• 02.07.2022

Das Männermagazin

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Musik als Spiegel der Gesellschaft und der Kultur ihrer Zeit

klavier

» Artikel vom

Gastautor: Doktörchen

Unter besonderer Berücksichtigung meiner eigenen Musiksammlung. Bin ja kein studierter Musikfachsimpler. Und ehrlich gesagt, ist mir das ständige Diskutieren über Covid oder feministische Außenpolitik ein bisschen zu flach, zu kulturarm. Deswegen dachte ich mir, ich gehe mal meine Musiksammlung durch und beleuchte ein wenig den geistig-kulturellen Hintergrund der Entstehung. Und, wie ihr am Ende sehen werdet, passt das auch gut zum Thema Männer und Männermagazin, und so hoffe ich, euch gefällt das. Vielleicht können wir ja auch mal Musiktipps tauschen?

Die älteste Musik in meiner Sammlung ist im Folder ‚Klassik‘ zu finden, und da insbesondere Johann Sebastian Bach. Herr Bach hat so unglaublich schöne Sachen komponiert wie ’Toccata und Fuge in d-Moll’ oder eine Vielzahl von Konzerten für Flöte, Oboe, Cembalo. Die Musik Bachs war meist geistlicher Art. Er war ja ‚Thomaskantor‘, also der Organist der Thomaskirche in Leipzig. Und die meiste seiner Musik wurde (und wird bis heute) in Kirchen gespielt. Da sind auch viele Messen dabei, etwa die in h-Moll. Zu seiner Zeit (1685 - 1750) war die Kirche eben die bestimmende kulturelle Macht, auch wenn der Einfluss absolutistischer Fürsten bereits in seinen Konzerten deutlich wird – er war nämlich auch Hofkapellmeister und komponierte viele Konzerte, etwa die berühmten Brandenburgischen Konzerte.

Nebenbei spürt man (oder sagt mann im MM mann?) auch den stärker werdenden Einfluss der Mathematik und Wissenschaft auf die Kultur: unter anderem erfand Bach das wohltemperierte Klavier, das die alte Stimmung (der Saiten) nach Pythagoras ablöste. Ähnlich auch Vivaldi, Priester und Komponist. Meine Lieblingsjahreszeit ist natürlich sein Frühling. Himmlisch.

Die nächste musikalisch relevante Periode ist der Absolutismus, also das Zeitalter der allein- bestimmenden Fürsten, und da habe ich etliche gute Stücke vorrätig. Etwa von Beethoven, dem großen Ludwig van, von Wolfgang Amadeus Mozart, oder von Anton Bruckner. Bekanntermaßen war die Musik Mozarts der letzte Schrei bei den Damen am Wiener Hof. Anton Bruckner dirigierte die Wiener Philharmoniker. Seine Stücke sind gewaltig und erfordern auch großen Aufwand, den sich damals nur Kaiser und Könige leisten konnten. Empfohlen vom Ludwig natürlich die 5. Symphonie, ein Klassiker der Klassik, vom Anton aber die Letzte, die mystische Unvollendete 9., die er zu seinem Lebensende und wohl schon in Vorfreude auf das Paradies komponierte. Diese Symphonie reicht bereits von der Romantik in die neue Zeit hinein, denn sie wurde erst gegen Ende des 19. Jh. fertiggestellt (1896).

Ja, und aus der Zeit kommt auch die deutsche Volksmusik, viele Lieder aus der Zeit der Romantik und der Jugendbewegung, 19. und frühes 20. Jahrhundert zumeist. Die Aufnahmen, die ich habe, sind aber neuer und häufig von Heino. Weil, der hat seine Sache gut gemacht. Diese Volksmusik ist natürlich aus einer ganz anderen Kultur entsprungen als die fürstliche Musik der Klassik: häufig wurden die Lieder im Freundeskreis (bis heute), am Lagerfeuer, auf Wanderschaft oder auch einfach daheim mit Familie gesungen und mit Gitarre begleitet. Die Stücke sind einfach, eingängig, oftmals lustig, und häufig sehr schön. Lieder-Tipp: Heinos ’Hejo, spann den Wagen an’ oder auch ’Wir sind des Geyers Schwarze Haufen’ aus der Bauernkriegszeit.

