• 29.11.2022

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Kaufen, kaufen, kaufen

kaufrausch

» Artikel vom

Autor: P

Musik? Bücher? Medien? Zu lange her.
Kleiderladen 5 Jahre
Spielwaren 5 Jahre
Bank 5 Jahre
Baumarkt 2 Jahre
Café 2 Jahre
Lebensmittelspezialitäten 1 Jahr
Schreibwaren, Kiosk 1 Jahr
Drogerie 2 Monate
Lebensmittel 1 Woche

Das waren die Zeitpunkte, zu denen ich mich zuletzt in den genannten Läden physisch aufgehalten habe. Damit steht das Fazit des Artikels schon im zweiten Satz: Es ist vorbei. Der Einzelhandel ist mit ein paar Ausnahmen am Ende. Die Ausnahmen sind eng begrenzt. Es sind vor allem Gegenstände des täglichen Bedarfs, die nicht teuer sind und die man sofort haben will: Lebensmittel, Zahnpasta, Toilettenpapier. Der Rest ist tot, er weiss manchmal nur noch nicht. Die Welt des Einzelhandels hat sich in den 50 Jahren wie eine mehrstufige Rakete entwickelt, die am Ende verglüht und deren ausgebrannte Stufen zerschellen. Am Anfang waren viele es kleine Läden mit Lebensmitteln und Bedarfsgegenständen. Bis in die Dörfer, in jedem Stadtviertel. Dann kamen die Ketten, die Selbstbedienung, die grossen Supermärkte, hinfahren mit dem eigenen Auto war nun Standard. Dann kamen die Discounter, die mit niedrigen Preisen lockten und einen Krieg um das billigste Produkt einläuteten. Sie machten das Einkaufen effizient und billig. Und dann begann wieder ein Sterben. Die Totenglocke läuteten Firmen wie Amazon ein. Amazon wurde 1994 gegründet von einem Informatiker, der Bücher verkaufen wollte. Zwei Jahre später waren seine Umsätze schon dreistellige Millionenbeträge. Dann kaufte Amazon den deutschen Marktführer im online-Buchhandel und blieb seither an der Spitze, nicht mehr mit Büchern, sondern mit fast allem, was an Waren existiert. Heute liegen die Umsätze dieser einen Firma bei 300 Milliarden Dollar, das liegt etwa auf dem Niveau des gesamten mexikanischen Staatshaushalts. Daneben gibt es Myriaden weiterer Firmen, die nur online verkaufen oder Verkaufsplattformen anbieten, von eBay bis zu hoch spezialisierten Sexshops für besondere Fetische. Ladengeschäfte mit Unterhaltungselektronik gleich welcher Art, Büchern, Spielzeug und anderen Warengruppen starben seither wie die Fliegen, wenn sie nicht schafften, sich ein festes Standbein im Onlinehandel zu verschaffen. Andere Länder kennen noch weitere Raketenstufen des Einzelhandels, die ebenfalls am Verglühen sind. In den USA findet schon seit Jahren nach einer etwa 20 Jahren andauernden Plateauphase ein riesiges Sterben von Shopping-Malls statt.

Die Umsätze bei den Versendern sind nicht neu entstanden. Sie wurden verlagert. Der stationäre Handel hat sie verloren, der Onlinehandel hat sie gewonnen. Und auch im Onlinehandel gibt es ständig Verlagerungen. Keiner weiss, wie die Geschäftsmodelle morgen aussehen. Im Moment sieht es danach aus, als würden nicht nur Waren, sondern auch Händler aus China seit ca. 2010 den Markt aufrollen und weitere Zwischenhändler ausschalten. Der Marktmacht und auch ihr Einfallsreichtum für Tricks sind legendär und sie sind superbillig. Beispiele für solche Konzerne und Markennamen sind Globalegrow (Gearbest, Sammydress und viele Weitere), AliExpress (Mutterkonzern Alibaba Group, der von Filmen bis Zahlungssystemen überall engagiert ist), Guangzhou Banggood Network Technology, Dhgate, Lightinthebox, Tmart, MinInTheBox, Geekmaxi, Edwaybuy... in Europa ist dann nur ein Auslieferungslager, alles andere passiert von Idee, Produktion, Vermarktung, Handel in China. Von dort geht es auf chinesischen Schiffen oder chinesischen Schienen nach Europa, landet in von China gebauten oder gekauften Häfen in Europa (Seebrügge, Piräus, Triest, Genua, Bilbao sind längst von China aufgekauft) und dann im Auslieferungslager chinesischer Firmen. Dort arbeiten hauptsächlich Angestellte chinesischer Herkunft. Das ist nicht neu, sondern ein alterprobtes Konzept, mit dem China schon vor hunderten von Jahren in ganz Südostasien Brückenköpfe gebildet hat und den Handel komplett unter chinesische Kontrolle brachte. Heute läuft das um so geschmierter, wenn starker Staat, Hersteller und Händler Hand in Hand auf allen Ebenen strategisch expandieren und stetig konsequent Macht aufbauen. Das ist ein sehr viel Gründlicheres und auf Verdrängung angelegtes Konzept wie in jeder Handelsrevolution vorher. Manchmal kauft man sich auch in bestehende Ladenketten ein, so ist ein chinesischer Milliardär mit 40 % an der Drogeriekette Rossmann beteiligt. Die alte Fassade bleibt so lange und überklebt den Inhalt, solange sie dem Geschäft dienlich ist. Auch bei Kleidung kauft China die Läden: Tom Tailor wurde aufgekauft, das französische Modehaus Carven, Dorina der Triumph International AG. Chinesisch übernommen wurden auch Medion, Alno Möbel, Compo Gartenbedarf, Siematic, Rolf Benz AG und viele andere.

