Gastautor: Pancho

TAG 1

Pünktlich um 15:40 landet die Maschine im International Airport Saint Óscar Arnulfo Romero y Galdámez. Es ist sehr warm, da ich aber von San Andrés komme, bin ich entsprechend gekleidet. Der Flughafen macht einen sehr ordentlichen Eindruck. Sauber, gut ausgeschildert, überschaubar weite Wege. Ruck Zuck bin ich bei Migration und hier schon das erste Staunen. Nein, hier wartet man nicht auf Migration, sie warten auf einen. Rund 20 Schalter besetzt, gerade mal zwei davon belegt. Nehme also den erst besten, wo eine hübsche Frau ihren Dienst tut. Sie lächelt, ist gut gelaunt (wie all die anderen auch), wir kommen ins Gespräch, es ist Migration auf einem völlig anderen Level. Wir vertun mehr Zeit mit Quatschen, als mit den Einreiseformalitäten. Diese hat sie nebenbei schnell erledigt. Weiter geht es zum Zoll. Sechs Schalter sind besetzt, alle frei. Suche mir bewusst den aus, bei dem eine streng schauende Dame sitzt. Jetzt will ich es wissen. Die Frau erweist sich ebenfalls als sehr nett. Fragt die üblichen Dinge, die ich entsprechend verneine, zuletzt die Frage, ob ich 15k oder mehr Bargeld (USD) mitführen würde. Lache los und antworte: „Schön wäre es“. Sie lacht mit und wünscht mir einen schönen Aufenthalt. Am längsten warte ich auf das aufgegebene Gepäck, lange dauert es aber nicht. Noch nie in meinen vielen Reisen war eine internationale Einreise so schnell und so angenehm. Hut ab!

Laufe raus, schaue mich um. Der Abholbereich ist sauber und ordentlich in Zonen aufgeteilt. Man wird kaum mit „Taxi, Taxi, Taxi“ belästigt. Frage einen der umstehenden Ordner, wo das SIXT Shuttle hält. Er nimmt kurzerhand sein Telefon, ruft bei SIXT an, fragt, wo der Abholdienst gerade ist. Es heißt, er hätte jemanden zur Station gebracht, käme aber in wenigen Minuten und würde mich in Zone B abholen. Genau so kommt es. Es hat gerade mal gereicht, um eine Zigarette zu rauchen. Da es keine Aschenbecher gibt, mache ich die Kippe am Bürgersteigrand aus und trage den Stummel zum Mülleimer. Ein Ordner beobachtet mich dabei und hebt den Daumen.
Das Shuttle ist da, kümmert sich um mein Gepäck und in wenigen Minuten sind wir an der Abholstation. Frage ihn unterwegs, ob denn hier wirklich alle so nett sind? Das Eis ist gebrochen, die kurze Fahrt verbringen wir im regen Austausch.
An der Abholstation bekomme ich mein Auto. Ein Hyundai i10, den ich von DE aus für die gesamte Zeit für 289,– USD gebucht habe. Klein, fein, reicht. Das Auto steht wie neu da und hat gerade mal etwas über 4k km auf dem Tacho. Passt.
Die Modalitäten sind schnell erledigt. Die USB Buchse im Auto ist USB-A, ich habe nur USB-C-Kabel dabei, also kurz nachgefragt. An der Tanke gäbe es einen Adapter. Auto eingestellt, Android Auto klargemacht, Navi funkt, das Auto spielt automatisch Musik, die in meinem Handy hinterlegt ist. COL Klänge von Karol G., die perfekt zu meiner Laune und zu dem Wetter passen.

Auf geht’s Richtung La Libertad, wo ich abseits der Tourizone ein Appartement mit Küche und Bad im Surf City Town House (14 Tage für 315 USD) gebucht habe. Ich habe mich bewusst für Selbstversorger und kein Hotel entschieden, weil ich ja das „normale“ Leben hier kennenlernen möchte. An der ersten Tanke stelle ich fest, dass die keinen Shop hat, also nichts mit Adapter. Macht aber nichts, weil gegenüber viele kleine Läden sind, die alles Mögliche verkaufen. Also hin und gefragt. Der erste Laden hat es nicht, aber drei Läden weiter gäbe es was ich suche, also rüber und da gibt es ein passendes Kabel für 6 USD. Frage nach, wo ich Getränke – konkret Bier – bekomme. Bei der Tanke sei ein Laden. Ja, in der Tat, kaufe eine Palette Bier für zu Hause. Wo wir schon dabei sind: „Wo bekomme ich Zigaretten?“ „Die gibt es in dem Laden da drüben“, also hin und auch das klappt. Eine Schachtel Marlboro für etwas über 3 USD. Auffallend: Alle waren sehr nett. Keinerlei Konkurrenzgedanken. Jeder half, wo er konnte und das mit einem Lächeln im Gesicht. Bin angetan.

