• 10.08.2020

Das Männermagazin

Leutnant Dino kommentiert

Was Mann nicht kaufen kann

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» Artikel vom

Abgesehen von kurzen Höhepunkten mit Frauen und Viren waren in der Menschheitsgeschichte die meisten Männer vorwiegend mit Lebensmittelproduktion oder -beschaffung beschäftigt. Bis vor ein paar Jahren, wo sich das grundlegend geändert hat. Heutzutage versorgen sich die Leute zu 95% aus Supermärkten mit Lebensmitteln und kaufen alles ess- oder zubereitungsfertig. Den Rest besorgt man sich bei anderen kommerziellen Händlern oder direkt bei Erzeugern. Vielleicht 0,1% der Lebensmittel werden noch selbst produziert oder Nachbarn haben Selbstproduziertes verschenkt / getauscht. Oder man geht essen und lässt sich alles fixfertig servieren, auch dann bekommt man Gerichte mit den üblichen, in großem Maßstab kommerziell produzierten Zutaten serviert.

In einem früheren Beitrag ging es bereits um den Spaß, den man mit etwas mehr Eigenversorgung haben kann. Einer der Gründe, wieso das manche Leute machen, ist die Genuss- und Erfahrungswelt mit Dingen, die überhaupt nicht zu kaufen sind. Das Spektrum unserer Nahrung wurde insbesondere beim Obst durch die Zwänge, denen kommerzielle Produzenten unterliegen, extrem eingeschränkt und durch eine Scheinvielfalt ersetzt. Hinzugekommen sind nur Importe, die eigene Vielfalt ist dagegen zur Einfalt zusammengeschrumpft. Nur was im großen Maßstab sehr marktgängig zu machen ist, wird auch angebaut und verkauft. Käufer gibt es zwar für alles, aber nicht alles kann effizient geliefert und produziert werden. Das gilt sowohl für verschiedene Lebensmittelarten, als auch für viele Sorten innerhalb einer Art. Musterbeispiel für eine eingeschränkte Lebensmittelsorte sind Äpfel und Birnen. Der kommerzielle Anbau hat die Sortenvielfalt extrem verengt. So haben bei Birnen nur vier Sorten 95% Marktanteil, davon die Sorte „Conference“ mit Abstand den größten. Bei Äpfeln gibt es scheinbar mehr Sorten, dafür ist das Stilspektrum stark eingeengt - alle Sorten mit nennenswertem Marktanteil haben immer dieselben zwei Sorten im Stammbaum. Mit anderen Worten, viele Sorten sind gar nicht mehr zu unterscheiden, nicht nur im Geschmack, sondern auch in der Konsistenz. Alle kommerziellen Sorten müssen druckfest sein, damit man sie in große Lagerkisten im Großlager kippen kann und unqualifizierte Pflücker die Bollen schnell abreißen und in die Kiste werfen können. Das große Spektrum einer ganzen Obstart wird damit zu einer eindimensionalen Marke verengt.

Ganze Arten schaffen es gar nicht erst in den Einzelhandel oder nur sehr selten, in homöopathischen Dosen. Das hat unterschiedliche Gründe, bleibt aber für den Käufer irrelevant. Warum etwas nicht auftaucht, spielt für ihn keine Rolle. Relevant ist nur, dass es nicht da ist. Beim Obst sind das sogar ausgesprochen viele Dinge, die auch in Mitteleuropa gut wachsen. Und das oft ohne großen Aufwand. Schon im kleinen Vorgarten kann etwas wachsen, das gut schmeckt und nicht zu kaufen ist. Was ist das für Zeug, was entgeht uns da, wenn wir nicht selbst Hand anlegen? Gehen wir mal einige kaum kaufbare Obstarten durch:

