• 26.09.2020

Das Männermagazin

Leutnant Dino kommentiert

Die Freiheit nehm ich mir

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» Artikel vom

Freie Männer leben, wie sie wollen: so frei wie möglich. Die Freiheit bedeutet auch Freiheit von einem Image, das man Männern ständig anheftet. Gängige Rollenbilder für Männer gibt es viele. Sie wären zum Beispiel Männer, weil sie (bitte ankreuzen) Fußball / Steaks / Motoren / immer hinter Sex her / Gamer / Berufsdefinierte Experten oder sonst was wären oder am liebsten sein würden. Doch das ist alles zu Schlagworten erstarrt. Politik und Werbung vermitteln außerdem jeweils aus sehr durchsichtigen Gründen positiv dargestellte Eigenschaften, die man gerne bei angeblich modernen Männern sehen würde: Elternzeit nehmend, hart und weich gleichzeitig, den Damen dienend, fleißig konsumierend, als Sozialpädagoge arbeitend, als Stiefvater der Idiot sein, der sich einer abgehalfterten Dame zahlend andient und ihre Fehltritte hochpäppelt, nachdem sie sich von Tyrone durchnudeln ließ und vermutlich immer noch lässt. Immer das, was zurzeit eben gerade von Macht und Medien erwünscht ist.

Witzigerweise spielen männerbewegte Kreise und andere vermeintlich freie Männer oft exakt dasselbe Spiel. Sie setzen nur andere Eigenschaften in die Slots ein. Aber eben auch wieder feste Eigenschaften. Alle Welt und jedes Grüppchen weiß offenbar, wie Männer zu sein hätten und fühlen sich dazu berufen, das der Welt auch mitzuteilen. Die Erkenntnis, dass die Freiheit von allen diesen Vorbesetzungen der wichtigste Punkt sein könnte und auch die Akzeptanz der Unterschiede, treten nur selten zutage. Es bereitet eben weniger Lust, jemand sein Leben leben zu lassen, als sich darüber zu erheben und kommentierender oder sogar urteilender Besserwisser zu sein.

Konformität ist ein ewiges Thema und steht immer gegen Kreativität und Individualismus positioniert. Jüngere Untersuchungen weisen eine starke Konformitätsunterwerfung vor allem in Gruppen nach, die sich politisch links sehen und auch in modischen Strömungen wie Hipstern. Den Trick wenden auch Kulte und Religionen mit schwachem oder obsoletem inneren geistigen Kern an. Sie gleichen ihre hohle Substanz mit Regeln und Konformismus aus und schaffen damit über formale Gleichschaltung eine Identität. Man macht sich ähnlich wie die Peer Group, statt sich zu entwickeln oder Inhalt zu haben, dazu gibt es einen Satz billiger Regeln voller schwachsinniger Formalismen, die nicht zu schwer einzuhalten, aber auch nicht zu leicht sind, um ihre Wertanmutung nicht zu gefährden. Mitmachen klärt und stabilisiert, macht das Leben einfacher. Aber es ist auch langweilig. Unendlich langweilig. Nur die geistig Armen werden darin selig. Natürlich redet man sich eifrig ein, es wäre klug, sinngebend und logisch. Klar, ansonsten würde man sich ja selber der Welt als der Idiot beweisen, der man tatsächlich ist, so blöde ist man dann doch nicht. Konformität macht dumm und hebelt den Effekt der Schwarmintelligenz aus, wie die ETH Zürich nachgewiesen hat.