Packe alles ein, teste das Kabel, funkt nicht. Entweder Kabel oder Buchse sind hin, darum kümmere ich mich später. Es wird langsam dunkel und ich muss noch meine Bleibe finden. Navi an, los gehts. Die „Autobahn“ ist angenehm. Zum Teil sind die Straßen, sofern vorhanden, nicht in allzu gutem Zustand oder sie sind top. Macht nichts, das kenne ich von anderen Ländern, also einfach langsam fahren. Aufgrund von Bauarbeiten, es wird überall gebaut und die Infrastruktur auf Vordermann gebracht – so ist das, wenn sich die Regierung um das eigene Volk und Land kümmert – gestaltet sich die Anfahrt der Unterkunft auf den letzten Metern schwierig, klappt dann aber irgendwann. Gegen wie viele Verkehrsregeln ich dabei verstoßen habe, weiß ich nicht, interessiert aber auch keinen. Im Gegenteil, man wartet geduldig auf meine Wendeversuche und mein Zögern, weil ich die Straße nicht finde, die mir das Navi sagt.

Die letzten Meter waren komplett unbefestigte Straße. Bin etwas irritiert, als ich endlich ankomme, weil das Tor zu ist und sich drinnen nichts tut und das Ganze deutlich einfacher aussieht, als auf der Buchungsseite. Egal, Tor auf und reinmarschiert. Treffe einen Ami, der dort Gast ist, tausche mich kurz mit ihm aus. Das Personal, also die Dame, sei unterwegs, ich solle per WA den Anbieter anschreiben. So getan, später käme jemand, mein Zimmer sei die Nr. 3, ich könne schon rein und den Rest erledigen wir später. Schaue mir das Zimmer an und bin entsetzt. Das ist kein Zimmer, das ist ein Loch. Deckenhöhe ca. 2 m, darin stehen zwei Betten (mit Flecken), ein alter, wackliger Tisch und das war’s. Etliche Mücken sind schon da. Bad? Küche? Fehlanzeige. Packe das Handy zum Laden – ist fast leer –, greife mir ein Bier, gehe raus, rauche eine und überlege, wie ich damit umgehen soll. Frage den Ami, ob ich was missverstanden hätte. Ja, er auch. Auch er dachte, dass es Zimmer mit Bad und Küche sei und will morgen wieder abreisen. Es sind einfache Zimmer, Bad und Küche werden geteilt. Schaue mir die Küche an, die ich nicht als Solche bezeichnen würde. Der Kühlschrank ist relativ voll, frage den Ami, wie denn unterschieden wird, wem was gehört, worauf er meint, einfach ein Etikett mit dem Namen draufkleben. Werfe noch einen Blick ins Bad und es steht fest: Keine Chance, für nichts in der Welt bleibe ich hier. Schreibe dem Anbieter, erkläre ihm, dass das Zimmer nicht meinen Erwartungen und vor allem nicht der Beschreibung in Booking.com entspricht. Er kennt offenbar das Thema, sagt, dass es ihm leidtue und er der kostenlosen Stornierung zustimmen wird, diese müsste ich aber über Booking einleiten. Gesagt, getan, er gibt sie sofort frei.

