• 20.01.2022

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Prokrastination

losgehts

» Artikel vom

Gastautor: Wotansvogel

Dieser Text wurde am 21.12.21 um 11:55 Uhr fertiggestellt. Aber von Anfang an: Als ich mit einem guten Freund über das Thema „Aufschieberitis“ diskutierte – ein Problem, das mich selbst stark betrifft – gab er mir einen Tipp. Ich solle für einen imaginären Auftraggeber einen Text zu diesem Thema verfassen, mit einer Abgabefrist zum 21.12.21, 12 Uhr. Der Gedanke dahinter ist so klar wie clever. Indem ich mich intellektuell und am Praxisbeispiel mit der ständigen Aufschieberei befasse, finde ich auch den Lösungsweg. Die Herausforderung steckt also im Inhalt ebenso wie in den Rahmenbedingungen. Eine Provokation, die ich als Texter gern annahm. „Dem werde ich es zeigen!“, so meine ersten Gedanken und im selben Augenblick hatte ich schon den ersten Satz der Einleitung im Kopf. Damit jedoch hatte ich schon das erste Hindernis aus dem Weg geräumt, ein Hindernis, das jeder professionellen Prokrastination blockiert: den Anfang.

Wer ins Machen kommt, hat Macht über sich.

Aller Anfang ist schwer, so eine Redensart. Aber warum eigentlich? Wieso fangen wir nicht einfach mit einer Aufgabe an und bearbeiten sie? Nun, die meisten Aufgaben sind uns eigentlich lästig. Wir würden lieber die Abkürzung nehmen und gleich den Erfolg haben, das Lob genießen, uns über die bezahlte Rechnung freuen, am Gipfel stehen. Doch fuck! So einfach läuft das nicht im Leben. Und – doppelfuck – auch, wenn wir das Ergebnis geil finden, wollen wir so effizient wie möglich arbeiten, um es zu erreichen. Am liebsten eben gar nicht. Dabei befriedigt uns bereits das Arbeiten am Erfolg. Allerdings erst, wenn wir damit angefangen haben. Und da beißt sich die Katze in den Schwanz. Es ist wie bei einer chemischen Reaktion, zum Beispiel einer Feuerwerksrakete. Die geht voll ab, zaubert bunte Figuren aus Feuer in den Nachthimmel und macht einen Riesenlärm. Bevor sie das allerdings tun kann, braucht sie für diese „exotherme“ Reaktion, eine gewisse Aktivierungsenergie: ein entzündetes Streichholz. Das Gleiche gilt für alle statischen Systeme, die in dynamische System verwandelt werden sollen. Sie brauchen einen Anstoß, eine Störung von außen, einen Impuls. Das Blöde beim Menschen besteht darin, dass er sich den Anstoß selber geben muss, wenn er die Freiheit des Handelns bei sich behalten will. Wenn er nur arbeitet, weil er einen Termin für eine Aufgabe hat, lässt er sich das Heft des selbstbestimmten Handelns aus der Hand nehmen. Nur wer aus sich heraus ins Machen kommt, hat also Macht über sich.

Selbstdisziplin und Motivation

Wenn wir motiviert sind, fangen wir einfach an und halten locker durch. Doch oft kommt die Motivation erst, wenn wir angefangen haben. Deshalb bleiben eigentlich nur zwei Möglichkeiten: Entweder wir schaffen es, uns selbst zu motivieren. Oder wir überwinden uns durch Selbstdisziplin, ins Tun zu kommen. Für die Eigenmotivation können Fragen hilfreich sein. Wie fühlt es sich für mich an, wenn ich die Aufgabe erledigt habe? Ist es eine Befriedigung für mich? Ein Gefühl der Freiheit? Selbstbestätigung und die Befriedigung des menschlichen Grundbedürfnisses nach Selbstwirksamkeit. Check! Wieder was geschafft! Wie bringt mich die Erledigung dieser Aufgabe meinem großen Ziel näher und wie fühlt sich dieses Ziel an? Das eigene Haus im Süden. Das coole Auto. Wie materialisiert sich dieses Ziel in sinnlicher Weise? Wie sieht es aus, schmeckt oder riecht es, hört oder fasst es sich an? Was bedeutet es für mich ganz konkret, von anderen weniger abhängig zu sein und selbst mein Leben bestimmen zu können. Wie gesagt: Diese Gefühlsprojektionen müssen immer mit eigenen Zielen und nicht mit fremdbestimmten Zielen im Zusammenhang stehen. Sonst funktionieren sie nicht als Motivation. Für meinen Text war die Motivation der Anerkennung und der Selbstbestätigung des eigenen Könnens ausschlaggebend. Beides lässt sich aus dem Gedanken „Dem werde ich es zeigen!“ herauslesen. Doch jeder muss hier seinen eigenen Weg finden, tief in sich hinein hören und sich nicht von außen motivieren lassen. Denn das funktioniert nicht, sondern kann letztendlich zu katastrophalen, kompletten Selbstblockaden führen, im Vergleich zu denen Prokrastination eine Petitesse ist.