Nehmen wir die Freiheit doch einfach in Anspruch, statt anderen zuzuhören, wie wir zu sein hätten, mit irgendwem konform sein zu wollen. Ich habe zum Beispiel eine herrliche Eisenpfanne von De Buyer. Tolles Teil. Nichts Besseres fürs Braten der Kartoffelscheiben, die am besten erdfrisch gebürstet aus dem eigenen Garten stammen. Sehr männlich. Ein echter Mann hat sowas, oder? Und nun kommt der Bruch, der einen „echten Mann“ sicher bei einigen rettungslos disqualifiziert: Ich bin gleichzeitig weitgehend Vegetarier. Weil ich das will. Nach Maßgaben, die ich mir selbst gegeben habe. Vom männlichen Eisenpfannenfan zum unmännlichen Weichei, grünen Avocado- und Sojafresser, Besserwissermensch, Grillsteakverweigerer in einer Sekunde? Völlig egal. Es sollte jedem frei denkenden Mann piepschnurzegal sein, ob das jemand sagt, denkt, bewertet, lobt, niedermacht. Vegetarier bin ich auch noch seit der Kindheit, seit ich mit etwa neun Jahren ohne jedes Vorbild und Ansprache aus meinem Umfeld langsam Schritt für Schritt von selbst aufhörte, die Leberwurst und das Schnitzel zu mampfen. Und das mitten im Dorf zwischen Kuhstall und Hackblock, ohne Guru, ohne Vegetarier-Vorbilder wie Goethe oder den reifen Einstein. Hausieren gegangen bin ich damit niemals. Tun und fertig. Missionarischer Eifer ist immer Schwachsinn und ein Zeichen von Schwäche, von innerer Unsicherheit. Wenn jemand tatsächlich Näheres wissen wollte, bekam er eine angepasste knappe Erklärung mit Punkt am Schluss. Bin ich irgendwo eingeladen, nehme ich ohne weitere Verlautbarungen still leise nichts von Fleisch oder Wurst. Gibt es nichts anderes und will ich dem Gastgeber nicht unhöflich kommen, nehme ich auch ein Stück Fleisch. Das ist vor allem im Ausland immer wieder ein normaler Fall. Keine Sache, kein Gerede, kein Gezicke, keine Ideologie. Und wer wirklich Hunger hat, isst sowieso alles. Inkonsequent? Drauf geschissen, ich lebe nicht für Dogmen anderer, sondern strebe die eigene Glattstellung nach eigenem Maß an. Die letzte Grenze sind immer die eigenen unumgänglichen Basisnotwendigkeiten. Und was ich selber töte, esse ich ebenfalls, das liegt dann in meiner eigenen Verantwortung.

Warum überhaupt eine Zickerei ums Fleisch, warum gibt es überhaupt seit Urzeiten Leute, die das bewusst sein lassen? Gründe scheint es viele zu geben, ich kann nur für mich selbst sprechen. Den Tod fühlender Lebewesen und den größten Teil ihrer industriellen „Produktion“ vorher empfand ich immer als unnötige Vergrößerung von Leiden und Qual im Universum, das schlechtes Karma erzeugt. Warum das mitverursachen? Wozu das alles mitmachen? Für ein kurzes schwaches Wohlgefühl auf der Zunge? Wem es das wert ist, soll frei tun was er für richtig hält, mir ist es das nicht wert, wenn nicht gerade andere Gründe zeitweise schwerer wiegen. Oder wenn Haltung des Lebens und Tod wenigstens ganz in die eigene Verantwortung genommen werden kann. Dazu zählt die zerdrückte Biene, das selbst geschlachtete Huhn. Aber auch das ist teilweise richtig hart. Eine auszutauschende Bienenkönigin muss beispielsweise zerquetscht werden. Das summende Bienentierchen, das ein oder zwei Jahre lang ohne Pause hunderttausende Eier gelegt hat, aus denen mehrere riesige Völker entstanden sind, deren Erträge ich einkassiert habe, krabbelt tief verborgen, geschützt und bestens gepflegt im Bienenstock inmitten ihrer Kinder. Man dringt in seine Welt ein, reißt es ans Licht, fängt es ein und quetscht es zu Tode, damit eine neue Königin vom Volk angenommen wird. Für viele Imker, mich eingeschlossen ein Vorgang, den wir machen, aber mit einer geistigen Hürde, was man wohl nur nachvollziehen kann, wenn man selber Bienen hält. Einige Männer fragen sich dabei, ob sie solche Gedanken überhaupt äußern sollten, um nicht eine weitere Rolleneigenschaft zu verletzen, die der unhinterfragten Coolness und Stärke, dem Leben nach strenger biologischer Direktive? Oder einfach tun und vergessen? Ex und hopp? Nicht jeder kann Empathie so leicht ausschalten und ein Leben beenden. Wie kann ich mich das bei einem kleinen Insekt fragen, aber bei einem Schweinchen ignorieren, das nur einen engen Quadratmeter und ein paar qualvolle Monate mit importierter Sojamehlpampe hatte und dessen Rest ausgeblutet und abgeflammt auf dem Teller vor mir liegt? Ich kann es einfach nicht, es geht nicht, es ist ein Abgrund, die Auftrennung einer Ganzheit in kaputte, schmerzende Stücke.