Es ist schon dunkel und ich habe ein Problem. Ich habe keine Ahnung wo ich bin und frage mich für einen Moment, ob ich mich verkalkuliert habe. Bin zwar eigentlich erledigt, wische aber den Gedanken beiseite. Ich wollte schon so lange her und dass nicht alles auf Anhieb klappt, gehört dazu. Bisher lief es mehr als gut, also ist auch das lösbar. Überlege, ob ich zumindest die Nacht dort bleibe und am nächsten Tag in Ruhe suche, verwerfe aber schnell den Gedanken, als mir die gierigen Mücken im Zimmer wieder in den Sinn kommen, die sicher schon auf ihr Festmahl warten. Umgebung gecheckt, brauche etwas und das sofort und genau das macht es schwierig. Die Hotels in der Nähe melden alle „ausgebucht“, also erweitere ich den Umkreis immer wieder und finde etwas rund 30 km weit weg. Wohnung mit 55qm, Küche, Bad, Wohn- und Esszimmer, usw. Klingt gut und lässt sich auch sofort buchen. 700 USD kostet es für 14 Tage. Ist zwar Nähe San Salvador und eigentlich wollte ich in La Libertad bleiben, aber es hilft nichts. Im Auto pennen, was problemlos möglich wäre, möchte ich nicht, also los.

Die Fahrt dahin gestaltet sich spannend. Es geht endlos serpentinenartig Berge hoch und runter. In den kleinen Dörfern gibt es Topes. Das sind Erhebungen auf der Straße, die die Stoßdämpfer killen, wenn man zu schnell drüberfährt. Obacht, weil sie nicht immer beschildert oder auffallend bemalt sind und man sie daher auch gerne mal übersieht. Die gelegentlichen Tempolimits ergeben überhaupt keinen Sinn. Mal soll man auf gut ausgebauten Straßen max. 20 km/h fahren, mal 30, mal 40, auf wenigen Autobahnen geht es bis 110 km/h hoch und dann aus dem Nichts heraus eine Beschränkung auf 30 km/h. In der Nähe von Schulen gilt grundsätzlich 25 km/h. Egal, es kümmert sich eh keiner darum. Die Menschen fahren, wie es ihnen beliebt, die meisten schleiche eher. Wo es geht, fährt fast niemand außer mir 110 km/h, wobei ich die nur selten erreiche, weil der kleine i10 sich die Berge rauf schwertut.

Nach ca. 50 Min. komme ich endlich im Apart Hotel Valle Verde an. Brauche zwei Nachfragen, weil es kaum beschildert ist und die Einfahrt lediglich aus einem geschlossenen Tor besteht, der Schriftzug fast nicht zu sehen ist. Nebenan gibt es ein kleines Restaurant, namens Doña Lucy Pupusería La Placita, wo ich nachgefragt habe. Bei der zweiten Nachfrage führt mich ein junger Mitarbeiter direkt vor das Tor vom Hotel. Ich klingle, es tut sich nichts. Zweifel kommen auf, ob es die richtige Entscheidung war. Nach einer gefühlten Ewigkeit kommt ein alter Mann ans Tor. Kurzes Gespräch, er öffnet das Tor, es geht sehr steil den Berg runter, dort gibt es vier Parkplätze. Schaue mich um und bin entzückt. Ein wunderschöner, sehr großer und perfekt gepflegter Garten zeichnet sich in der Dunkelheit ab. Er gibt mir gleich ein Formular zum Ausfüllen. Erzähle ihm von der Erfahrung vorhin und ob es möglich wäre, das Zimmer erst zu sehen. Ja, klar, kein Problem. Im Anbau geht es die Treppe hoch und in die Wohnung. Strike! Einfach eingerichtet, aber alles da. Überall kleine Kunstwerke (siehe Arikelbild: Ein Torero mit Stier aus Bronze, der auf dem Balkontisch steht), Küche komplett ausgestattet, riesiger Balkon, Bad, Schlafzimmer mit TV, sämtliche Fenster mit Insektenschutzgitter und vor allem picobello sauber. Wer das eingerichtet hat, hat es mit Liebe im Rahmen der Möglichkeiten gemacht. Das passt. Schnell ist das Formular ausgefüllt. 100 USD Kaution muss ich noch hinterlegen. Frage nach einer Quittung. Er schaut mich verwundert an und meint, dass hier nichts wegkommt. Beiße mir auf die Lippen, das war deutsche Denke und die sollte ich ganz schnell ablegen. Sage, dass es für mich ok ist, wir also runter zum Auto, um mein Gepäck zu holen. Er besteht darauf, meinen Koffer ins Zimmer zu tragen. Ich weiß nicht, wie alt er ist, komme mir dabei aber etwas schlecht vor. Er besteht aber darauf.
Nennt sicht Hotel, ist aber keines, denn es gibt keinerlei Verpflegung oder sonst was in der Art. Selbstversorger, also genau, was ich wollte.

