• 13.07.2024

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Eine Reise

langerweg

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Gastautor: Prüfender Blick

Ist fast 40 Jahre her, kein Handy, kein Navi, nur ältere Landkarten aus der Bibliothek kopiert. Sonntagmorgens ging es los, einmal im Leben richtig trampen. Von Bern nach Bournemouth war der Plan.
So stand ich dann mit erhobenem Daumen an der Landstraße, Rucksack voller Fressalien und Getränk. Sympathie heischend das alte Pfadfinderhemd montiert. Da hielt auch schon der erste Wagen. Eine Nachtschwester auf dem Weg nach Hause. Kaum losgefahren meinte sie, ich weiß gar nicht, warum ich angehalten habe, nehme sonst nie jemanden mit, wirkte verlegen.

20 km später wieder am Stöppeln, einer auf dem Weg zum Brötchen holen war es diesmal, 12 km immerhin.

Ein Priester auf dem Weg zur Messe, als Ersatz für einen kranken Pfarrer. Gott hätte mich ihm gesandt, er wäre in der Nacht aufgeboten worden, um irgendwo die Sonntagsmesse zu halten, hätte aber noch kein Thema. Jetzt schon, ein junger Mann auf Reisen, zu seiner Liebsten die im Auslandsaufenthaltsjahr ist. Die Kirchengemeinde würde für mich beten und er mir den Segen erteilen, 50 km bis zur Kirche.

Immerhin schon im Val de Travers, Richtung französische Grenze. Ein älteres Ehepaar waren die Nächsten, bis 200 m vor der Grenze durfte ich mitfahren. Zu Fuß in Frankreich einmarschiert die Überraschung, das Paar mit dem Auto wartete auf mich. Bis Besancon ging es weiter, immerhin 90 km. Zwischenziel übrigens war Le Havre, mit der Fähre auf die Insel und weitersehen.

Ein alter, klappriger 2CV als nächstes Gefährt, sah den Straßenbelag durch das Bodenblech vorbeiflitzen. Meinte salopp, der Wagen sei etwas „malade“, Vollbremsung später wieder am Straßenrand stehend, 3 km geschafft.

Eine Plappertante wollte Verwandte in Dijon besuchen, so fuhr ich mit. Glücklicherweise nur etwa 5 % verstanden. Praktischerweise wurde eine viel befahrene Ausfallstraße extra für den CHler angefahren, 107 km die schwer verdient waren.

Um dann drei Stunden Wagen an Wagen mit grinsenden Franzosen und deren Zunge heraus steckenden Kinder zu erdulden. Unmut wurde zu Wut, Augen suchten bereits einen Stein zum Werfen. Bremsen quietschten, zwei Freaks fragten nach dem Wohin. Nein, dahin fahren sie nicht, und wollten weiter. Stopp! Darf ich trotzdem mit, 1 km ist 1 km, auf der Rückbank sitzend, puh bloß weg von hier.

Die fuhren und fuhren, nordwestlich, yeah. Nach 30 Minuten mal gefragt wohin, „fontblbl“, wohin nochmal fragend „fontblbl“, ok danke, ich Sprachgenie. Karte studiert, natürlich nichts gefunden, in einer Canabiswolke wiederfindend, ging es immer weiter. Ob das eine Entführung ist, hmm, hatte ja das Fahrtenmesser dabei. Eigentlich zwei, eines das weggenommen werden kann und eines für den Gegenschlag. Allzeit bereit, stand auf der Gürtelschnalle.

Immer nordwestlich haltend, nach 2 Stunden bei einer Frittenbude rechts rann. Luden mich zum Mampfen ein, dann ging es weiter. Getraute nicht zu fragen, grobe Richtung stimmte ja. Nach langem dann noch einen stöppelnden Schwarzen zugeladen. Es wurde eine Metrostation angesteuert, Ende der Reise, alles aussteigen. Fontainebleau, kurz vor Paris, 300 km an einem Stück geschafft.

