Gastautor: Quotenfeminist
Früher dachte ich ja, Luxus sei, wenn man sich keine Gedanken machen muss, ob die Heizung an ist. Heute weiß ich: Wahrer Luxus ist, wenn man sich keine Gedanken machen muss, ob eine Heizung überhaupt existiert. Willkommen im Leben als stolzester Unterhaltszahler der Nation, Träger des inoffiziellen deutschen Kälte-Ordens Erster Klasse mit Eichenlaub und Heizdecke.
Ich wohne allein. In einem kleinen Haus. Die Ruhe gönne ich mir. Keine Frau in Keifweite, keine täglichen Probleme und viel Zeit. Den Luxus gönne ich mir.
Das ist wohl möglich ein Punkt, in dem ich mich von dem einen oder anderen erfolgreichen meiner Geschlechtsgenossen abhebe, die nach der Trennung in eine 42-Quadratmeter-Ein-Zimmer-Wohnung mit WG-Küche und Schimmel-Diplom ziehen. Ich habe sogar ein ganzes Haus. Mit Garten. Und Keller.
Und vor allem: ohne Nachbarn, die sich über „komische Geräusche“ beschweren, wenn ich um 22:47 Uhr hustend meine Heizdecke anknipse. Heizen? Das ist ohnehin so ein Frauending. Früher, als ich noch verheiratet war, wurde geheizt. Und zwar richtig. 21 Grad im Wohnzimmer waren quasi das Existenzminimum, darunter fing sie schon an, von „emotionaler Kälte“ zu sprechen.
Heute liegen die Temperaturen tagsüber im Wohnzimmer bei vorbildlichen 4 bis 7 Grad Celsius auf der nach unten offenen Greta-Skala. Manchmal schafft es die Sonne sogar bis auf 8,5 °C – das nenne ich dann schon fast Mittelmeerklima. Frostfreiheit in der Raummitte ist tagsüber quasi mehr als garantiert. Nur die Ecken und die Fensterbank machen manchmal auf Eishockeyfeld. Aber hey: Hockey ist ein Männersport.
Meine Besuchercouch im Wohnzimmer ist ein echtes Highlight. Dort habe ich eine Heizdecke auf der Couch. Die Heizdecke habe ich übrigens nicht selber gekauft. Ein guter Freund hat sie mir irgendwann mitgebracht. Er kam im Dezember zu Besuch, hat gezittert wie Espenlaub in meiner warmen Stube und meinte: „Alter, das ist ja kälter als in deiner Ehe.“ Zwei Tage später stand er wieder bei mir auf der Matte und hat mir eine Heizdecke für die Besuchercouch in die Hand gedrückt.
Ich glaube, er wollte einfach nur wieder gehen dürfen, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben. Danke, Kumpel. Du hast mir etwa 8,47 € Heizkosten im Monat beschert. Das ist mehr, als manche Väter für den Kindesunterhalt zahlen dürfen, bevor das Jugendamt sie wegen „mangelnder Kooperationsbereitschaft“ an die frische Luft setzt.
Nachdem ich mich an das Luxusleben gewöhnt habe, habe ich mir nun auch noch eine Heizdecke für das Schlafzimmer angeschafft, die ich aber nur in homöopathischen Dosen nutze. Mann kann schließlich auch problemlos mit Mütze und Handschuhen schlafen.
Im Bad gab es dieses Jahr bereits ein Highlight: Am 17. Januar hatte ich tatsächlich ein Stückchen Eis in der Badewanne. Nicht viel, so ein dünnes Häutchen, das sich heldenhaft über Nacht gebildet hatte. Ich war fast stolz. Endlich mal was Eigenes.
Neulich war ich beim Arzt. Vorsorgeuntersuchung, weil man ja mit 45 langsam in das Alter kommt, in dem der Körper anfängt, kleine Zettelchen zu schreiben: „Hallo, ich möchte hiermit kündigen.“ Der Doc schaut sich meine Hände an, runzelt die Stirn und sagt: „Herr Soundso, Ihre rechte Hand sieht aus, als hätten Sie drei Wochen in einem Kühltransporter für Tiefkühlpizza verbracht.“
Das ist wegen des Kampfes gegen Rechts.
