• 04.04.2025

Das Männermagazin

Freie Männer kommentieren

Geld oder Leben! (Teil 2)

goldkurs

» Artikel vom

Gastautor: Pissköter

Geh' zur Arbeit! Lebe bescheiden! Spare!
Das war die kleine heile Finanzwelt von Pissköter. Etwas anderes kam nicht mehr in Frage. Risiken sollten andere eingehen, denn Pissköter hatte sich bereits im Jahr 2000 in der Dotcom-Blase die Finger verbrannt. Seitdem setzte er in Finanzdingen auf höchste Sicherheit. Außerdem war dieser ganze Spielcasino-Wahnsinn mit Aktien von Übel. Kapitalisten sind Schweine! Und Pissköter wollte sich an diesem unmoralischem Finanzzirkus auch nicht die Finger schmutzig machen. Schließlich hatte er von Roland Baader "Geld, Gold und Gottspieler. Am Vorabend der nächsten Weltwirtschaftskrise" gelesen und wollte mit Bankstern und Finanzhaien möglichst wenig zu tun haben. Mehr als 20 Jahre pflegte Pissköter diese Verweigerungshaltung gegen das FIAT-Geldsystem. Geld zu haben, war notwendig und auch ganz nett, aber nichts, was er von sich aus besonders förderte. Dass er die Zinsen seiner Festgelder durchaus mit Befriedigung einstrich, war ihm bewusst. Aber Pissköter war nicht geldgeil. Nein. Alle anderen ja, aber doch nicht er ...

So weit, so schön, so langweilig. Mit seinen Festgeldern wurde Pissköter zwar nicht reich, aber durch seine frugale Lebensweise, die nicht durch eine geldgeile Ehefrau, Hausbau, Kinder und Ehescheidung gestört wurde, sammelte sich im Laufe der Jahre doch ein erkleckliches Sümmchen an.

Die Zeit verging und mit den Jahren hielt die Digitalisierung nicht nur an seinem Arbeitsplatz, sondern auch in der Bankenwelt Einzug. Sogar auf dem Handy! Es begann alles damit, dass in den Zeiten des Niedrigzinses ein bekannter Online-Neobroker (ins Deutsche übersetzt würde man ihn "HandelsRepublik" nennen) für bis zu 50.000 Euro Einlage 2 % Zinsen anbot. Sagenhaft!

Dieses damals außergewöhnlich gute Angebot wollte sich Pissköter natürlich nicht entgehen lassen und hastdunichtgesehen wurde er bei der HandelsRepublik Kunde. Wenige Monate später erhöhte die Bank den Zins auf 3 % und schließlich wurde der Zins auf eine unbeschränkt hohe Einlage gewährt. Pissköter war begeistert. Uiiiii! Geld parken und monatlich Zinsen abgreifen. Alles bequem per Handy. Wer wollte das nicht? Pissköter wedelte erfreut mit seinem Schwänzchen.

Doch der Teufel hatte in ihm die Gier geweckt!

Was konnte er vom Handy aus mit seinem Geld jetzt nicht alles anstellen! Alles, was noch zu Zeiten der Dotcom.Blase den Gang zum Bankberater nötig gemacht hatte, war jetzt über das Handy in Sekundenschnelle abwickelbar. Vorbei die Zeiten, wo ein arroganter, gelackter Bankberater-Schnösel einem gnädig die bankeigenen Investmentfonds aufschwätzte und 5 % Ausgabeaufschlag, 1 % Verwaltungsgebühr, 1,5 % Gewinnbeteiligung und 0,375 % Eierschaukelgebühr kassierte. Vorbei!

Plötzlich standen Pissköter per Handy fast alle Finanzprodukte dieser Welt zur Verfügung: Anleihen, Aktien, Krypto, ETFs, Optionsscheine, Zertifikate ... Eine neue Welt tat sich auf und Pissköter war Feuer und Flamme! Alles wollte er wissen! Alles. Und zwar schnell! Und so tauchte er ein in die wundersame Welt der Geldvermehrung. Was früher Jahre dauerte, braucht heute nur noch wenige Wochen. Wer liest denn heute noch Bücher, wenn einem auf Youtube die Finanzwelt von reichen jungen Finanz-Influencern erklärt wird? Eben. Keiner! Denn die coolen Burschen hatten es wirklich drauf! Mit einem smarten Mind-Set, knallhartem Durchhaltevermögen und der richtigen Strategie würden in absehbarer Zeit "consistent profits" fließen und ein Leben in Wohlstand ermöglichen!

Pissköter war sich ganz sicher: Mit wenigen Klicks am Tag würde auch er zu Reichtum gelangen! Dauergeile Blondinen mit großen Hupen würden ihm am Strand bunte Cocktails reichen und ihn an allen Körperstellen massieren, während er am Pool seiner künftigen Villa ganz lässig am Laptop seine Geldgeschäfte abwickelte ... Ehe er sich versah, hatte ihn die Gier gepackt. Scheiss doch auf die Bescheidenheit! Endlich einmal aus der Fülle heraus leben! Auf einmal war Geld geil. Und mehr Geld war noch geiler! Vorbei die Zeiten, wo er sich über 3 % Rendite im Jahr noch gefreut hatte. Mehr musste es sein! Viel mehr!!!