Auch ganz unten, nahe beim Kunden und physisch präsent löst sich vieles auf. Überraschung: Trotzdem entstehen viele neue Verkaufsstellen. Es dreht sich dabei aber fast immer um Lebensmittel, die ein Kleinproduzent anbietet und damit hofft, Eigenproduktionen zu verkaufen. Häufig wird dabei auch auf Automaten gesetzt oder Selbstbedienung. In unserer Gemeinde sind in den letzten Jahren mehrere solcher Stellen entstanden. Es gibt einen Automaten mit frischen Hühnereiern, einen mit Fleisch einer Metzgerei, ein aufwendiges Projekt einer landwirtschaftlichen Einrichtung, in dem 20-50 verschiedene Obstsorten in einem Automatenraum verkauft werden. Dazu kommen zwei neue Hütten, in denen man sich selbst bedienen kann und das Geld in eine Kasse wirft. Eine hat landwirtschaftliche Produkte eines Biohofs, eine bietet Marmeladen und andere Produkte von Leuten der Umgebung an. Die Zahl der Braustätten steigt, Lokal- und Kleinstbrauereien sind erfolgreich. Auch im Ausland, in den USA sind die Maikrobrueriiis ganz doll am Werkeln. Essig, Senf, Sossen, Spezialitäten, die Zahl der kleinen Anbieter steigt ebenfalls. Auch Wochenmärkte haben erstaunlicherweise wieder mehr Zulauf, in den grösseren Orten mutierten sie allerdings meistens zu einer Lifestyle-Veranstaltung, wo man sich trifft und nicht mehr der Produkte wegen hingeht. Diese Anbieter von unten konkurrieren von vornherein nicht über Preise. Ihre Argumente sind Produkte, die in der Region entstanden sind, hohe Qualität, Produkte, die in dieser Form nicht oft im Laden zu finden sind. Sie wollen gar nichts übers Internet verkaufen oder quer durchs Land schicken, ein virtuelles Ladenschild reicht ihnen.

Wo führt das hin, was werden wir noch erleben? Wahrscheinlich zunächst die längst augenfällige Ausdünnung von Ladenketten und den noch nicht gestorbenen Resten selbständiger Einzelhändler. Gestorben wird auf der ganzen Linie: Bekleidungsketten, Handelskonzerne, Elektronikketten, Optiker, überall wird die Luft dünner. Manchmal findet auch eine generelle Qualitätsverschiebung statt. So haben zum Beispiel viele Juweliere aufgegeben. Name und Laden existieren aber weiter oder unter neutraler Bezeichnung, übernommen haben sie aber häufig arabische Einwanderer und mit ihnen wandeln sich Angebot und Ansprüche. Dienste wie Gold- und Uhrenankauf rücken in den Mittelpunkt, Verkauf von Gegenständen mit wenig Handwerk, keinerlei Fähigkeiten, aber viel Optik, Edelmetallverkauf, Swarovski-Schmuck, Brautschmuck, vielleicht auch diverse andere, nicht offen beworbene Geschäfte. Bedient wird die rasend schnell wachsende Gemeinde der Einwanderer, die Parallelgesellschaften sind eine sichere Miete für Kundschaft.

Der Lebensmitteleinzelhandel ist derweil einem seit 50 Jahren anhaltenden Kostensenkungsrennen ausgesetzt und versucht mit immer mehr Zusatzleistungen sowie geringeren Personalkosten zu bestehen. Dinge wie Kassen ohne Kassierer, nächtliche vollautomatische Bodenputzgeräte liegen im Trend. Mit Covid-19 ist auch die Bargeldzahlung zur Minderheit geworden, es fliessen nur noch Daten statt gezählte Geldscheine. Lassen wir uns überraschen, welche Ideen die schnell bewegende Welt des Handels demnächst ausrollt. Wie lauten Eure Prognosen?

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