• 19.11.2019

Das Männermagazin

Leutnant Dino kommentiert

Männer, Väter und Töchter

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» Artikel vom

Als ich noch keine Kinder hatte und keine ernsteren Partnerschaften, war es mir egal, Vater zu werden. Die meisten Männer haben sich dabei nicht wirklich festgelegt. Vater werden bedeutete mir damals: Ist nett, interessant, ein spannendender Lebensweg mit vielen positiven Seiten. Niemals Vater werden bedeutete: Ist nett, interessant, ein spannendender Lebensweg mit vielen positiven Seiten. Kurz gesagt, nicht jeder Weg ist identisch, aber jeder Weg kann gleichermaßen Erkenntnis und Glück beinhalten oder das Gegenteil. Von Unterhaltsrecht und gesellschaftlichen Realitäten hatte ich wenig Ahnung, lassen wir das mal beiseite. Da bin ich sowieso in guter Gesellschaft mit den meisten Männern, die erst ernsthaft zu denken anfangen, wenn sie so richtig heftig auf die Schnauze gefallen sind. Vorher denkt man einfach zu oft mit zwei Hormonproduzenten, die am unteren Leib hängen. Könnte man die nur mal für eine Weile abschalten, hängt das Organ statt zu steuern, dann würde der Vernunftpegel im Lande durch die Decke rauf gehen.

Falls es aber zur Vaterschaft kommen würde, wünschte ich mir reichlich blauäugig Töchter. Warum das? Weil ich selber nur mit Brüdern aufgewachsen bin und einmal diese unbekannte Mädchen-Welt kennenlernen wollte. Wir waren nämlich eine reine Jungs-Familie. Wahrscheinlich hatte ich deswegen eine Geschwisterzahl über dem Durchschnitt, weil meine Eltern auch mal ein Mädchen wollten und es deshalb öfter von neuem probierten, ob es nicht doch mal ein Mädchen wird. Es wurde keins. Mein Vater bedauert das manchmal, meine Mutter nie. Heute verstehe ich sie in diesem Punkt. In ihrem Allgäuer Dialekt meinte sie, sie sei ganz froh, keine „nixigen Feela“ zu haben, sondern Buben. Meine Brüder sind heute in derselben Situation. Alle sind Väter geworden. Und was haben sie bekommen? Jungs. Jungs, Jungs, Jungs. Sogar meine Cousins (natürlich Jungs, nur ein Mädchen) bekamen fast nur Jungs. Die letzte Generation mit einer stärkeren Mädchenpräsenz war eine meiner beiden Omas. Von ihren 15 Geschwistern waren genau die Hälfte Mädchen. Bei der Familiengröße war eh alles egal. Der Stress war sicher erheblich, ihr Vater aus Wädenswil starb den Herztod schon im mittleren Alter.

Und ich bekam voll und ganz geliefert, was ich mir wünschte. Mädchen, Mädchen, Mädchen. Lauter süße Töchter, goldene Engel, Lieblinge der Umgebung. Und sie waren gleichzeitig Strafe und Heilung von meinem Wunsch, Vater von Töchtern zu sein. Na ja, zugegeben, ein Junge ist auch dabei, aber der hat es sehr schwer, mit lauter Schwestern um sich. Er kämpft gegen das Östrogen, das um ihn herum wabert, aber kommt nicht dagegen an. Er ist aber hübsch. Es gibt schon die ersten Freundinnen meiner Töchter, die gerne zu uns kommen, um verstohlen Richtung Knabe zu blicken, der damit noch überhaupt nichts anfangen kann. Er ist Spätzünder, wie ich.

Mittlerweile habe ich genügend rote Pillen geschluckt, um die letzten Illusionen bezüglich Töchtern ausgetrieben zu bekommen. Die erste Erkenntnis: Leider werden sie auch zu Frauen und leider geraten sie unausweichlich in die Verhaltensweisen, die Freie Männer bei Frauen so sehr ermüden. Andere Erziehung? Klar habe ich das probiert und gelernt: Die ist ebenfalls eine Illusion.