Quitten

Musterbeispiel für „sehr bekannt, aber kaum zu haben“. Es gibt sie nur in kleinen Obst- und Gemüseläden, importiert zu stolzen Preisen fast immer aus der Türkei. Anbauzentrum dieses Rosengewächses ist Serbien, aber die nutzen ihre Früchte lieber selber, statt sie in die EU zu exportieren. Die aus den Gemüseläden sind zu weit transportiert, viel zu überlagert, zu selten. Dabei zählt dieser Baum in Deutschland zu den problemlosesten Obstgehölzen, die auch auf kleiner Fläche sehr gut wachsen und fruchten. Die Bäume sind leicht kleinzuhalten, wachsen meist dicht und sehen sehr dekorativ aus. Hübsche große weißrosa Blüte im Mai, schöne Blätter, die gelben Früchte im Herbst sind sehr zierend. Roh sind sie aus der Mode gekommen, aber verarbeitet ergeben sie einen herrlichen Saft (für gekauften Bioquittensaft werden im Schnitt 5 Euro pro Liter aufgerufen), ausdrucksstarke Desserts, haltbare Süßigkeiten und natürlich lässt sich ein Obstwasser draus brennen, auch aus allen folgenden Obstarten. Sortenempfehlung: Cydora (nicht Cydora Robusta), Cydopom, Zitronenquitte Limon Ayvasi.

Mispeln

Schon weniger bekannt und oft verwechselt mit Loquats aus Asien und dem Mittelmeer, die man Dank eines Zuordnungsfehlers eines Schweden mit Namen Thunberg im Jahre 1780 mit Wollmispel, Mispero, Nespolo bezeichnet, botanisch heute Eriobotrya japonica. Der Fehler wurde zwar schon früh wieder korrigiert, aber der Schaden war passiert und seither stolpern ständig Ahnungslose in Verwechslungen und Verwirrungen zwischen der braunen heimischen Mispel und der orangegelben Nespoli, die hierzulande nicht winterhart ist. Die Mispel gibt‘s nicht mal in Obstläden und auch auf Märkten so gut wie nie. Der Baum passt ebenfalls in einen Vorgarten, er wird nicht hoch und geht eher in die Breite, lässt sich aber gut begrenzen. Die Blüten erscheinen im Mai, manchmal erst im Juni, sind groß und weiß, das sattgrüne große Laub sieht fast nach einer Tropenpflanze aus. Sie verträgt Hitze, Trockenheit und Fröste bis -20°C. Ihre kugeligen braunen Früchte (große Exemplare erreichen 70 Gramm!) schmecken roh erst, wenn sie teigig geworden sind, im November oder nach Lagerung im Keller. Optisch wirkt sie dann verdorben, aber das Aroma nach grünem Apfel ist edel, die Konsistenz cremig, fast zum Lutschen. Auch hier wieder: Saft, Desserts, Rohgenuss. Die optimale Verarbeitung benötigt allerdings ein paar Kenntnisse. Am besten finde ich sie kurz vor dem teigig werden gesammelt oder gepflückt und einfach unverpackt in ein Tiefkühlfach geworfen. Man kann dann allabendlich ein paar Früchte herausnehmen, über Nacht auftauen lassen und auf dem morgendlichen Obstteller servieren. Die Gerbstoffe sind nach dem Gefrieren und Auftauen weg, sie blieb innen hell, statt braun zu werden, aber nun schmeckt sie weich und süß. Sortenempfehlung: Holländische Riesenmispel, Macrocarpa, Kurpfalzmispel mit wenig Gerbstoffen.

Papau, Indianerbanane

Im Laden völlig unbekannt, aber wer sie im Garten hat, schwärmt davon. Sie ist der einzige Vertreter einer tropischen Obstfamilie, der völlig frosthart ist. Heimisch in Nordamerika. Das Aroma der mangoartig aussehenden Früchte wirkt wie eine Mischung aus Banane, Avocado, etwas Mango und Erdbeere. Nicht im Laden, da nur kurz haltbar und nicht nachreifend. Der Baum bleibt mittelgroß, wächst auch nicht allzu schnell. Die meisten Sorten benötigen allerdings einen Befruchter, also mindestens zwei Bäume unterschiedlicher Sorten. Frischgenuss im Oktober direkt vom Baum oder eingefrorenes Fruchtmus das ganze Jahr. Sortenempfehlung: Prima 1216 und Sorten des Züchters Neal Peterson.

