Das Eishotel

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Gastautor: Master Chief
Die Meilen waren fällig und mussten verflogen werden. Eigentlich sollte es ursprünglich in wärmere Gefilde gehen, aber letztendlich hat das Eishotel in Kiruna, Schweden, das Rennen gemacht.
Einem Ex-Arbeitskollegen mit weiblichem Anhang hat die Destination auch so fasziniert, da hat er gleich mitgebucht. Mein erster Pärchen-Urlaub.
Juhu.
Fast hätte mir mein erster Herzinfarkt die Tour vermasselt, aber schon einen Monat nach dem Krankenhaus flitzte ich mit 80 Sachen in einem Skidoo über einen gefrorenen Fluss nördlich des Polarkreises. Kannste Dir eigentlich nicht ausdenken …
Sonntagmorgen Mitte März, irgendwo in Dänemark. Eine Straße, eine Giulietta, die beste Frau der Welt und ich unterwegs. Nach ca. 1.836 m von Zuhause weg, ein fettes Schlagloch mitten auf der Straße, Typ: Bei Kontakt Reifen, Felge, Aufhängung terminiert. Mit ein paar cm Luft daran vorbei gezirkelt. Das wäre es mit dem Urlaub nach 0,1 % der Strecke schon gewesen.
Wir trafen uns dann in Arlanda, in die Gold-Lounge geht es Dank Karte auch zu Viert (take this, Senator!). Die Millers (ich nenne das andere Pärchen jetzt einfach mal so) hatten mit hartem EUR auch einfach Business gebucht (weil 2 × 4 Flüge in C für 650 Ocken: come on!), aber hier gibt’s harte Drinks und das bessere Menü. Pro-Tipp: Die Fischsuppe ist der absolute Oberknaller.
Noch nicht mal halbe Strecke und die Urlaubsstimmung stieg, was auf dem folgenden Flug auch nicht nachließ, da ja immer herangerollt wurde, was man bestellte. In Kiruna dann von der Gangway gleich in den Schnee auf dem Vorfeld gestapft. Merke: Nur Landebahn und Taxiways werden geräumt. Irgendwas um –22 Grad und dunkel, leichter Schneefall. Es sollten die letzten Flocken für die nächsten 7 Tage sein.
Koffer geschnappt und dann ging es ans Verhandeln mit dem Taxifahrer. Schweden hat nämlich seit dem Urknall Probleme mit der Taxi-Mafia. Irgendwie haben Sie es geschafft über die Äonen diesen einen Aspekt Ihres Staatssozialismus völlig unreguliert zu belassen. Dort werden km-Sätze ausgewürfelt, Taxameter manipuliert und Passagiere bedroht wie in keinem anderen Vierte-Welt-Land. Weil es vermutlich nur Ausländer betrifft, schaut der schwedische Staat, wie bei der Ausländerkriminalität, nur belustigt zu. Egal, für 40 EUR Cash ohne Quittung ging es die 7,6 km ins BW Kiruna. Schnell noch eine Pizza und dann Bubu machen.
Am nächsten Morgen um 06:10 Uhr schien uns die Polarsonne ins Zimmer. Das hatte ich so nicht erwartet, denn schließlich hatte es hier bis vor zwei Monaten keine Stunde wirkliches Tageslicht gegeben. Ich hatte wie immer meine Sonnenbrille (den Klapp-Aufsatz) vergessen, also vor dem Frühstück kurz rüber zur Tanke und tatsächlich hatten die richtig feine Sonnenbrillen, wo die eigene Brille vollständig mit umschlossen wird. Noch ein paar Päckchen Snus mitgenommen (fuck the EU!) und in den wirklich kleinen aber feinen Frühstücksraum zurückgeschlendert.
Danach die 1,5 km zur Busstation waren nicht wirklich einfach, weil die 20+kg Koffer, die jeder mit dabei hatte, plus Rucksäcke über eine geschlossene Schneedecke zu ziehen … Aber auf Schweden-Taxi hatte auch keiner Bock und die Sonne schien ja zumindest. Im Hintergrund war stets die größte Eisen-Mine der Welt zu sehen. Wir tauften Sie Mordor. Die konnte man sogar noch vom Eishotel aus sehen.
Um ca. 12:30h im Eishotel angekommen hatte ich Depp meinen Rucksack im Bus vergessen. Kreditkarten, Medikamente und all der Scheiß. Panik brach aus und nach ein paar Telefonaten war klar: In 3h kommt der Bus wieder zurück und ich musste ihn abfangen. Das war auch mehr oder weniger zeitlich keine größere Sorge, denn die Suite wollte erst um 19:00h bezogen werden.