Mittlerweile 21:00 Uhr und insgesamt 16 Autos beansprucht, wurden nicht alle erwähnt, sonst wäre es langweilig geworden. Mit dem Schwarzen die Treppen runter, lange Schlange vor dem Fahrkartenschalter. Nette Leute boten daneben Fahrkarten an, wollte eine davon, da zog mich der Mitstöppler weg und meinte „Mafia“, also doch nicht. Zusammen den Gare de L’est erreicht und tschüss, Bon Voyage.

Ticket nach Le Havre und wann geht der nächste Zug? Salablabla 23:05 Uhr Perron 11. Da war aber und kam auch nichts. Wohl verhört, das Sprachgenie, zurück an den Schalter. Salablabla 00:05 Uhr Perron 11. Also wieder hin und abermals nichts. Sauer zurück und wieder gefragt: „Salablabla 06:05 Uhr Perron 11?“ „Ja, ja wat’s Salablabla? Gare de Saint Lazarre, ici?“ „No, ici Gare de Lion“. Mann warum haben die hier zwei Bahnhöfe, gibt’s doch nicht. Wusste nicht, dass Paris kreisförmig über die Stadt verteilt fünf oder sechs große Endbahnhöfe hat, die alle mit der Metro verbunden sind. Landei, naives.

Endlich im richtigen Bahnhof, im Wartesaal sitzen kam ein älterer Herr und lud mich zu sich nach Hause ein. Sicher nicht! Der Bahnhof würde gleich geschlossen werden und ich müsste dann raus auf die Straße. Also komm zu mir. So ein Blödsinn «Bahnhof geschlossen», mach’ die Fliege, ich einen Bernergrind machend. Der Wartesaal leerte sich bis auf Einen. Auf den kam ein Sicherheitsbeamter zu und meinte, bitte gehen, wir schließen gleich. Ja spinn’ ich denn, no, nein, niet, niemals oder nur über meine Leiche. Trotzig die Hände um die Stuhllehnen gekrallt.

Er wollte mein Ticket sehen und ich durfte bleiben. Allerdings verschloss er den Wartesaal von außen. Gefangen, konnte so allerdings auch niemand an mich rann. Da sich ein großer Pflanzentopf im Raum befand, war die allfällige Notdurft gesichert. Vor der Glasfläche putzte derweilen ein Heer von Arbeitern den Marmorboden klinisch rein.

Die Türe wurde wieder geöffnet und der Saal füllte sich mit Clochards, hielten aber respektvoll einen Sitzplatz Abstand zu mir. Hier hat’s dann mit dem Zug geklappt und ab nach Le Havre zu den Fähren. Gab nur eine nach Portsmouth, egal, gebucht. Naiv den Rucksack der Verkäuferin zur Aufbewahrung übergeben und bis zum Reisezeitpunkt im Hafen herumgelatscht. Beim Rucksack holen war eine andere da, hat wunderbar geklappt, nichts geklaut. Die Überfahrt auf einer Holzbank gepennt.

An Land und gleich zum Bus nach Southampton. Steig ein, Today for free, so der Driver. Zur Abfahrtszeit kam er nach hinten und meinte heute fahre der Bus nicht, aussteigen. Super, 22:00 Uhr, alleine in einem dunklen Hafen, umgeben von Containern. Keine Menschenseele, also nichts wie weg von hier.

Karte, Kompass, auf zu Fuß und stöppeln. Ein um die Ecke kommender Polizist fragte, was ich hier mache. Richtung Southampton laufen, weg von hier. Das dürfe ich nicht, nur Autobahn und viel zu gefährlich, zudem 20 Meilen weg. „Yes, Sir. And thank you“, so lief ich weiter. Hey Boy, lauf ganz am Rand und pass gut auf, rief er hinterher. Daumen raus, da kam aber keiner, drei Autos in zehn Minuten. Der vierte stoppte und schrie mich an, schnell rein in den Wagen einzusteigen, sah, dass er eine Uniform trug und drinnen war ich.
Ob ich denn nicht wisse, dass das hier eine ganz gefährliche Ecke sei, mit vielen Raubüberfällen. Er hätte ja angehalten und mich mitgenommen. Ja, nur weil er mich auf seinem Boot gesehen hat, sonst niemals. Erzählte ihm die Story vom Busfahrer. Sein Gesicht verfinsterte sich, darum werde ich mich morgen kümmern. Mittlerweile nach Mitternacht brachte er mich zum Bahnhof in S’ton. Begleitete mich zum Schalter, vergewisserte sich, dass noch ein Zug fahren würde und entschuldigte sich für das unangenehme Erlebnis. Der Offizier sah wohl die Ehre Britanniens auf dem Spiel.