Doc: „Wie bitte?“
Ich, ganz entspannt: „Ach, das ist nur, weil die beim Mausklicken nicht unter der Bettdecke liegt.“
Doc (erneut): „Wie bitte?“
Ich: „Na ja, das Wohnzimmer hat tagsüber so 5 Grad. Die rechte Hand ist unter der Decke, die linke bedient die Maus. Da entsteht ein Temperaturgefälle. Aber die Raummitte ist eigentlich immer frostfrei. Also alles im grünen Bereich.“
Doc, jetzt leicht irritiert: „Sie heizen gar nicht?“
Ich: „Doch, natürlich. Mit der Heizdecke. Und im Bad mit dem Tauchsieder. Das sind zusammen monatlich vielleicht 12 Euro. Das reicht doch.“
Doc, jetzt mit diesem Blick, den Ärzte immer haben, wenn sie überlegen, ob sie den Psychiater rufen oder doch lieber den Sozialdienst: „Und das finden Sie normal?“
Ich, mit stolzgeschwellter Brust: „Ich bin halt sparsam. Und wissen Sie, was das Beste ist? Wenn’s der Mutti gut geht, geht’s auch dem Kind gut. Und wenn ich hier unten bei 5 Grad sitze und Nudeln mit Ketchup esse, dann kann die Mutti sich ja umso mehr Botox und Yogakurse leisten. Win-win.“ Der Arzt hat nur genickt. Wahrscheinlich hat er innerlich schon den Bericht ans Jugendamt formuliert: „Patient zeigt Anzeichen von pathologischem Geiz, kombiniert mit Stockholm-Syndrom gegenüber dem Familiengericht.“
Aber mal ehrlich: Was soll ich denn machen? Die 780 Euro, die monatlich abgehen (plus Rückstände, plus Anwaltskosten, plus „Säumniszuschläge“), die fehlen mir ja nicht. Die fehlen nur auf meinem Konto. Und meinem Immunsystem. Und meinen Fingernägeln, die inzwischen aussehen wie kleine graue Schieferplatten. Aber wisst ihr, was mich wirklich bei Laune hält? Der Gedanke an meine erste Million. In vietnamesischen Dong natürlich. Aktueller Wechselkurs: 1 Euro ≈ 26.000 Dong. Das heißt, ich brauche nur noch etwa 26 Millionen Euro, um auf eine Million Dong zu kommen. Ein Klacks. Bei meiner aktuellen Sparrate von 8,47 € pro Monat durch Nichtheizen bin ich in ungefähr 3.070.000 Monaten da. Also in etwa 255.833 Jahren. Das ist doch realistisch.
Manchmal liege ich abends unter meiner Heizdecke (Stufe 3 von 5, mehr gönne ich mir nicht, ich bin ja kein Verschwender), schaue an die Decke und denke: „Früher hast du 1.400 Euro im Monat für Miete plus Nebenkosten plus Heizung plus Warmwasser plus Netflix plus Amazon Prime plus Fitnessstudio plus neue Sneaker ausgegeben. Und wofür? Damit sie dir hinterher erzählen kann, du hättest sie emotional vernachlässigt, weil du mal zwei Wochen nicht gefragt hast, wie ihr Tag war?“
Heute kostet mein Leben 47 Euro im Monat. Miete ist abbezahlt (dank Oma), Strom 25 Euro (hauptsächlich Heizdecke + Tauchsieder + Notebook), Internet 9 Euro (irgendein osteuropäischer Billigprovider), Lebensmittel 26 Euro (Haferflocken, Eier, Tiefkühlspinat und Ketchup). Den Rest schicke ich per Dauerauftrag an die Ex-Familie. Gerechtigkeit heißt bei mir: 83 % meines Einkommens für andere Menschen, 17 % für mich selbst. Das nennt man wohl Altruismus auf Steroiden.
Und trotzdem geht’s mir gut. Wirklich. Ich friere zwar manchmal so doll, dass ich beim Pinkeln fast das Gleichgewicht verliere, aber ich bin frei. Keine Diskussionen mehr über „richtige“ Zimmertemperatur, keine Listen mit „Dinge, die du ändern musst, damit ich mich wieder wohlfühle“, keine PowerPoint-Präsentationen darüber, warum ich ein schlechter Vater bin, weil ich samstags um 10:15 Uhr noch nicht geduscht hatte.
Ich sitze hier in meinem 5-Grad-Wohnzimmer, die Heizdecke summt leise, der Tauchsieder blubbert im Hintergrund vor sich hin, und ich bin kurz davor, die erste Million zu knacken. (In vietnamesischen Dong :-))
Wenn das keine Heizdeckennutzung mit Happyend ist …
Diskutiere über diesen Artikel und teile Deine Erfahrungen mit anderen Lesern!
Beachte bitte die Kommentarregeln!
Wenn Du selbst spannende Themen oder interessante Erfahrungen hast, dann schreib doch einen Gastartikel darüber, natürlich völlig anonym. Unser Gastartikelportal mit weiteren Informationen findest Du hier.
Hast Du auf dieser Seite einen Fehler entdeckt? Auf unserer Fehlerhinweisseite kannst Du uns darauf aufmerksam machen und eine Korrektur vorschlagen.