Aber das sind alles Dinge, die man sich selbst fragen sollte statt andere. Es gibt wirklich Imker, die deshalb einen Teil ihrer Völker immer schwärmen lassen (dann zieht die alte Königin mit einem Teil des Volks davon, überlebt aber den nächsten Winter auch nicht, weil der Mensch üble Bienenparasiten eingeschleppt hat) oder auf natürliche Weise umweiseln lassen, um diesen Königinnenmord nicht mitmachen zu müssen. Auch zerdrückte Bienen sind schmerzlich und nicht weniger wert. Egal wie man es macht, der Punkt ist: Freie Menschen entscheiden nach eigener Maßgabe. Dazu erziehe ich auch meine Kinder. In meiner Familie soll jeder essen, was er will. Ich will sie nicht zwingen, meiner Küche und meinen Ideen zu folgen, verlange nur, dass sie alles mal probieren. Täglich in der Schulmensa, bei Oma, Freunden, im Restaurant essen sie, was sie wollen, Spaghetti Bolognese, Schnitzel. Hundertprozentig ist auch zu Hause nichts, es gibt Fisch für sie, weil ich das zeitweilig für ernährungswichtiger halte als ethische Grenzen, also verschiebt sich das ein klein wenig. Die Waage ist nicht immer eindeutig auf einer Seite. Und auch Lamm von befreundeten Schäfern gibt‘s gelegentlich, wenn die Kinder das wollen. Eins der Kinder will jetzt auch kein Fleisch mehr. Etwas früh, finde ich. Und so bin ich in der irren Situation, dass der Vegetariervater versucht, die Tochter ein bisschen beim Vegetarismus zu bremsen. Außerdem bin ich versucht, angesichts des politisch angefeuerten Veggie- und Sojawahns durch missionierende Grüntrottel selber wieder zum Fleisch zu greifen. Aber das wäre Orientierung an Vollidioten unter Vernachlässigung meines Gefühls - ganz, ganz schlechtes Karma.

Was wird stattdessen serviert im Hause p? Was uns schmeckt. Quer durch die Küchenwelt. Schwerpunkte liegen auf der süddeutschen, indischen und koreanischen Küche. Gemüse, Hülsenfrüchte, Süßspeisen, alle Getreideprodukte. Wenig Fertignahrung, wenig verarbeitete Lebensmittel, sehr viel Frisches. Keine Geheimnisse, keinen Modequatsch á la makrobiotisch, Paleo-Zeugs, Trennkost, Low Carb, Glutenphobie und was so alles gerade durchgenudelt wird. Darüber lachen wir.

Freie Männer tun ihr Ding, egal was andere behaupten. Sie erklären nichts und verurteilen nichts, denn wahre Erkenntnis kommt nicht durch Erklärungen und Urteile, sondern durch unmittelbares Sein in der eigenen Existenz. Sie missionieren nicht, sondern leben ihr Leben selbst, geben und nehmen, erklären das nur auf Nachfrage, wenn ihnen danach ist - ansonsten schweigen sie, lieber ein Wort zu wenig als zu viel. Für sie gibt es keine Widersprüche, nur die Dummheit, eigenes Erkennen und eigenes Denken nicht zuzulassen. Sie leben keine Träume und Vorstellungen anderer, sondern das eigene Leben. Gerade diese Freiheit ermöglicht es, Empathie zu entwickeln, auf sich selbst zu hören und die Welt um sich unmittelbar ohne Schranke zu spüren. Auch bei Grundbedürfnissen wie dem Essen.

Guten Appetit beim nächsten Steak vom Grill, beim Frühstücks-Honigbrot, bei der Knackwurst mit Senf. Und auch bei der Falafel aus Kichererbsen, dicken Bohnen und Blattkoriander. Schmeckt wirklich supergut.

P.


Weiterführender Link: TrennungsFAQ
Ratsuchende Väter finden im TrennungsFAQ-Forum konkrete Hilfe


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