Was nicht heißen soll, dass das Leben mit Töchtern nach dem Zeugungsmoment mit der Mutter keine witzigen oder guten Seiten hat. Die hat es selbstverständlich auch. Und es ist tatsächlich sehr interessant, die eigenen Kinder zu beobachten und zu sehen, wie sich das Frausein entwickelt. Das tut es, unabänderlich, jenseits aller erzieherischen Einflussnahmen und Tricks, mit einer Urgewalt, die ihresgleichen sucht.

Sachen, die nach meiner Jungs-Herkunftsfamilie völlig neu für mich waren: Die unglaubliche Zickigkeit, mit der sich kleine und große Weiber produzieren. Was die Zicke im Moment nicht will, das macht sie auch nicht, sie bockt und keift und erfindet die krummsten und dünnsten Ausreden, versucht ihre Umgebung permanent für dumm zu verkaufen und zu verarschen. Eine Sache einfach mal durchziehen, erledigen, abhaken, ein Ziel erreichen - mit Mädchen ein Ding der Unmöglichkeit. Sie zicken und spielen mit der Umgebung, produzieren ständig Shit-Tests, ob man sie dann trotzdem noch mag. Ganz klar eine Übung für später. Jungs rennen auch mit dem Kopf kräftig gegen eine Wand, aber sie nehmen Enttäuschungen mit weniger Drama hin und suchen sich selber schneller andere Wege um die Wand herum, statt davor sitzen zu bleiben und pausenlos die Umgebung vollzuplärren.

Schon sehr früh beginnt auch eine totale Fixierung auf den eigenen Körper, auf Selbstbestätigung und Vergleiche. Während der Knabe abkotzt und Terror macht, damit er sofort wieder zu irgendeinem Spielgerät kann, bewegt sich meine Jüngste mit weiblicher Anmut und träumendem Blick stundenlang durch Kleiderläden, probiert hingerissen verschiedenes aus, holt die Meinung ihrer gesamten Umgebung ein. Ihr Lieblingsheft ist „Top Model“. Sie weiß, welche Farben zueinander passen, entwirft Kleider und Accessoires, malt Mode für Mädchen, holt sich Kosmetiktipps, obwohl sie noch nicht im Alter dafür ist. Sie kann sich sehr elegant anziehen, weiß was passt und gefällt. Faszinierend, wie das aus ihr selbst kommt, denn Papa und Mama sind beide üble Mode- und Kosmetikverweigerer. Wir stehen auf Kernseife und Wasser statt den Körperprodukten der Chemiefabriken. Medienvorbilder gibt’s wenig, wir haben keinen Fernseher und Handys gibt’s erst in der weiterführenden Schule, anfangs streng eingeschränkt. Eben beginnt sie, mit Nagellack zu experimentieren. Guckt man sie genauer an, wird sie nervös und vermutet, etwas würde nicht an ihr stimmen. Sie interpretiert das sofort körperlich. Das geht in die süßen Momente über, die man mit Töchtern hat. Der Vater ist tatsächlich der erste Mann für sie, sie probieren da bereits alle Tricks aus und schärfen sich an ihm. Die Jüngste hat darin eine Meisterschaft, während eine der älteren Schwestern eifrig versucht, mit der Mutter zu koalieren, um ihre Abirrungen an mir vorbeizuleiten. Was der Papa sagt und macht, ist durchaus wichtig, sie beobachtet das mit fast schon erschreckender Genauigkeit und macht sich das zunutze. In diesem Spiel gewinnt sie Bestätigung und Selbstsicherheit, das ist auch eine meiner wenigen Ebenen, auf der ich etwas Prägung durch Erziehung leisten kann. Bei meinem Trennungskind, natürlich auch eine Tochter, fand das nicht statt und ich spüre an ihr ganz stark die Auswirkungen. Auch aus der beobachteten Interaktion zwischen den Eltern wird unheimlich viel gelernt. Oder nicht, wenn nie beide Eltern gleichzeitig da sind. Die Leerstelle füllt sich oft nicht mit Ersatzvorbildern, sondern mit Unsicherheit und Fehlern, die ein Leben lang anhalten. Kinder ohne Elternebene zu erziehen geht, ist aber immer ein schweres Gewicht auf ihrer emotionalen Gesundheit. Die Eltern sind halt doch Normalprogramm, alles andere ist Notprogramm.