Die Zugwagen hatten auf der Seite jeweils mehrere Türen, die links oder rechts geöffnet werden konnten, um auf einer Plüschbank Platz zu nehmen. Durch den Zug laufen war übrigens nicht, nur über den Bahnsteig möglich. Da saß ein Ehepaar, das mich neugierig musterte. Zwei Stationen weiter stiegen die größten Titten, die je gesehen hatte dazu, weiß gar nicht mehr, ob Sabber aus meinem Mundwinkel lief. Sie sah mich an und meinte neckisch; «Quicky possible», «okay», die Gesichtszüge des Paares erstarrten. Wenig später stiegen die drei zusammen aus, Augen auf den Megamöpsen, selber sitzen blieb. Bournemouth, doch was ist das, weder Klinke noch Türgriff zu finden. Notfallmäßig Fenster geöffnet und von außen die Türe entriegelt. Das sei normal, wurde mir später erklärt.

03:00 Uhr, jetzt noch durch die Stadt laufen, dann war Schatzi erreicht. Aber es war unheimlich und dunkel, ich war gewarnt, Hooligans und betrunkene Inselaffen lauerten dort draußen, irgendwo.

Dank des Wissens aus «Hunde wollt Ihr ewig leben»- und «Stalingrad»-Lektüre war die Stadtdurchquerung lebend zu schaffen. Schatten, Hecken, Sträucher und Autos nutzend, unverletzt das Ziel erreicht. Doch die Straße hieß nicht wie auf der 20 Jahren alte Karte. Zum Glück war da eine rote Telefonzelle, von Sherlock Holmes Filmen gelernt, war diese einfach zu bedienen. Hörer abheben, Nummer wählen, toot tot, toot tot, wenn angerufene Person abhebt, schnell die Münze einwerfen.

Beschrieb den Standort und wurde abgeholt, selbstverständlich getarnt im Gebüsch gewartet. Im Studentenwohnheim gierig übereinander hergefallen, Frau Quicky war vor geistigem Auge mit dabei. Etwas peinlich das blöde Grinsen der Mitbewohner beim Frühstückstisch. Schatzi hatte in einer Pension für uns gebucht, da waren die Wände bedeutend dichter. Mission 1 erfüllt.

Mission 2 war Besuch des National Maritim Museum in Greenwich auf dem 0 Längengrad. Hatte ein Schiffschronometer geerbt und gerne gewusst, wie alt der ist. Also hin mit Bus und Schiff. Dort einen Wächter gefragt, wer da helfen könne. Der Kurator gab uns persönlich die Ehre. Noch nie hätte einer der Schweizer Gebirgsmarine um Unterstützung gefragt, bemerkte er grinsend. Woher er denn wisse, dass wir fünf 2-Mann-U-Boote auf dem Thunersee stationiert hätten, konterte ich. Das gefiel ihm, so ging es in für Besucher nicht zugängliche Gemächer. Überall altes bis sehr altes Nautisches bis zur Decke gestapelt, da war das eigentliche Museum langweilig dagegen. Viele kleine Registerkästchen, eines davon öffnete er.
L.J. Harri, Amsterdam sei kein Uhrmacher gewesen, sondern ein Schiffsausrüster. Chronometer wäre vermutlich englisch. Aufgrund der Seriennummer, die britische Marine hatte etwa 15 Nummern vorher und 25 Nummern nachher welche gekauft, Alter um 1920. Geil, war begeistert.

Urlaub und Heimreise sind eigentlich nicht erwähnenswert. Bus bis Hafen, Fähre bis Le Havre, Zug via Paris, Basel, Olten nach Bern.



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