Weiter geht’s mit Elvis Presley, der ’King of Rock 'n' Roll’. Die Wurzeln seiner Musik stammen aus einer ganz anderen Kultur und Zeit, aus der weißen Country-Musik der amerikanischen Siedler und aus dem afroamerikanischen Rhythm and Blues. Die Verschmelzung dieser beiden Richtungen schuf etwas ganz Neues, nämlich den Rock ’n’ Roll. Kulturell klar eine Musik der Jugend, die tanzen und Spaß haben wollte. Keine Fürsten, keine Kirchen, aber Einfluss der Gospels (Baptisten). Elvis Presley galt eindeutig als Verderber der Jugend. Na ja, vor allem sein Hüftschwung, der die Mädels zur Ohnmacht trieb. Gute Lieder: ’Heartbreak Hotel’, ’Jail House Rock’, ’Blue Suede Shoes’. Großartige Kindergartenmusik (da hab ich ihn erstmals gehört).

Ja, so alt bin ich, und ich habe auch die Erstveröffentlichung von ’Hey Jude’ im Rundfunk live miterlebt. Und damit sind wir schon bei der nächsten kulturellen Revolution, den unvergleichlichen Beatles aus Liverpool, „Engel oder Mutanten, von Gott auf die Erde geschickt, um uns glücklich zu machen“ (T. Leary, 1968). Muss ich viel über die Beatles schreiben oder kennt ihr die? Fast 10 Jahre, ab 1962 und bis nach 1970, dominierten die Jungs aus Liverpool die Hitparaden. Und während sie zunächst einfach eine heiße Boy Group waren, mutierten sie dann zu einer psychedelischen Experimentalgruppe, die beim Guru Sitarspielen lernte. Genau, die Hippiewelle war ausgebrochen, und da waren die Beatles auch voll dabei. Sorglose reiche Mittelstandsjüngelchen und -mädelchen probierten Drogen und Sex und wollten ’Love and Peace’ und nichts Arbeiten. Gute Lieder: viele. ’Hey Jude’, ’Let it be’, ’Back in the USSR’.

Nach den Beatles kam die große Zeit der Rockbands, beispielsweise der Rolling Stones, der Who, Deep Purple, CCR … viel dieser Musik wird ja noch heute gehört, insbesondere Musik der Richtung Hard Rock // Heavy Metal. Hörtipps: ’Route 66’, ’Tommy’, ’Highway Star’, ’Lody’.

Die Zeit der Protestsongs, mit Bob Dylans ’Times they are a changin´ oder Joan Baez's ’Bangla Desh’ lassen wir mal weg, das wird ja heutzutage mehr zur Literatur gezählt als zur Musik, und zu Recht. Sorry.

Out of the blue and into the black: Ende der 1970er Jahre kam es dann zu einer kleinen Revolution: schmutzige wilde Jungs, die keine Gitarre spielen konnten, dafür aber viel herumbrüllten, vermarkteten sich als Punks (Johnny Rotten, Sid Vicious). Die mentalen Begleiterscheinungen wie Depression, Arbeitsunlust und Trunksucht werden heute auf Vergiftung der Innenstadtkinder durch verbleites Benzin zurückgeführt (’no future for you’). Die Musik selbst war eine einfache und ursprüngliche, ungekünstelte Spielart des Rock'nRoll. Hörtipps: The Stranglers ’Hanging around’ und Tubes ’White Punks on Dope’. Aus dem Punk ging in Deutschland die ’Neue Deutsche Welle’ (NDW) hervor, mit lustigen Stücken (Nena, Trio) bis zu hartem, schnellen Sound (Fehlfarben). Hörtipps: Nena ’Nur geträumt’ und Fehlfarben ’Apokalypse’.