Zelebriert wird das Mädchensein auch besonders gerne im Bad. Vorbei die Zeiten, in denen Papa seine abendlichen fünf Minuten mit Waschen und Zähneputzen heruntergerissen, parallel noch auf dem Porzellanthron kleine Geschäfte erledigt hat. Nun ist Kampf angesagt, das Bad ist abends und morgens dauerabgeschlossen. Die Mädels kämpfen um den heiligen Raum, Türen krachen, es wird entrüstet geklopft, Beleidigungen und Kreischgeräusche fliegen durch die Luft. Unter 30 Minuten macht’s meine Rekordhalterin im Bad abends nicht. Sie ist alt genug für ausgiebigere Körperpflege und die treibt sie exzessiv. Der Wasserverbrauch steigt ebenfalls an, man duscht jetzt oft und ausgiebig. Morgens muss ich anschließend lüften, die Damen versuchen gerade zu testen, was Deos leisten. Keuch.

Nicht nur nach innen, sondern auch von der Reaktion der Umgebung sind Mädchen eine Überraschung gewesen. Plötzlich sind wir in der Mitte der Gesellschaft, die sich voll und ganz auf Mädchen zentriert hat. Das habe ich erst mit den Mädchen so intensiv erlebt. Schüleraustausch? Mädchen besonders willkommen, Jungs werden bei so etwas immer weniger. Förderung in der Schule? Ein Weiberverein fördert wenig überraschend vor allem weitere Weiber. Girls‘Day, Lehrpläne, Lehrkörper? Überall Frauen im Zentrum. Das Zeltlager in den Ferien? Jungslager kommt mangels Teilnehmern nicht zustande, fürs Mädchenlager zwei Termine. Die Große darf auch allein weg. Sie wird gerne mitgenommen und eingeladen, man organisiert für sie. Jungs? Sollen selber sehen, wo sie bleiben. Misstrauisch beäugt, ständig in die Grenzen gewiesen, noch nichts wert in der Gesellschaft, fallen nur mit Verhaltensweisen zwischen Kasper spielen und kriminell sein auf, so werden Jungen platziert. Mädchen sind dekorierte Debütantinnen, schon nahe ihrer Prime Time, beschützt und gefördert auf allen Ebenen. Große Geburtstage feiern, ständig sozialisieren, sich vergleichen, viele Freundinnen, das tun nur Mädchen. Als Mädchenpapa komme ich ständig mit anderen Mädcheneltern in Kontakt, als Jungspapa eher mit dem Schulsozialarbeiter.

Ich muss höllisch aufpassen, die Mädels nicht mit der eigenen Kindheit zu vergleichen und dann enttäuscht zu sein. Im Alter meiner Ältesten habe ich Software mitentwickelt und verkauft, selbstentworfene Wanzen zusammengelötet und fleißig ausprobiert, war Luftgewehrkönig, habe nützliche Kenntnisse der Chemie erlangt, was in Sprengung eines Gewächshauses und eindrucksvollen Raketenstarts (eigentlich eher Explosionen nach oben) umgesetzt wurde, Einserschüler in Mathe und Totalversager in Latein, dann die ersten Ferienjobs auf dem Bau gehabt, viel allein durchgezogen, zu reisen begonnen und das keineswegs in der betreuten Kirchen-Jugendgruppe. Das tun Mädchen einfach nicht. Sie tun, was die Freundinnen tun oder die gerade angesagten Instagram-Models. Sie laufen in der großen Hühnerherde und ihre Motivation ist es, inmitten der Herde auf einer der oberen Stangen zu sitzen, egal wie. Am liebsten mit ständigem Picken und Zicken.