Ja, richtig gelesen: Wenn man sich so einen Eispalast für eine Nacht kauft, dann ist es wirklich nur für ein paar Stunden in der Nacht. Spätestens um 09:00h kommt das Räumkommando.
Wir schlugen dann die Zeit tot mit den Millers, prosteten uns in Ihrer Warm-Unterkunft zu und erkundeten das Hotel, unser zukünftiges Zimmer und die Eisbar. Mister Miller und ich haben uns den Spaß gemacht, uns auf der 10 m langen Theke die Drinks gegenseitig rüberzuglitschen. Wir mussten geschlossen sagen: Das ist schon alles richtig geil, dort! Der Bus kam und der Rucksack war noch dort, wo ich ihn vergessen hatte.
18:45h, Briefing für alle Eis-Suiten: Drinnen ist es wärmer als draußen, totaler Lockdown um 22:00h, umziehen, Klamotten in den Spind und mit Survival-Schlafsack über den Hof, Truppe Marsch. Eis kann überraschend glatt sein, aufpassen auf der Bettkante und es braucht so 2–3 Minuten, bis man im Schlafsack so richtig drin ist.
Die Geräusche sind gedämpft, so ähnlich wie in einem Akustik-Raum und der Atem macht Wölkchen. Von der Decke strahlen kleine LEDs, die wie Sterne wirken. Wie zum Henker soll man so einschlafen? Außerdem muss ich pissen. –4 Grad und raus aus dem Schlafsack und wieder umhängen. Durch den Gang zu den Toiletten. Gottesdank sind die beheizt.
Jetzt schnell wieder zurück, aber die Tür von den Klos in den Gang geht nicht wieder auf. Scheiße, Zimmerkarte vergessen bzw. wer denkt daran, dass die Klos nur in eine Richtung aufgehen! Eine Tür haben Sie aber vergessen und ich entere die Eisbar von hinten. Pech im Pech: die Getränke sind alle weg. Aber der Gang zu den Zimmern ist nun frei. Ich klopfe leise und mir wird Zugang gewährt, wieder 2–3 Minuten in den Schlafsack einmummen und dann war ich auch schon auf dem Weg in das Land der Träume. Um 08:00h brachte mir die beste Frau der Welt einen heißen Tee aus der Umkleide. Dort hatte Sie ab 2–3 Uhr den Rest der Nacht verbracht. Sie konnte es nicht mehr aushalten. Ich aber hatte den Schlaf der Gerechten inhaliert und war bester Dinge.
Waren also EUR 650,–/Nacht gut angelegtes Geld?
Können wir jetzt in ein normales Zimmer einchecken?
Nein.
Egal, ab zum Frühstück im gegenüberliegenden Restaurant, das zum Hotel gehört. Selbstgebaute Muffins zum Frühstück sollte mein Rezept für den erhöhten Kalorienbedarf sein. Jetzt so um 10:00 vielleicht ins Zimmer, Duschen und Koffer ausladen? Nope. Wieder also Rundgang durch das Hotel, strahlender Sonnenschein am zugefrorenen Fluss, Eisblöcke beim Herausschneiden zuschauen. 12:00h Check-in? Nein. Um 12:55 Briefing für die erste Skidoo-Tour, die Millers wollten Langlaufen, hatten aber keinen Schuh für den großen Miller. Ein Anruf kommt, keine Zeit, muss auf den Bock. 2 Stunden erst mal daran gewöhnen. Mit fetten Boots, einem weiteren Ganzkörperkondom über den 15 anderen Klamottenschichten, das ist Pflicht bei Windchill.
Handschuhe mit Fingern sind bestenfalls Accessoires, das Einzige was hilft sind fette Fäustlinge. Gab auch noch unterwegs was zu mampfen in einer der vielen Cabins, lingonberry-juice (Preiselbeersaft) wird hier gerne warm und kalt getrunken, kommt unterwegs aber aus Plastik-Containern. So um 15:00h sind wir wieder zurück und dürfen endlich einchecken (das war der Anruf vor dem Skidoo) und die Koffer zum ersten Mal auspacken.