Der Teufel rieb sich die Hände!

Das Mittel seiner Wahl waren nicht Waffen-, Frauen- oder Drogenhandel. Viel zu aufwändig, viel zu gefährlich, viel zu stressig. Auf seiner Reise durch die Finanzwelt hatte Pissköter schnell festgestellt, dass der entscheidende Faktor zum Reichtum die Zeit war. Was helfen einem nach Jahrzehnten des Sparens irgendwelche hohen Zinseszinsgewinne aus Aktien oder ETFs, wenn man darüber ein alter Tattergreis geworden ist? Scheiss der Hund drauf!

Die Erleuchtung war ihm gekommen, als er einmal aus reinem Übermut ein Knockout-Zertifikat mit einem aberwitzigen Hebel-Faktor von weit mehr als 100 kaufte und auf steigenden DAX setzte. 60 Euro hatte er riskiert, der Kurs des DAX "ging ab wie Zäpfchen" und wenige Stunden später konnte er das Zertifikat für 80 Euro wieder verkaufen. 20 Euro Gewinn sind ja eigentlich fast nichts, aber bezogen auf die eingesetzte Summe und auf ein Jahr war die prozentual erzielte Rendite der reinste Wahnsinn!

Auf einem Sparbuch mit einer Rendite von 1 % hätte er 1.000 Euro fast zwei Jahre lang liegen lassen müssen, um 20 Euro Zinsen zu kassieren. Doch durch den extrem hohen Hebel des Knockout-Zertifikats schrumpfte eine Haltedauer von Jahren zusammen auf Stunden ... Endlich stand das Tor zum Reichtum ganz weit offen! Veni, vidi, vici!

Glückliche Umstände ermöglichten es ihm, dass er sich in den folgenden Monaten ganz dem Trading widmen konnte. Und wie das bei Anfängern so oft der Fall ist, so war ihm das Anfängerglück hold. Ein glückliches Händchen und hoher Mut zum Risiko bescherten ihm fantastische Gewinne. Mehrer hundert Euro pro Tag waren keine Seltenheit. An seinem besten Tag machte er 4.000 Euro Gewinn. An einem Tag!!! Es war berauschend. Endlich wurde das Leben leicht und unbeschwert. Pissköter glitt wie auf Wolken durch den Tag. Ein Hundert-Euro-Schein war eine Petitesse, teure Restaurantbesuche wurden alltäglich und die erste Million war nur noch eine Frage von wenigen Monaten.

Doch dann kam der eine Tag, der irgendwann kommen musste. Pissköter hatte wie üblich mit einem extrem hochgehebelten Knockoutzertifikat auf steigenden Goldkurs gesetzt. Wenige Minuten später erreichte die Finanzwelt dann die Meldung, dass die chinesische Zentralbank ihre Goldkäufe vorerst einschränken wolle. Der Goldkurs fand das gar nicht lustig, fiel wie ein Stein und durchschlug die Knockout-Grenze von Pissköters Zertifikat. Scheiiiiiiiiiisse! In letzter Minute zuvor versuchte Pissköter noch einen Notverkauf. Doch zu spät! Als der Kurs die Knockout-Grenze seines Zertifikats berührte, war es von einem Moment auf den anderen wertlos geworden. Null. Nada. Nichts. Niente. Zero. "Dieses Zertifikat ist nicht mehr handelbar.", lautete die lakonische Mitteilung der HandelsRepublik. Mehrere tausend Euro hatten sich von einem Moment auf den anderen in Luft aufgelöst und Pissköter jaulte wie ein Köter, dem man von hinten mit Karacho in die Eier getreten hatte.

Aus der Hölle hörte man teuflisches Gelächter ...

(Weiter geht es in Teil 3)



Diskutiere über diesen Artikel und teile Deine Erfahrungen mit anderen Lesern!

Beachte bitte die Kommentarregeln!

Wenn Du selbst spannende Themen oder interessante Erfahrungen hast, dann schreib doch einen Gastartikel darüber, natürlich völlig anonym. Unser Gastartikelportal mit weiteren Informationen findest Du hier.

Hast Du auf dieser Seite einen Fehler entdeckt? Auf unserer Fehlerhinweisseite kannst Du uns darauf aufmerksam machen und eine Korrektur vorschlagen.

Alle Artikel im Archiv lesen - Das Männermagazin

»Das Einhorn

pbanner

Ein nettes Spiel im Internet ist die Klassifikation von Menschen nach den Myers-Briggs-Typenindikatoren (MBTI). Sie gehen zurück…

»Das Küchenwunder

pbanner

Gutes Essen ist ein beliebtes Thema im Männermagazin. Spannt der Ranzen nach den Feiertagen? Oder übte man sich in asketischer…

»Vom Onkel lernen

holzhacken

Gastautor: eisfreak Viele Sachen, die für die ältere, weitgehend handyfrei aufgewachsene Generation selbstverständlich sind,…

Das Männermagazin

Freie Männer kommentieren


Über uns
Impressum
Datenschutz