Was kann man da noch machen, außer „Augen zu und durch“?

» Grundfertigkeiten des Lebens üben, üben, üben. Das ist bei Mädchen keineswegs selbstverständlich. Ihnen wird so oft Hilfestellung gegeben, dass sie lange ohne solche Fähigkeiten auskommen. Irgendein Depp findet sich immer, der dem armen Mädchen hilft. Diese Männerdeppen, die „weißen Ritter“, bringen die negativen Seiten weiblicher Verhaltensmuster erst so richtig zum Wachsen, bis sie wie ein metastasierender Tumor das ganze Weib durchziehen. Ich stelle ihnen deshalb immer wieder Aufgaben, die sie selbst lösen müssen, wie üblich mit Erpressung oder Belohnung als Motivation. Mühsam, aber muss sein. Und es ist immer wieder schockierend, was sie alles nicht können. Von selbst wollen sie nichts lernen. Sie wollen lieber lernen, wie man andere manipuliert, dass die den Job machen.

» Die Töchter werden wie alle Frauen auf hohen Pferden reiten, bis sie spätestens mit Mitte 30 herunterfallen. Bis dahin wird sie ein unübersehbarer Strom von willigen Drohnenmännern oben halten. Ich werde das den Töchtern nicht verübeln können, jeder mit Aufmerksamkeit bedachte Mensch wird es ausnutzen, Prinz oder Prinzessin zu sein. Ich versuche nur, ihre Hochrittphase zu verkürzen, Zweifel zu säen, vermittle ihnen, dass sie früh auf dem absteigenden Ast sitzen werden. Begehrte Jugend hat ein enges und zwingendes Verfallsdatum, andere Fähigkeiten nicht. Mit der Ältesten diskutiere ich ein paar Jugendlichen passende psychologische Mechanismen aus Männersicht. Vielleicht bleibt etwas davon hängen, vielleicht nicht. Zumindest kann sie nicht mehr behaupten, nichts gewusst zu haben.

» Ich unternehme viel, um sie vom reinen Konsumenten in der Hühnerherde wenigstens gelegentlich zum Produzenten zu machen. Sie müssen mir zum Beispiel beim Honigverkauf und bei der verkaufsfertigen Vorbereitung von Lebensmitteln helfen (und kriegen dafür was). Ich zeige ihnen, wie man welche Inhalte im Internet erstellt, statt nur zu konsumieren, mache sie mit den nötigen rechtlichen Regeln vertraut, motiviere sie zu kleinen ersten Jobs gegen Geld, verlange Eigenprojekte. Sie haben früh mit zwei Sprachen Programmieren gelernt, der Calliope Mini steht im Kinderzimmer. Das erreicht bei Mädchen aber nie eine kritische Bewegungsenergie, ab der etwas von selber rollt. Sie wollen das einfach nicht. Sie wollen Hühner in der Herde sein, viel gackern, mal hier und da scharren und sich später mal kurz von einem groß-gefährlichen Alphahahn fangen lassen. Sind die Federn dann mal bei ihm und ihr abgewetzt, wollen sie Opfer sein. Frauen halt.

Zu machen ist also nicht viel, aber mehr als nichts. Die Prägung durch eine Million Jahre Evolution des Menschen kann man nicht einfach so ummodeln. Jeder Mann, der Töchter hat, spürt das täglich und intensiv.

P.


Weiterführender Link: TrennungsFAQ
Ratsuchende Väter finden im TrennungsFAQ-Forum konkrete Hilfe


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