Horror vacui – die Angst vor dem Nichts

Es gibt noch eine weitere Blockade, die uns gern daran hindert, einfach anzufangen. Mit „Horror vacui“ bezeichnet man bei Künstlern, egal ob Schriftsteller oder Maler, die Angst vor dem Nichts in Form eines weißen Blattes oder der weißen Leinwand. Aber nicht nur Kreative, alle schöpferisch Tätigen werden von dieser Angst befallen, insbesondere wenn sie schon etwas erfahrener und routinierter sind. Dahinter steckt oft der hohe Anspruch, den man an die eigene Arbeit hat, die Perfektion, die Stimmigkeit, die Logik, die sie aufweisen soll. Mit dem ersten Satz, dem ersten Pinselstrich sollen diese hohen Erwartungen an die eigene Arbeit bereits erfüllt sein. Bevor man also etwas Unprofessionelles zu Papier bringt oder in die Tastatur seines Computers hackt, macht man lieber gar nichts. Oder wartet auf den genialen Gedanken (der freilich nie oder nur selten kommt), lenkt sich mit völlig unnötigen Arbeiten ab, macht ein Nickerchen oder, oder, oder. Je länger wir nicht ins Handeln kommen, desto schwerer wird die Aufgabe. Ein Teufelskreis. Doch es gibt einen Ausweg. Ich erinnere mich gern daran, wie ich als Kind mit Lego gespielt habe. Einfach so angefangen, ohne Plan einen Stein auf den anderen drücken und plötzlich wusste ich, was es werden sollte. Das Bauwerk entstand fast von selbst. Zeit und Raum wurden ausgeblendet. Eine ungeheure Leichtigkeit machte sich breit. Ich war nicht mehr in dieser Welt, sondern in meiner eigenen. Konzentriert, und unbeschwert. Ich war im Flow. Ernest Hemingway hat einmal gesagt, man solle betrunken schreiben und nüchtern korrigieren. Ein weiterer Hinweis darauf, dass produktives, schöpferische Arbeiten zunächst ein großes Maß an Loslassen und Kontrollverlust durch den eigenen Intellekt benötigt. Aber wie erreicht man das?

Spielen wie die Kinder

Ins Machen kommt man, indem man einfach loslegt und dabei gar nicht versucht, perfekt zu sein. Für einen Text kann das bedeuten, alles niederzuschreiben, was einem zu dem Thema einfällt. Es geht darum, tiefe Regionen unseres Gehirns zu aktivieren, Intuitionen zu aktivieren, Muster abzurufen. Wie die Kinder: auszuprobieren, scheitern, umbauen, entdecken. Ohne darüber nachzudenken. Und am besten von Hand. Auf einen Zettel, in ein Notizbuch, auf ein Flipchart. Will man systematischer arbeiten, dann notiert man Kernfragen zu dem Problem seiner Aufgabe oder fängt mit einer Struktur an. Wichtig ist nur, dass man bewusst nichts Perfektes erreichen will. So wie der Maler erst einmal nur Striche setzt oder Farben übereinander pinselt. Das Gemälde entsteht dabei von selbst. Bei Texten sind die Farben Stichworte, mit denen man arbeitet. Spielerisch steigt man ein und lässt das Ergebnis aus dem Spielerischen heraus wachsen. Dieser Umgang, diese Art und Weise kreativ zu werden, motiviert bereits im Vorgang des Handelns und treibt weiter an. Dann geht es an die Perfektion. Es wird wieder ausprobiert, ergänzt, weggelassen, bis man am Schluss zutiefst zufrieden, ja befriedigt vor dem eigenen Werk steht und es nicht glauben kann, dass es so einfach war. Alles passt, das Gefühl der Kohärenz schüttet Glückshormone aus, die das Selbstvertrauen weiter stärken und einem bei der nächsten Aufgabe das Gefühlt geben: Ich weiß nicht, wie ich das wieder mal hinbekomme, aber ich werde es schaffen. So wie diesen Text, der am 16.12.21 innerhalb von 1,5 Stunden entstanden ist. Und eigentlich müsste ich jetzt den Anfang ändern und Korrekturlesen. Aber das mache ich später … vielleicht.


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