Pro-Tipp daher: Seid im Klaren darüber, dass das Hotel Euch eiskalt(!) ohne Zimmer die meiste Zeit dastehen lässt, wenn es vom Warmen ins Kalte oder umgekehrt geht. Erster Höhepunkt am Abend: 7-Gänge-Menü mit Weinbegleitung, schlaffe EUR 150.-/p.P. aber es lässt keine Wünsche offen. Als Hauptgang Elchfilet, schwer zu toppen. Ist so ähnlich wie mit Lamm in Neuseeland: Die können das vor Ort einfach besser. Zwischendrin auch die ersten Polarlichter gesehen – dem hauptsächlichen Grund der Reise. Ich beschreibe hier mal nichts, weil, muss man mit eigenen Augen gesehen haben. Stille Demut bei –23 Grad.
Am Tag danach die Gegend zu Fuß erkundet. Tiefschneewaten auf dem Fluss, am Abend Skidoo-Tour in die Nacht, Aurora hunting, war aber nichts zu sehen. In einer der Hütten auf dem Weg hat uns dann der Guide Rentiereintopf warmgemacht, ein Lagerfeuer entzündet (ja, in der Hütte) und Geschichten wurden erzählt. Bei ca. 20 Teilnehmern war das ganz kurzweilig, obwohl ich gerne wieder herauswollte, weil, wenn die einmal heizen, dann so richtig.
Die Millers haben wir danach nicht wieder auf ein Skidoo bekommen, die mochten das nicht. Wir stattdessen am nächsten Tag einen Trip lokal gebucht und Püppi, die Reiseleiterin, hat den roten Bereich voll ausgenutzt. Das war ein anderer Schnack als mit den Hotel-Tours, außerdem viel günstiger, privater und die Klamotten waren vorgewärmt. Abends war ein Rentier-Menü, wieder herrlich. Danach 1h lang Polarlichter in voller Pracht über dem Eishotel.
Unsere Flasche Cava war geplatzt, damit wollten wir anstoßen, aber bei unter –25 Grad hat der Glaskörper dann schlussendlich nachgegeben.
Am nächsten Morgen Muffin, am Abend in the old Homestead und mittendrin beim Essen wieder Aurora-Alarm. Wieder unbeschreiblich und völlig anders als am Abend vorher. Draußen bei –28 Grad – „a bit nippy“ würde der Engländer sagen. Das Abendessen selbst (Burger) war nicht der Rede wert, gerade in Anbetracht was vorher war und noch kommen sollte.
Zurück nach Kiruna und die Stadt begangen. Mitten im Zentrum sind halbe Stadtteile einsturzgefährdet, wohl durch die Stollen der Riesen-Mine verursacht. Viele Hundesalons und deren vierbeinige Besucher hinterlassen im Schnee an der Fräskante lustige gelbe Markierungen. Für mich das echte Wahrzeichen der Stadt.
Mittags Strejk Streetfood bei der Tanke, kann m. E. gar nicht genug Sterne bekommen (bei Google 4,9). Was bei den Amis Tex-Mex, ist hier Reindeer-Moose. Verzehrt wird im angrenzenden Tipi und wer kein Food hat darf nicht rein und wer damit fertig ist, fliegt raus.
So einfach können Regeln für den Warmbereich sein. Bei unter –20 Grad sollte man außerdem nicht versuchen, das vorzügliche Mahl am Stand zu verzehren. Das ist schneller gefroren, als die zweite Gabel einfährt. Am Abend dann im zum Camp Ripan angrenzenden Wohnheim eine Kantine aufgesucht. Die hatten nämlich gute Noten für das thailändische Essen bekommen. Und das zu Recht, weil absolut authentisch und für schwedische Verhältnisse zu äußerst günstigen Preisen serviert. Dort gehen auch die Minenarbeiter hin. Lokale Küche gibt’s ebenso. Echter Pro-Tipp das Ding.
Am Abend dann vom Bett aus Polarlichter gucken und am nächsten Morgen einen Schneehasen vorm Zimmer draußen gesichtet. So süß!
Das letzte Mal die Koffer durch den Tiefschnee zur Bushaltestelle ziehen. Es gibt keine Lounge am Flughafen in Kiruna. Besser später als früher kommen. Das Lounging wollten wir dann in Stockholm nachholen, aber eine gewisse Verspätung verlangte von uns, direkt von einem Gate zum nächsten zu wechseln. Der Umstieg dauerte somit 2 Minuten und war ca. 100 m weit entfernt von Sitz zu Sitz (eat this, FRA!).
Die Millers haben jedenfalls die Parkers nach Ihrer eigenen Reise mit uns heiß gemacht und sie waren gerade dort. Ich frag’ mal nach, wie deren Eindruck so war.
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