Kornelkirschen

Strauch oder kleiner Baum, immer schon heimisch im nördlicheren Mitteleuropa, beliebtes und sehr robustes Straßenbegleitgrüngehölz. Nicht ganz selbstfruchtbar. Das Holz ist das schwerste und hochwertigste heimische Holz in Europa, es ist schwerer als Wasser und schwimmt nicht. Blüht sehr früh im Jahr und gelb, Bienenpflanze. Vor ein paar Jahrzehnten fing man erst an, aus der Wildobstart süßere, großfrüchtigere Sorten zu züchten. Und das mit Erfolg, aus dem sauren kleinen Wildobst wurde großes süßeres Tafelobst. Das Fruchtgewicht neuer Sorten erreicht mit 15 Gramm so viel wie große Süßkirschen, der hohe Säuregehalt ist weg. Das Aroma ist spezifisch und eigenständig, leicht nach Sauerkirsche. Man kann sie frisch essen, kandieren, trocknen, einlegen oder zu Gelee, Sirup, Saft, Limonade verarbeiten. Sortenempfehlung: Kasanlaker.

Renekloden

Bestenfalls selten auf dem Markt und dann nie reif. Die besten aller Rundpflaumen seit dem 15. Jahrhundert. Im Vergleich zu den großen runden Pflaumen einer asiatischen Art sind das leckerste Aromafrüchte. Früchte mit geleeartigem Fruchtfleisch, sehr ausgewogenes Geschmacksspektrum, mit Anteilen von Mirabelle, Zwetschge, Haferpflaume. Der Baum sieht aus wie ein etwas breiter Zwetschgenbaum und hat ähnliche Wuchseigenschaften. Er sollte nicht luftfeucht stehen, am besten nach Osten offen. Sortenempfehlung: Große grüne Reneklode, die ist selbstfruchtbar.

Ölweiden

Eine völlig unterschätzte Gruppe von Wildobstarten aus Ostasien. Verwandt mit unserem Sanddorn und Büffelbeeren. Die Pflanzen sind trockenfest, absolut frostfest, holen sich selber Stickstoff aus der Luft wie Leguminosen, salztolerant, blühen mit Nektarangebot für Bienen. Die vielblütige Ölweide hat die größten und besten Früchte bei kompakter Pflanze (2 Meter hoch). Die leuchtend roten Beeren reifen im Sommer, sind zuckerreich und besitzen auch einen mäßigen und damit angenehmen Gerbstoffgehalt. Auch gut die beschirmte Ölweide mit kleineren Früchten Ende September, es gibt sie in Gelb und Rot. Diese Art wird höher, ist auch heckengeeignet. Sortenempfehlung: Sweet Scarlet, Goumi du Japon.

Feigen

Gibt es gelegentlich im Supermarkt, aber nur sehr saisonal in grausamer Schlechtqualität aus der Türkei. Die Klimaverbesserung hat es möglich gemacht, dass eine Handvoll Sorten in fast ganz Deutschland seit einigen Jahren an Hauswänden gut überlebt und fruchtet. In immer mehr wärmebegünstigten Gegenden (nicht nur die Südpfalz!) wachsen sie sogar freistehend und erreichen eindrucksvolle Größen, wenn sie nicht geschnitten werden. Frische, ausgereifte Feigen sind unvergleichlich gut. Wer eine Sommerfeige vom Baum probiert hat, ist für Supermarktware danach verloren. Sortenempfehlung: Ronde de Bordeaux, Negronne, Madeleine des deux saisons.

Es gibt natürlich noch viel mehr Obst für den eigenen Garten, das ohne großen Aufwand Genüsse liefert, die man nicht kaufen kann. Felsenbirnen, Maibeeren, Maulbeeren, Berglitschi..., da ist einiges zu entdecken. Solche Gehölze zu pflanzen bringt nicht nur Genuss in die Hütte, damit ist der Umwelt auch hundertmal mehr geholfen, wie mit dem zurzeit modischen öffentlichen Klimawandeltrommeln. Was von Natur aus robust ist, braucht keine Pflanzenschutzmitteldusche. Was vor Ort wächst, muss nicht um den halben Globus geflogen und durch drei Lager gewuchtet werden. Was blüht, hilft Insekten. Wer pflanzt, tut etwas und labert nicht. Jetzt ist Pflanzsaison dafür - pflanzt ein Obstgehölz!

P.


Weiterführender Link: TrennungsFAQ
Ratsuchende Väter finden im TrennungsFAQ-Forum konkrete Hilfe


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