Erstmal Durchatmen und auf dem Balkon ein Bierchen trinken und eine rauchen. Gefällt mir. Gefällt mir ausgesprochen gut. Die Ruhe, das viele Grün, die leichte Brise und dass es kühler als am Strand ist. Bin zwar komplett woanders, als ich eigentlich hinwollte, das macht aber nichts. Zum Zimmerschlüssel gibt es noch eine Fernsteuerung für das Tor. Morgen orientiere ich mich neu. Erstmal habe ich Hunger, also naheliegend in das kleine Restaurant nebenan zu gehen, wo ich Pollo a la plancha, also gegrillte Hühnerbrust mit Reis und Gemüse und eine Pupusa bestelle. Pupusas sind das, was den COL und VEN ihre Arepas und den MEX ihre Tortillas sind, also Fladen/Teig(taschen), entweder aus Weizen- oder Maismehl gemacht. Im Unterschied zu den MX Tortillas, gibt es Arepas und Pupusas, weil dicker, auch gefüllt. Das Essen ist gut, die Pupusa schaffe ich aber nicht mehr. Der Kellner bringt unaufgefordert Verpackung an den Tisch, damit ich sie mitnehmen kann. Auch hier wieder alle sehr freundlich. Ehrlich freundlich, nicht aufgesetzt, was mir sehr gut gefällt. Das Essen kostet komplett inkl. einem Bier knappe 14 USD. Sage dem Kellner, dass er auf 15 USD aufrunden soll, bekomme aber das komplette Wechselgeld auf den Cent genau. Komisch. Nehme es hin und lasse einen 1-USD-Schein auf dem Tisch liegen, bedanke mich und verlasse das Lokal.

Genug für heute. Bin erstmal safe und muss ausruhen. Zuhause, ja, es fühlt sich schon ein bisschen so an, stelle fest, dass ich zwar ins WLAN komme, es aber kein Internet gibt. Egal, meine bei Jeff vorab gekaufte SIM funktioniert auch hier problemlos. Warmes Wasser kommt auch nicht (hätte gerne noch geduscht), den Gasherd bekomme ich nicht an, wenigstens geht aber der Kühlschrank, der bei meiner Ankunft ausgesteckt war und so langsam anfängt, die Palette Bier zu kühlen. Kümmere mich nicht weiter um diese Sachen. Das lässt sich sicher morgen klären. Smartphone zum Laden eingesteckt, Glotze an und ab in die Heia. Finde einen passenden Sender zum Einschlafen, drücke auf der Suche nach dem Timer die „Opt“-Taste auf der Fernsteuerung, der Fernseher fängt an nach Kabel- und Sat-Kanäle zu suchen, das dauert ewig, endet mit 0 Sender und „Kein Signal“. Bravo! Ist klar, der Fernseher ist jetzt auf die internen Tuner eingestellt, das Fernsehen kommt aber über eine kleine Streamingbox, die per HDMI angeschlossen ist. Suche vergeblich, wie ich den Fernseher auf HDMI umschalten kann, finde es nicht und gebe auf. Noch ein Thema für morgen. Fernseher ausgeschalten.

Es war ein langer Tag und da ich aufgrund der ausgiebigen Feier am letzten Abend in San Andrés kaum geschlafen habe, brauche ich dringend Schlaf. Das Bett ist groß, die Matratze prima, es herrscht himmlische Ruhe, der Deckenventilator ist nicht zu hören. Es gäbe für 5 USD Aufpreis pro Tag auch die Fernsteuerung für die Klimaanlage. Überlege ich später, aktuell ist es angenehm warm, Zimmer in solchen Umgebungen auf 18/19° herunterzukühlen mag ich eh nicht. Während ich so den Tag und die ersten Eindrücke Revue passieren lasse … komme nicht weit. Fühle mich pudelwohl (kein Vergleich zu meiner ersten Nacht in Bogotá. Der eine oder andere erinnert sich vielleicht an den Reisebericht) und schlafe entsprechend schnell ein.

Fortsetzung folgt …

PS: Auf Bilder und Links von den genannten Orte wird weitgehend verzichtet. Die Namen der Orte, Restaurants & Co sind alle so wie angegeben im Internet auffindbar und dort findet man Infos und Bilder dazu.



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