Nach dem Rock, und dann schon in den 1980er Jahren, kam der Pop. Und der King of Pop, das war Michael Jackson. Unbesiegbar und mit weitem Abstand. Der erfolgreichste Künstler aller Zeiten (Guinness Buch der Rekorde). Bemerkenswert unter anderem die Hüftdrehung und der Moonwalk. Ja, tanzen konnte der, der kleine Teufel! Sein erster Hit, der mir im Ohr blieb, und zwar 1983, war ’Billie Jean’, und der zweite war ’Beat It’, gleich danach. Das war ganz neue Musik, nix langweilige Hippies, eine Fusion aus Soul, Rhythm and Blues und eine gute Portion Disco rein, wie bei Elvis eben eine Mischung mehrerer Richtungen: hier kam auch noch gut was Latino und vielleicht sogar Indianer mit rein. Seine Musik brachte Schwung in mein Leben. Meine Hippiefreunde hassten mich dafür, aber ich liebte Michael und seine Musik. Und seine Texte („you seduce every man“ bis „this child is not my son … “) sind auch was für die Leser des Männermagazins. Hörenswert (auch Videos ansehen, wg. Tanzen): ’Dirty Diana’, ’Billie Jean’, ’Beat it’ und ’Bad’.

Die 1980er Jahre brachten viele gute Stücke, und viele finden ja bis heute, es war die beste Zeit des Westens, aber kulturell-musikalisch blieb der Pop dominant, mit Resten von Rock und Disco und so … nichts ground-breaking Neues, find ich. Aber gut.

Das änderte sich rapide Anfang der 1990er Jahre. In Südengland hörten die ’Gals n Boyz’ eine sonderbare Musik mit Namen Acid House. Durch Mut und Zufall gelangte ich nach der üblichen Kneipensperre um 10:30 abends in eine illegale Acid House Party (ich ging halt mal den Kids hinterher), und es war um mich geschehen. Wie ein Irrer hopste ich auf Sofas rum und tanzte und tanzte und tanzte. Immerhin auf 120 bps (Beats per second), abgefahrener Sound. Ich kam heim nach Deutschland und … da war nix! Nirgends gar nix. Es gab kein Acid House. So haben wir eben Platten eingeschmuggelt und als Techno verkauft. Meine langweiligen immer-noch kiffenden Hippiebekannten (nix mehr Freunde) hielten mich jetzt für entweder komplett durchgeknallt oder gar von Dämonen besessen. Dennoch, 1991 ging’s dann auch in D los, Marusha on Air, DT64, RaveParties, und dann endlich riesige kommerzielle Technoparties und natürlich die Love Parade in Berlin. Das war schon gut, überall acid (Techno) zwischen den Hochhäusern und 1 Million tanzende Menschen! Empfohlene Stücke: meist underground, z. B. Westbam - ’The Mayday Anthem’ (unbedingt volle Lautstärke und Stroboskop nicht vergessen).

Techno blieb zwar einige Zeitlang aktuell (und bis heute, oft verbunden mit Ecstasy-Konsum und Berliner Clubs), aber die Kids hörten bereits etwas ganz anderes, ebenso neues und Ungehörtes: Hip-Hop, oder Rap, wie das heute genannt wird. Und das war wirklich kulturell völlig verschieden: in den eher kriminellen Vierteln der People of Color in den heruntergekommenen amerikanischen Großstädten geboren, eingängige Beats, aber kaum Gesang, nur rhythmisches Sprechen. Meins war das nicht, sowas ist doch keine Kunst, sondern PoCmusik. Aber bei ’Hip Hop Hurray’ von Naughty by Nature verfalle ich dann schon in den typischen Schleppschritt, und letztendlich hab ich auch Rappen gelernt. Einer der herausragenden Künstler des Raps ist Eminem („King of Hip-Hop“), ein amerikanischer White Trash Junge aus einer typischen Alleinerziehenden-Familie. Und das Drama mit seiner Mutter (’Cleaning out my closet’) und der Hass auf seinen Psychiater (’The Real Slim Shady’) sind ehrliche Berichte aus dem eher wenig guten Leben eines Jungen in so einer Trash AE Familie. Hörenswert wegen dieser Texte und Empfindungen. Außerdem macht Eminem wirklich gute Rhythmen: ’One Shot Stan’. Inhaltlich düster, gewalttätig.

Ja, das war’s dann bis zum Jahr 2000. Fehlt was? Ach ja, die Frauen … ich hab zwar viele gute Musik mit und von Frauen (die singen ja so schön), aber kulturell war da halt bisher kein erwähnenswerter Durchbruch dabei. Isso, find ich. Das neue Jahrtausend warte ich erstmal ab (und es sind ja auch schon 1450 Worte). Da kommt bestimmt noch viel gute Musik. Oder wisst ihr schon was?

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