er verspricht.
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